Katheter-OP unter der Erde

Schlitzen, füllen, spülen: Alle 1,5 Meter scheiden die Arbeiter der Firma Keller durch die Rohre der Erdwärme-Anlage in der Böblinger Siemensstraße. Das Ziel: die Erdhebungen sollen aufhören. Im Untergrund verbergen sich große Hohlräume: Schon in den ersten Schnitt haben 970 Liter Füllmasse gepasst. Das Video zur Sanierung steht weiter unten auf dieser Seite.

Die Firma Keller Grundbau GmbH saniert die Erdwärmesonden in Böblingen. Keine leichte Sache, die Sonden seien teilweise nur einen Zentimeter breit, so Steffan Binde, Niederlassungsleiter: "Bei einer Geothermie-Bohrung sucht sich der Hammer-Bohrer den Weg des geringsten Widerstands." Deshalb befindet sich das Bohrloch sowie die Sonden nicht gerade in der Erde. Durch das Abdichten und wohl auch durch die Erdhebungen sind die Sonden gequetscht. "Kein Mensch denkt, dass er da jemals wieder rein muss", sagt Steffan Binde. Das muss jetzt aber sein: denn 190 Häuser haben Schäden, weil sich in Böblingen die Erde hebt. Dass fehlerhafte Geothermie-Bohrungen schuld sind, bezweifelt kaum noch jemand.
"Das funktioniert wie bei einem Herzkatheter", sagt Steffan Binde, Niederlassungsleiter von der Keller Grundbau GmbH Renchen. Die Firma hat schon in Staufen saniert. Feldversuche haben die Tüftler in einem Bergwerk in 150 Metern Tiefe gemacht. Sie sind quasi die Chirurgen, die Erdwärmesonden die Adern und ihr Werkzeug der Katheter. Das Prinzip: Mit Hochdruck schießt Wasser durch einen Schlauch in die Tiefe. Eine kleine Düse am Ende schneidet das Rohr der Erdwärmesonde auf. Zement wird in Hohlräume gepresst. Ganz unten geht es los, dann arbeitet man sich nach oben. Alle 1,5 Meter wird geschnitten. So läuft das seit 13. Oktober in der Siemensstraße (die SZ/BZ berichtete). Dort werden zwei Sonden saniert.
Norbert Schuhmacher betreut die Sanierung in Böblingen: "Im Moment sind wir bei einer Tiefe von 82 Metern angelangt. Bei 130 Metern haben wir begonnen. Bei einer der beiden Sonden gingen beim ersten Schnitt 970 Liter Füllmasse Zement hinein. Das ist ein Vielfaches von dem, was normalerweise in den Ringraum passen würde", sagt Norbert Schuhmacher.

"Der Zeitplan ist eng"

Je Arbeitstag schaffen die Fachleute bis zu drei Schlitz- und Verpressvorgänge. Wie sie voran kommen, hängt auch von der Größe der Hohlräume ab. Bevor die Sanierungsfirma beginnt, prüft die Firma André Voutta noch mal die Werte. "Wir messen den Status quo. Das letzte Mal, als wir bei diesem Bohrloch Daten erhoben haben, ist ja schon ein Jahr her. Wir brauchen einen aktuellen Ausgangspunkt. Nach der Sanierung messen wir noch mal den Endstand", sagt Dr. Heike Voelker. Mitte Januar will die Firma Keller in der Siemensstraße fertig sein.
Viele Betroffene wünschen sich, dass auch schon andere Erdwärmesonden parallel saniert werden. Jochen Weinbrecht vom Landratsamt erklärt, warum das nicht so einfach geht: "Der Zeitplan ist sehr eng getaktet. Es gibt keine Luft zwischendrin. Auch der logistische Aufwand ist sehr hoch. Außerdem wollen wir nicht durch Geschwindigkeit die Sicherheit riskieren."
Bei der Auswahl der Erdwärmesonden, die zuerst saniert werden, geht das Landratsamt nach der Dringlichkeit. "Die Bohrlöcher, die vermutlich hauptverantwortlich sind und sich dort befinden, wo die Hebung am schnellsten fortschreitet, werden als erste saniert", sagt Jochen Weinbrecht. Im Norden gibt es nur die eine Anlage in der Siemensstraße. Im Süden kümmert sich die Sanierungsfirma ab Januar um den Heinrich-Heine-Weg. Es folgen der Schliffkopfweg und der Herdweg im Oktober oder November. Eine weitere Erdwärme-Anlage am Ganssee wird 2015 noch untersucht. Bis Ende 2015 soll alles fertig sein. "Aber das ist sehr sportlich geplant", sagt Jochen Weinbrecht.

(12.12.2014)