Donnerstag 17.05.12, 00:01 

Zwischen Hirtenbüblein und Machofratze: Olle Stücke taufrisch serviert

16.02.2012 - Von unserem Mitarbeiter Bernd Heiden

Denn obwohl das Ensemble ausschließlich die Barock-Karte mit bekannten Großmeistern spielte, hatte es seine Trümpfe breit gestreut. Wie das Konzertmotto andeutete, widmeten sich die Musiker sowohl geistlichen wie weltlichen Werken und changierten dabei zwischen instrumentalem und vokalem Genre. Für zusätzliche Auflockerung sorgten kurze Erläuterungen von Organist und Cembalist Alexander Strauss, der sich überdies einen ganz eigentümlichen Arbeitsplatz eingerichtet hatte: Sein einmanualiges Cembalo hatte er aufgebockt auf eine kleine Chororgel, was ihm die gleichzeitige Bedienung beider Instrumente erlaubte und damit flexible Betonung mehr rhythmischer – durchs Cembalo – oder harmonisch-melodischer Akzente. Zur Nachahmung durchaus zu empfehlen.

Hauptstück des Konzerts indes war eine kleine, opernhaft-weltliche Kantate Antonio Vivaldis. Hier bejammert in der Eingansszene ein Hirtenjunge sehnsüchtelnd die Abwesenheit seiner Geliebten, nimmt im Finalsatz dann deutlich Züge eines Straftäters an, der Bereitschaft signalisiert, bei Unwilligkeit der Schönen auch Gewalt anzuwenden.

Gelegenheit genutzt

Vivaldi malt dieses affektiv breit gestreute Gefühlsrevier mit sämtlichen Mitteln der Kunst glänzend aus und Anja Tschamler lässt sich nicht die Gelegenheit nehmen, die Facetten zwischen mitleidserregendem Hirtenbüblein und abstoßender Machofratze ebenso glänzend stimmlich und auch mimisch-gestisch zu verkörpern.

In dem Schlusswerk dieses Benefizkonzerts überraschte allerdings längst nicht mehr, mit welcher Meisterschaft die Sopranistin diesen mit Verzierungen, Trillern, Melismen und Kolorierungen gespickten Barockhappen servierte.

Denn schon bei einer arios-kantablen Arie Georg Friedrich Händels (Meine Seele hört im Sehen), einem schlicht-schönen Domine Deus-Satz aus Vivaldis Gloria sowie einer empfindsamen, mit Modulationen und Sprüngen indes eher widrig zu singenden Arie von Johann Sebastian Bach durfte man die große Klasse der Sängerin im Barock-idiom vernehmen: Sie umgarnte beim Singen frei von Druck und Pressung nicht nur mit einem wunderbar warmen Timbre und behutsamem Vibrato, sondern verblüffte immer wieder mit prima Konturierung dieser tückisch-fitzeligen Barockdetails, ohne dabei die Linie zu verlieren.

Dietrich Schütz an der Barockvioline entpuppt sich als wahrer Meister: Kongenial lässt er an der Seite der Sängerin sein Instrument mal jauchzen oder schluchzen, spielt sich in einer Händelsonate (g-moll op. 1) makellos auch durch die virtuosesten Partien und haucht dieser Musik insgesamt eine Vitalität ein, die dieses scheinbar olle Barock taufrisch anmuten lassen.

Selbst wenn Tastenmann Strauss beim Cembalokonzert Bachs (BWV 973) den Musikfluss nicht immer konsequent durchhält, auch dank Ulrike Klamp an der seidig-schnurrenden Violone und einer für diese Besetzung und Musik vorzüglichen Akustik gelingt hier ein Barockspätnachmittag mit selten hohem Prickelfaktor.

 



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