Donnerstag 17.05.12, 00:00 

Wutbürger und Würgeengel

11.02.2012 -

Von unserem Mitarbeiter Thomas Volkmann

In ihrer endgültigen Form 1810 erschienen, erzählt und beschreibt die Novelle das Schicksal des Pferdehändlers Michael Kohlhaas, dem eines Tages die zu verkaufenden Rappen wegen angeblich fehlender Reisedokumente einbehalten und misshandelt werden. Kohlhaas wird darüber hinaus verhöhnt, sein Knecht zusammengeschlagen, schließlich auch noch seine Frau beim Versuch, dem Landesherrn ein Beschwerdeschreiben auszuhändigen, tödlich verletzt.

Spätestens dies geht dem Rosskamp über die Hutschnur – und weil seine Einsprüche gegen die von Willkür bestimmte Vetterleswirtschaft im Sand von Havel und Spree verpuffen, wird er zum gewaltbereiten Rebellen, oder wie man heute sagen würde: zum Wutbürger und Würgeengel.

Ganz einfach hat es Regisseur Wolf E. Rahlfs den Schülern jedoch nicht gemacht, auch wenn er 70 Prozent der Novelle gekürzt und auf jene Szenen reduziert hat, die sich ganz auf die Figur des gedemütigten Pferdehändlers konzentrieren. Den Kohlhaas nämlich hat Rahlfs gleich vierfach besetzt, zerlegt in die vielen in seinem Inneren ringenden Stimmen, erkennbar stets an seinen hochgekrempelten Hemdsärmeln. Ebenso geben die textsicheren Juliane Schwabe, Philip Badi Blom, Andreas Krüger und Ole Xylander abwechselnd oder im Chor den Erzähler oder schlüpfen in die Rollen der Nebenfiguren. Da heißt es aufpassen.

Kleists verschachtelte Sprache hat auch in dieser modernen Fassung (Bild: z) Bestand, dialogisches Agieren sorgt für eine gute Verständlichkeit. Nichts zu spüren ist hingegen von der spröden Welt der im Original im 16. Jahrhundert angesiedelten Geschichte. In ihrem weißlichen Outfit mit gekalktem Gesicht und Haar wirken die Protagonisten ebenso aseptisch wie das im kühlen Metall ausgestattete Bühnenbild, das mal wie ein Gefängnis, mal wie eine sterile Amtsstube, durchaus aber auch wie eine Halfpipe, in der die später auch rappenden Schauspieler kleine akrobatische Kunststückchen vollführen, aussieht.

Zur Frische der energetischen Inszenierung tragen immer wieder auch von der Tontechnik zugespielte Sounds und Geräusche bei, wie man sie aus Zeichentrickfilmen kennt. Manche Geste erhält dadurch den Anschein von Slapstick und sorgt zwischendurch für Erleichterung und Erheiterung in einem Stück, in dem es von Beginn an um die Fragen von Macht und Willkür, Gewalt und Gerechtigkeit sowie Schuld und Sühne geht.

Auch wenn Kohlhaas am Ende Recht zugesprochen bekommt, dem Scharfrichter entkommt er nicht – und so sitzen die Köpfe der Schauspieler wie schon im Anfangsbild leblos auf ihren Schultern. Die von der Bruchsaler Inszenierung bewusst offen gelassene Frage nach der Richtigkeit von Kohlhaas’ Handeln werden die in ihrem schriftlichen Abitur vielleicht bald schon wieder mit dem Sternchenthema „Kohlhaas“ konfrontierten Schüler nach dieser eindrücklichen Aufführung sicher mit anschaulichen Beispielen zu bewerten wissen.

 



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