Neuer Name für Karl-Pfitzer-Straße
04.07.2007 05:00 Uhr - Von unserem Redaktionsmitglied Peter BauschDer Sindelfinger Gemeinderat hat gestern Abend Geschichte (um)geschrieben: Bei fünf Enthaltungen, aber ohne Gegenstimme, ist der Beschluss gefallen, der Karl-Pfitzer-Straße einen anderen Namen zu geben und dem zwischen 1932 und 1945 amtierenden Bürgermeister die Ehrenbürgerschaft abzuerkennen.
Im Gemeinderat herrscht Einmütigkeit, auch wenn sich Sabine Beyer und Prof. Dr. Wolfgang Seidel von den Freien Wählern, Horst Thome, Wolfgang Baltzer und Dr. Martin Schwärzel-Peters von der CDU ihrer Stimme enthalten.
"Wir sind zufrieden", sagen Fabian Braimer und Manuel Stallbaumer. Die beiden Schüler gehören zu der Buntstiftgruppe des Goldberg-Gymnasiums, die bei ihren Recherchen über die Nazi-Zeit in Sindelfingen das Schicksal der jüdischen Familie Ullmann untersuchte. Seit Januar 2006 steht vor dem Domo das Ullmann-Denkmal, das die von Geschichtslehrer Michael Kuckenburg betreuten Schüler entworfen haben.
Bei der Einweihung zitierten die Schüler aus Gemeinderatsprotokollen, wonach Bürgermeister Karl Pfitzer "aus eigener Entscheidung Maßnahmen gegen die Firma und Familie Ullmann ergriffen hatte". Diesen Schluss bestätigt Kulturamtsleiter Horst Zecha nach intensivem Aktenstudium, das der Oberbürgermeister damals gefordert hatte. Dr. Bernd Vöhringer hat die Vorgabe gestern noch einmal klar formuliert: "Es geht nicht darum, Karl Pfitzer jegliche Verdienste um die Stadt abzusprechen oder seine Person einer umfassenden Würdigung zu unterziehen, sondern es geht allein um seine Rolle im Verhältnis zu der Familie Ullmann."
Horst Zecha bestätigt die Zitate, die von den Schülern in seinem Stadtarchiv gefunden hatten. Für CDU-Fraktionschef Walter Arnold ist es ein "niederschmetterndes Ergebnis, dass Karl Pfitzer ohne Zwang Maßnahmen gegen jüdische Mitbürger ergriffen hat. Man kann gute Maßnahmen nicht gegen schlechte aufrechnen." Für FWS-Fraktionschefin Ingrid Balzer lassen die vorgelegten Ratsprotokolle aus der Nazi-Zeit keine Wahl: "Die Ehrenbürgerwürde muss fast zwangsläufig aberkannt werden."
Für Hans Klemm, den Vorsitzenden der SPD-Fraktion, ist entscheidend, dass "ein Bürgermeister oder Oberbürgermeister die soziale Fürsorge für alle Bürger der Stadt verantwortet. Hätten unsere Altvorderen 1953 und 1962 die selben Recherchen angestellt wie die Goldberg-Schüler, wäre die Diskussion heute nicht notwendig." Grünen-Chef Hans Grau sieht nach den Recherchen ein eindeutiges Ergebnis: "Karl Pfitzer (Bild: Stampe/A) hat als Nationalsozialist gehandelt und darf deswegen kein Ehrenbürger dieser Stadt sein." Für FDP-Sprecher Dr. Werner Payer ist es "ein Geheimnis", warum Karl Pfitzers Haltung nicht überprüft wurde, als der ehemalige Bürgermeister 1953 zum Ehrenbürger ernannt und 1962 Namenspate für eine Straße im Wengert wurde: "Auch wenn die Aberkennung der Ehrenbürgerschaft nur ein symbolischer Akt ist, stehe ich sogar als Jurist hinter dieser Entscheidung."
Die Diskussion um Karl Pfitzer, der 1948 im Spruchkammerverfahren zur Entnazifizierung als Mitläufer eingestuft worden war, schlägt nach dem Gemeinderatsbeschluss hohe Wellen im Rathausfoyer. "War das wirklich nötig?", fragt Rosemarie Riefler, die in der Karl-Pfitzer-Straße wohnt. "Die Toten sollte man ruhen lassen", sagen Ilse und Hans Behrmann, die ebenfalls eine neue Adresse bekommen werden.
Heute Thema im SWR-Fernsehen
Ob die Bewohner der Karl-Pfitzer-Straße eine finanzielle Entschädigung bekommen, wenn ihre Adresse geändert wird, liegt im Ermessen des Gemeinderats. Das sagte gestern Abend Oberbürgermeister Bernd Vöhringer, nachdem Helmut Schmid (SPD), der gestern für 20-jährige Mitgliedschaft im Gemeinderat geehrt wurde, und Ewald Höhn (Freie Wähler) nachgefragt hatten. Die beiden Stadträte hatten im Foyer mit Anliegern und Schülern diskutiert.
Die Diskussion in Sindelfingen um Karl Pfitzer ist heute Abend Thema in der Landesschau zwischen 18.45 und 19.45 Uhr im Südwest-Fernsehen. Martin Klein, Michael Bies (Kamera) und Armin Nennstiel (Ton) haben gestern im Sitzungssaal und im Rathausfoyer gedreht. "Es ist erstaunlich, dass sich Schüler auch von Widerständen nicht entmutigen ließen und ein unglaubliches Stehvermögen bewiesen haben", sagt TV-Journalist Martin Klein.
Zum Richtigen stehen!
Ich finde, dass dies eine sehr gute Entscheidung ist. Man muss zu seinen Werten stehen und konsequent Zeichen setzen. Auch wenn das Unrecht noch so alt ist, es wird nie aus den Köpfen der Menschen verschwinden, dass jemand damit davongekommen ist. Bitte weiter so geradlinige Entscheidungen treffen!


