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Kultur Lokal, Topstory

Breitseite gegen Pharma-Industrie

16.02.2012 -

Von unserem Mitarbeiter Christoph Martin Hauff

Mit seinem zweiten Auftritt beschert Wolfgang Schorlau dem Kulturnetzwerk blaues Haus zu Böblingen vor etwa 100 Zuhörenden einen ausverkauften Saal. Dazu mag beigetragen haben, dass Schorlau mit seinem neuen Werk „Die letzte Flucht“ auf einem respektablen Platz 9 der KrimiZeit-Bestenliste im Februar steht.

Nicht von ungefähr: Der Autor ragt baumhoch über allerlei krauchendes Regional-Unkraut hinaus, das derzeit allenthalben aus dem Heimatboden sprießt. Sein Privat-ermittler Georg Dengler unterscheidet sich auch angenehm von den immer ruppiger werdenden Tatort-Kommissaren. Drittens aber, und das ist das wichtigste Unterscheidungsmerkmal: Wolfgang Schorlau kann spannend erzählen. Im Gegensatz zu – nein, abschreckende Beispiele sollen hier nicht genannt werden. Jede und jeder, der Krimis gerne liest, kennt genügend davon.

Bei Schorlau fängt es bereits bei der Recherche an. Kaum jemand nimmt sich so viel Zeit zur Vorbereitung seiner inzwischen sechs Fälle – und der Verlag scheint ihn darin zu unterstützen, wie Schorlau bereitwillig erklärt. Womit wir beim Glücksfall Nummer Zwei dieses Abends wären: Zu seiner Rechten sitzt zeitweilig Hans-Jörg Zürn als bestens vorbereiteter Gesprächspartner. Zürn stellt die richtigen Fragen zur richtigen Zeit, Schorlau mag es jeweils kaum erwarten, antworten zu können. So entsteht ein außerordentlich lebhaftes Frage- und Antwort-Spiel.

Traum von einer besseren Welt

Schorlaus Traum von einer besseren Welt, so erfährt die Zuhörerschaft, entwickelt sich nicht selten tatsächlich aus Traumphasen, die der Autor per Zweifinger-System manchmal nicht schnell genug auf seinen Laptop bannen kann. In dieser besseren Welt gäbe es mit Sicherheit nicht jene Pestbeulen des bundesrepublikanischen Gesundheitswesens, die Schorlau an einem fiktiven Pharma-Imperium festmacht. In der, beispielsweise, 20 Prozent Gewinnspanne durchaus normal sind.

„Ich kann es nicht anders sagen“, so Schorlau, „die Pharma-Industrie wird von einer beispiellosen kriminellen Energie getrieben.“ Am Ende stehe die Erkenntnis, dass die Geschäftsmethoden der Pharmaindustrie völlig unethisch seien. Die Schwerstkranken würden wie eine interessante Zielgruppe behandelt, für die man spezielle Marketing-Strategien ablaufen lasse. Dabei gehe es nicht um die Heilung, sondern einzig um den Transfer von Geld aus der Krankenkasse in die Firmenkasse.

Und immer mittendrin im Milliarden-Geschäft: die Ärzte. Immerhin schätzungsweise jeder zweite, so Schorlau. Sie werden „Verordner“ genannt. Diejenigen Ärzte hingegen, die auf die Marketingmaßnahmen der Pharmaindustrie nicht ansprechen, werden abfällig als „Heiler“ bezeichnet.

In der ersten Lesephase lässt Schorlau einen Entführer, der sich Henry nennt, und sein Opfer, einen fiktiven Pharma-Boss, zu Wort und Gegen-Wort kommen. „Was verkaufen Sie wirklich?“, will Henry wissen, der den Entführten tage- und nächtelang drangsaliert. Mit illegalen Mitteln werden so illegale Machenschaften regelrecht herausgepresst. „Wir verkaufen Hoffnung“ ist eine der Worthülsen, mit denen geantwortet wird. Das ist Wahrheit und Lüge zugleich.

In der Leseprobe Zwei begleitet die mehr und mehr ebenso faszinierte wie amüsierte Zuhörerschaft den Privatermittler Georg Dengler auf seiner Flucht. Inzwischen ist nämlich der Jäger zum Gejagten geworden. Befreundete und Bekannte verhelfen ihm zu Verstecken: in einer gastronomischen Großküche, in der er zum Hilfsspüler avanciert, und im Ruheraum eines bekannten Stuttgarter Domina-Studios.

Beides, das versteht sich von selbst, hat Wolfgang Schorlau erlebt und erlitten, bevor er es beschreibt und kommentiert. Die Frage „Warum kommen Männer freiwillig zu Euch?“ beantworten die schlagenden und tretenden Damen mit Humor auf der einen, mit Sachkenntnis auf der anderen Seite.

Der dritte Aspekt des Buches, die Ereignisse des 30. September 2010 rund um den Stuttgarter Hauptbahnhof, in die Schorlau mehr oder minder zufällig gerät, kommen im blauen Haus nur ganz am Rande zur Sprache. Aber es gibt ja durchaus die Möglichkeit, das Buch selbst zu erkunden.

„Der finanzielle Aspekt hält sich noch in Grenzen“, so Wolfgang Schorlau auf Nachfrage. „Aber ich rangiere, was den E-Book-Markt angeht, an zweiter Stelle hinter Frank Schätzing.“ Und wer, wie Schorlau, derzeit mit Vergnügen Don Winslows „Zeit des Zorns“ liest, der kann es durchaus auf den zweiten Platz der Zeit-Krimi-Bestenliste schaffen, den der geschätzte amerikanische Kollege derzeit einnimmt.

Seine Stuttgart-Krimis ragen aus dem allenthalben sprießenden Regional-Unkraut hervor: Wolfgang Schorlau war zu Gast beim Kulturnetzwerk blaues Haus. Bild: Photo 5

 



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