Enthusiasmus-Schübe zum Finale
14.02.2012 - Von unserem Mitarbeiter Bernd HeidenDie Überraschung war allerdings schon vor dem ersten Ton perfekt. Dieser Auftakt der Jazztime-Frühjahrsstaffel mit ihren drei Konzerten war restlos ausverkauft. Womit nicht zu rechnen war. Denn Tango Komplott mit Pianist Tilman Jäger, Kontrabassist Paul Müller, Andrej Mouline am Knopfakkordeon, dem Bajan, und Violinist Jochen Brusch ist langjähriger und regelmäßiger Gast auf Böblinger Bühnen, auch bei der Jazztime, vor allem aber in der Alten Tüv-Halle beim Sommer am See. Dort zieht die seit 2003 bestehende Formation zwar ihr Publikum, allerdings ohne Sitzplatznöte zu verursachen.
Zu kaum einer Sekunde indes ließ Tango Komplott Zweifel aufkommen, dass seine Musik in den Konzertsaal gehört. Wie da Basslinien in freie Räume des Klaviersatzes schlüpfen, Moulines Bajanton Bruschs Violine umgarnt, mit ihr vermählt, verschmilzt und wieder löst, diese Nuancen gehen in der bescheidenen Tüv-Hallen-Akustik verloren und mit ihr auch ein gehöriges Maß an Spannung.
Mit Piazzollas Engels-Trilogie stieß das Tangoquartett dabei unverzüglich in die eigentümliche Welt des von Piazzolla kreierten Tango-Nuevo vor: Ein Mäandern durch großflächige, dicht gewebte Stimmungslandschaften, deren Textur sich aus Klassik, Jazz und Tango speist. Und zwar so, dass der eigentlich prägnante, stets leicht auszumachende Tango sich oft bis zu einer Unkenntlichkeit verflüchtigt, die ihn letztlich mehr als Haltung oder Gefühl denn als präzise abgrenzbaren Musikstil zurück lassen. So feinsinnige wie entschlossene Interpretationen mit vielen Klassikern wie Liber Tango oder Tangata zeigen aber auch deutlichst die Nähe zum traditionellen Tango-Kosmos, der sich ebenfalls von Zerbrechlichkeit bis zu schroffer Rohheit spannt.
Neben Piazzolla prägen vor allem Kompositionen und Arrangements Peter Lehels (Bild: z) das Konzert. Die suchen mal Tango-Tuchfühlung im melancholischen Bolerostil oder gehen im Dreier-Swing oder einer Rubato-Ballade jazzigere Wege, bieten dem mit geschliffen kultiviertem Ton nicht nur an Sopran-, sondern auch an Tenorsaxofon aufwartendem Saxer auch ausreichend Raum zur Entfaltung seiner stets mit großer Schlüssigkeit daherkommenden Improvisationen. Neben ihm glänzt ein mitunter artistisch aufspielender Andrej Mouline am Bajan mit Impro-Vermögen, während der manchmal vom Saxofon etwas überdeckte Violinist Brusch zunächst vor allem mit der breiten Farbpalette seines Violintons bezirzt.
Als der Abend sich schon entschieden dem Ende neigt, zündet allerdings die Violine die Stimmungsrakete mit einem Potpourri aus ungarischen Zigeunermelodien und allerlei Geigenhexereien, unterlegt von Hey-Rufen und Mitklatschen des Publikums. So wars mitnichten die jazzigste Jazztime aller Zeiten, aber bestimmt eine derjenigen mit den größten Enthusiasmus-Schüben.




