Top-Thema vom 17.02.2017

Sindelfingen: Nach dem Fund am Mittwoch stoßen Bauabeiter im Mercedes-Werk nur 150 Meter weiter schon wieder auf eine Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg

Um 0.07 Uhr ist die Bombe entschärft

  • Beim zweiten Großeinsatz innerhalb von 24 Stunden waren die Rettungskräfte erneut gefordert. Polizei, Feuerwehr und DRK organisierten die Evakuierung von über 1000 Anwohnern aus dem Gebiet zwischen Calwer Straße und Hanns-Martin-Schleyer-Straße (Bild: SDMG/Dettenmeyer/Friebe) Beim zweiten Großeinsatz innerhalb von 24 Stunden waren die Rettungskräfte erneut gefordert. Polizei, Feuerwehr und DRK organisierten die Evakuierung von über 1000 Anwohnern aus dem Gebiet zwischen Calwer Straße und Hanns-Martin-Schleyer-Straße (Bild: SDMG/Dettenmeyer/Friebe)

Die Bahn sperrt die Gleise, Anwohner müssen raus aus ihren Wohnungen. Zum zweiten Mal in nur 24 Stunden scheint für über 1000 Menschen in Sindelfingen die Zeit stehen zu bleiben. Am Tag nach dem Bombenfund im Mercedes-Werk am Mittwoch graben Bauarbeiter die nächste Fliegerbombe an. Es wird eine Nervenschlacht für Anwohner, Feuerwehr und Rettungskräfte. Erst kurz nach Mitternacht ist der Spuk zu Ende.

