Top-Thema vom 15.02.2017

Sindelfingen: Nach dem Fund der 250 Kilogramm schweren Fliegerbombe werden etwa 1000 Menschen ohne Hektik und Panik evakuiert

In 22 Minuten ist die Bombe entschärft

  • Bild: SDMG/Dettenmeyer Bild: SDMG/Dettenmeyer

Eine 250 Kilogramm schwere Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg hat Sindelfingen am Mittwoch in Atem gehalten. Gefunden wurde sie bei Bauarbeiten in der Nähe von Tor 3 des Mercedes-Benz-Werks. Ein Gebiet im Umkreis von 300 Meter wurde evakuiert, betroffen waren davon rund 1000 Menschen. Der Kampfmittelräumdienst hat die Bombe um 19.37 Uhr entschärft.

Um 10 Uhr erfahren Polizei und Sindelfinger Stadtverwaltung von dem Bombenfund. Die etwa 250 Kilogramm schwere Bombe wurde morgens bei Bauarbeiten am Bau eins neben dem Tor 3 des Mercedes-Benz-Werks entdeckt. Der Kampfmittelbeseitigungsdienst Baden-Württemberg wird informiert.
Mathias Peterle rückt mit zwei weiteren Kollegen an, begutachtet die Bombe. Eine weite Anfahrt haben die Männer vom Kampfmittelbeseitigungsdienst nicht zum Mercedes-Werk, haben sie ihr Quartier doch auf Sindelfinger Markung am Roher Pfad, der ehemaligen Panzerstraße zwischen Böblingen und Vaihingen. Peterle entscheidet in Absprache mit dem Werk und der Stadtverwaltung Sindelfingen, dass eine Zone von 300 Metern rund um den Fundort evakuiert werden muss. Die Planungen für diese Maßnahmen laufen rasch, aber ruhig an, es besteht kein akuter Handlungsbedarf.

Seit 13.30 Uhr ist Sindelfingens Oberbürgermeister Dr. Bernd Vöhringer aktiv eingebunden, nimmt an Besprechungen teil, ist auf den Straßen unterwegs und erkundigt sich vor Ort über die Lage, „um bei den Leuten zu sein. Ich habe morgens von dem Bombenfund erfahren. Wir haben alle Termine rausgeworfen. Es läuft alles hochprofessionell, alle Bereiche arbeiten sehr gut zusammen“, sagt Dr. Vöhringer.

Um 15 Uhr ist alles wie immer – fast. Ein Wagen der Daimler-Werksfeuerwehr steht vor dem Tor 3, daneben ein roter Container mit der Aufschrift „Einsatzleitung“. Ansonsten geht es im größten Mercedes-Werk geschäftig wie immer zu. Von einer überstürzten Räumung keine Spur. Die Produktion ist laut einer Pressesprecherin des Werks nicht beeinträchtigt.
Von Panik ist bei der Belegschaft nichts zu spüren. Auf dem Werksgelände müssen die Gebäude zwei und acht – dabei handelt es sich um den Karosserie-Rohbau, und Teile des Entwicklungsbereichs – geräumt werden. Eine niedrige dreistellige Zahl an Mitarbeitern ist von dieser Maßnahme betroffen. „Für die Mitarbeiter besteht keine akute Gefahr“, sagt die Unternehmenssprecherin. Allerdings sorgt die teilweise Räumung des Werks für einen ungewöhnlich frühen Stau auf der Hanns-Martin-Schleyer-Straße in Sindelfingen.

Ruhig und ohne Hektik verläuft die Evakuierung der Bewohner der nördlichen Hanns-Martin-Schleyer-Straße, der Riedmühlestraße, des Hofstättenwegs, der Calwer Straße, der Küblerstraße sowie der Marienstraße und der Martastraße. Die Evakuierung erfolge vorsorglich, heißt es seitens der Stadt: „Es besteht keine akute Gefahr“. Von der Evakuierung ist bis nach 16 Uhr in den umliegenden Gebäuden nichts zu spüren. Viele Anwohner in der Nähe des Calwer Knotens sind zu dieser Zeit ohnehin nicht zu Hause. Lediglich vor der Flüchtlingsunterkunft im ehemalige Hotel Ritter hat sich eine Menschentraube gesammelt. In der Calwer Straße und am Daimlersteg stehen Pflieger-Busse bereit, um die Menschen zur Sporthalle Gartenstraße zu bringen. Noch ist niemand eingestiegen.

