Der transparente Mensch und viele Fragen
11.02.2012 - Von unserer Mitarbeiterin Sybille SchurrDurchschaubar für den Betrachter und doch sind diese in Normen vermaßten Objekte Individuen, haben sie ihr eigenes Gesicht, persönliches Aussehen. Zwischen „Freiheit und Norm“, so der Titel, bewegt sich die Schau, die am Sonntag in der Galerie der Stadt Sindelfingen – Lütze-Museum eröffnet wurde.
Das Oevre des Stuttgarter Fotografen Bernhard J. Widmann umfasst den Zeitraum von etwa zwei Jahrzehnten. Fotoarbeiten, Installationen und Videoarbeiten führen dem Betrachter vor Augen, wie Sein und Schein sich überlagern können.
Großformatige Fotos zeigen Waldlandschaften, steile Treppen, von der Zeit gezeichnet, sind sie Abbild oder Fantasie einer künstlerisch verfremdeten Wirklichkeit. Vor diese Frage sieht sich der Besucher auch gestellt bei der Videoinstallation, Landschaften aus einem Zugabteil heraus aufgenommen, bearbeitete und verfremdete Landschaft, die zur virtuellen Natur wird, zum manipulierten abstrakten Bild.
Auch in der Werksgruppe „Tranzparenzen“ wird die Wirklichkeit abstrahiert. Wie Fahnen hängen lange Bahnen von Filmmaterial von der Decke des Ausstellungsraums, auf den ersten Blick durch Farbe intransparent, begibt sich hinein in den Fahnenwald, spiegelt sich das eigene Ich vor dem Hintergrund des Raums. Sein und Schein begegnen sich unmittelbar.
Durchgestylte großformatige Foodfotografie, wie man sie aus einschlägigen Magazinen und aus der Werbung kennt, ist das aber nur auf einen ersten Blick. Die fast in Menschengröße dargestellten Früchte fallen gehörig aus der Norm: Die Birne hat eine Cellulitishaut, der Knoblauch ist verwachsen, die schöne rote Paprika trägt unschöne Spuren von Insekten.
Fallen aus der Normalität
Die Norm der Makellosigkeit erfüllen diese Früchte nicht, sie fallen aus der Normalität, aus der Norm. Das ist eine weitere Frage, mit der sich Widmann auch in den jüngeren Videoinstallationen beschäftigt. Die vorgegebene Norm wird mehr und mehr zur Normalität. Die neuen Technologien befördern diesen Prozess, der transparente Mensch ist in Zeiten von Internet und Sozialen Netzwerken zur Norm geworden. Der private Raum wird überlagert vom öffentlichen Raum, in dem es keine Geheimnisse mehr gibt.
Was vor fast zwanzig Jahren mit dem normiert vermessenen Menschen noch Kritik hervorgerufen hat, ist heute Alltag. Noch bleibt sie unbeantwortet, die Frage, die der Ausstellung in der Städtischen Galerie den Namen gegeben hat: Wie verhalten sich Norm und Freiheit zueinander? Wird Freiheit eines Tages normiert sein?
Die Ausstellung „Von Freiheit und Norm“ ist bis 15. April in der Galerie der Stadt Sindelfingen zu sehen. Der Künstler Bernhard J. Widmann bietet Künstlergespräche am 18. März und 15. April, jeweils um 15 Uhr, in der Galerie an.
Abbild oder künstlerisch verfremdete Wirklichkeit? Bernhard J. Widmann stellt in der Galerie der Stadt Sindelfingen Fragen nach dem Verhältnis zwischen Freiheit und Norm. Bild: Stampe