Mathias Peterle vom Kampfmittel-Beseitigungsdienst hat die Entschärfung von Mittwoch noch im Kopf, da erreicht ihn die Nachricht. Gleiches Baufeld beim ehemaligen Krawattenbau, wieder eine Fliegerbombe. Gleiche Bauart, die Maschinerie läuft erneut an. Die Fundstelle ist 150 Meter von der am Mittwoch entfernt. Also fast um die Ecke, aber das macht einen großen Unterschied.
Wie mit dem Zirkel wird der Kreis um den Fundort gezogen. Innerhalb von 300 Metern darf niemand mehr sein, sonst machen sich die Spezialisten nicht an den Zünder. Das Stern-Center liegt dieses Mal innerhalb dieses Kreises, muss also ebenfalls evakuiert werden. Etwa auf die Zeit zwischen 23 Uhr und Mitternacht wird die Entschärfung gelegt. Bis dahin ist Zeit, und der Ladenschluss spielt allen in die Karten.
Ab 20.30 Uhr wird das Gebiet abgeriegelt, dann beginnt die Evakuierung. Anschließend gilt es nur noch die Nachzügler in Sicherheit zu bringen. Burger werden im McDonalds normalerweise aber länger verkauft. Und auch im Kino laufen die Filme normalerweise länger – aber nicht an diesem Abend. Wer schon eine Karte gekauft hat, bekommt das Geld zurück.
Wieder greifen die Räder ineinander. In der Feuerwache trifft sich der Krisenstab, Oberbürgermeister Dr. Bernd Vöhringer hat das Heft in der Hand, dazu der Erste Bürgermeister Christian Gangl, und von der Sindelfinger Feuerwehr übernimmt Abteilungskommandant Rainer Just. Insgesamt sind von Feuerwehr über DRK bis Polizei und Landratsamt etwa 240 Menschen im Einsatz, dazu weitere von Bahn, Daimler, Pflieger und den Technischen Betriebsdiensten. Eine Entscheidung wird schnell getroffen: Es muss alles früher anlaufen als am Tag zuvor.
Wilde Szenen
Um 20 Uhr kommen die ersten Warndurchsagen aus den Lautsprechern der Feuerwehrautos – drei, vielleicht sogar vier Stunden, bevor es richtig ernst werden soll. Dr. Bernd Vöhringer erklärt, warum: „Wir müssen die Menschen erreichen, bevor sie schlafen gehen.“ Das wiederum würden einige sehr gerne, es spielen sich mitunter wilde Szenen ab.
So zum Beispiel an der Ecke Martastraße, Marienstraße, wo ein älterer Herr die Schnauze voll hat und eine Polizisten anpöbelt: „Schon wieder? Ich hab morgen Frühschicht, muss schlafen. Warum dauert das so lange.“ Die Polizistin meint, weil es zu viele solcher uneinsichtige Menschen gibt.
Andere sind dankbarer, manche nehmen es gelassen. Franziska Novakovic gehört zu den Menschen, die schon wieder nicht mehr ihn ihre Wohnungen dürfen. „Mein Mann hat mich vorhin angerufen, er arbeitet beim Daimler“, sagt sie und läuft zu ihrer Schwiegermutter in der Mercedesstraße. Erich Geppert hat es nicht so gut, er kommt nicht bei Verwandten unter und macht sich auf zur Sporthalle Stadtmitte, wo das DRK ein Lager aufbaut. So gut wie alle Ortsvereine aus dem Kreis Böblingen sind im Einsatz, 110 Köpfe zählt das Team in der Halle und draußen auf den Straßen.
Evakuiert werden über 1000 Menschen aus der nördlichen Hanns-Martin-Schleyer-Straße, der Riedmühlestraße, dem Hofstättenweg, der Calwer Straße, der Küblerstraße sowie der Marienstraße und Martastraße, dazu Teile des Mercedes-Werks – Gebäude zwei und das Parkhaus T 303. Der Busbahnhof ist nicht betroffen, in den angrenzenden Lokalen wärmen sich die Menschen auf.
Damit alles glatt läuft, stellt die Feuerwehr bis kurz nach 20.30 Uhr Fahrzeuge als Anlaufstellen für diejenigen auf, die nicht wissen, wohin sie müssen. Tobias Volz und Priscilla Wölbling stehen an der Stern-Center-Tiefgarage und verteilen Handzettel. Polizisten lassen keinen mehr durch. Das Busunternehmen Pflieger stellt für die Evakuierung vier Gelenkbusse bereit, die Gäste aus dem NH-Hotel kommen zum großen Teil im Mercure-Hotel im Sindelfinger Osten unter.
Wurst, Käse, Tee und Kaffee
Derweil füllt sich die Sporthalle Stadtmitte. Der Verpflegungszug des DRK-Ortsverbands Steinenbronn karrt Brötchen, Käse und Dosenwurst an, vorbereitet sind sie für 400 Menschen – allerdings geht nach dem zweiten Bombeneinsatz in dieser kurzen Zeit die Wurst aus. Brötchen gibt es genug, das DRK hat so etwas wie eine Back-Standleitung zur Großbäckerei Treiber. Und Käse-Nachschub gibt es aus dem Real auf der Hulb in Böblingen.
Vor allem das Milch-Produkt ist heiß begehrt, unter den Menschen sind zahlreiche Muslime. „Darauf haben wir uns eingestellt“, sagt Willy Ballhausen, der schon am Mittwoch für das DRK im Einsatz war. Bernd Vöhringer ist vor Ort: „Der zweite Einsatz am zweiten Tag geht bei allen an die Substanz.“ Einer älteren Frau fällt ein, dass sie die Heizdecke nicht ausgeschaltet hat. Die Polizei erreicht Angehörige, die zu den wenigen gehören, die nochmal kurz ins Sperrgebiet dürfen.
Dann stehen auch auf den Gleisen die Räder still. Die Bundespolizei räumt und sperrt den Bahnhof um 23 Uhr. Ab etwa 23.30 Uhr soll kein Durchgangsverkehr mehr stattfinden. Die letzte S60 Richtung Böblingen fährt um 22.53 Uhr, die letzte in die Gegenrichtung nach Renningen um 22.37 Uhr. Ersatzbusse verlassen den Busbahnhof. Die Buslinie 717 startet ab 22.51 Uhr nicht mehr an Tor 3.
Jetzt ist alles ruhig. Mathias Peterle legt die Hand an den Zünder.


Jürgen Haar, Roman Steiner, Jürgen Wegner