Werner Helden wohnt im Hofstättenweg. „Ich habe um 15 Uhr von meiner Tochter von der Evakuierung erfahren, sie arbeitet auf dem Rathaus und hat es mitbekommen“, sagt Helden, der sich nicht davon überrascht zeigt, dass eine Bombe gefunden wird. „Das war klar, es wurden ja damals sehr viele abgeworfen“, sagt der Rentner, der mit der Situation sehr entspannt umging: „Ich gehe halt zu meiner Tochter.“ Wiethard Kammerer ist mit einem Bus in die Sporthalle Gartenstraße gefahren. Die Stadt hatte dort eine Sammelunterkunft eingerichtet, die Menschen werden mit Essen und Trinken versorgt, die Halle kann 1300 Personen aufnehmen.
Einige Dutzend Einsatzkräfte des Roten Kreuz warten um kurz vor fünf auf die Evakuierten. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass bis 18 Uhr alle Gebäude geräumt sind“, sagt eine der Helferinnen, die damit richtig liegt. Vor der Halle kleben Wegweise mit der Aufschrift: „Zu Registrierung“. Wiethard Kammerer lässt sich in eine Liste eintragen, dann sucht er sich auf der Tribüne einen Sitzplatz. „Mich hat eine Frau rausgeklingelt und gesagt, beim Daimler sei eine Bombe gefunden worden“, sagt der 82-Jährige, der in Gechingen seine Kindheit verbrachte und dort den Abwurf von Brandbomben erlebte. Dieter Glomb hat von seiner Tochter von der Räumung gehört. „Ich habe eine Kurznachricht erhalten“, sagte der Mercdes-Mitarbeiter, der „sehr gelassen“ bleibt.

Ab 17.30 Uhr sperrt die Polizei den Calwer Bogen, der Verkehr in der Sindelfinger Innenstadt bricht zeitweise völlig zusammen. Einsatzkräfte der Bundespolizeiinspektion Stuttgart räumen ab 17.45 Uhr den Bahnsteig des Bahnhofs Sindelfingen in Richtung Renningen. Die Bahnstrecke Böblingen – Renningen ist gesperrt. Die letzte S60 von Renningen nach Böblingen fährt um 17.09 Uhr, der letzte Zug von Böblingen nach Renningen fährt um 17.34 Uhr. Ab 18.05 fahren Busse als Schienenersatzverkehr. Bis auf die Linie 717 sind alle Linien des städtischen Busverkehrs in Betrieb.

Die Räumung ist erst gegen 18.45 Uhr abgeschlossen. Ursprünglich ist geplant, um 18 Uhr mit der Entschärfung der Bombe zu beginnen. Das verzögert sich, da die Räumung der Wohnungen und Häuser etwas länger dauert als erhofft. Zudem lässt gegen 18.40 Uhr der Katastrophenschutz eine Drohne aufsteigen, da in einer Wohnung im Hofstättenweg noch eine Person vermutet wird. Mit einer Wärmebildkamera wird die Wohnung kontrolliert, letztlich ist das Ergebnis negativ. Es ist niemand befindet sich niemand darin. Um 19.15 Uhr beginnt die Entschärfung der Bombe.

Um 19.37 Uhr dann Entwarnung: „Die Entschärfung der Fliegerbombe ist erfolgreich abgeschlossen. Die rund 190 Anwohner, die in der Turnhalle Gartenstraße untergebracht wurden, und alle anderen Personen , können in ihre Wohnungen zurückkehren“, meldet die Stadtverwaltung. Die Straßensperrungen werden aufgehoben, der S-Bahn-Verkehr nimmt wieder den regulären Betrieb auf.


Von Steffen Müller, Thomas Oberdorfer und Tim Schweiker