"Wir müssen die Erdhebungen stoppen"

"Viele Betroffene stehen vor einer persönlichen Katastrophe", sagt Umweltminister Franz Untersteller bei seinem Besuch in Böblingen. Er hat gute Nachrichten für die Geschädigten mitgebracht: "Die Sanierung der Bohrlöcher muss unverzüglich starten. Über die Finanzierung müssen sich die Betroffenen keine Sorgen machen."Zum Video ein Stück nach unten scrollen.

 

Im Haus von Dieter Eger brechen buchstäblich die Wände auseinander. Das sieht auch Umweltminister Franz Untersteller so. Das Haus in der Altinger Straße ist eines von zweien, die sich der Minister bei seinem Besuch in den Böblinger Hebungsgebieten ansieht. Über 190 Häuser sind betroffen, bei sechs mussten bereits Stützpfeiler aufgestellt werden und eines ist inzwischen unbewohnbar. Die Schäden gehen in die Millionen Euro und das zweistellig. Radio, Fernsehen, Zeitungen. Die Presse drängelt sich im Garten des Hauses. Rund 200 Bürger stehen vor dem Haus und halten über 20 Transparente in die Luft. Die Interessensgemeinschaft der Betroffenen zählt allein über 170Gesellschafter.

Landrat Roland Bernhard, sein Vize Wolf Eisenmann, Amtsleiter Jochen Weinbrecht, Oberbürgermeister Wolfgang Lützner, die Landtagsabgeordneten Florian Wahl (SPD) und Paul Nemeth (CDU), Walter Kremp vom Sindelfinger Bauamt und Böblinger Stadträte sind zu dem Termin gekommen.

Franz Untersteller geht mit Dieter Eger durch das Haus. Altbau und Anbau driften durch die Erdhebung auseinander (die SZ/BZ berichtete ausführlich). Die ersten Risse sind Dieter Eger 2009 aufgefallen. Inzwischen ist der Keller quasi in zwei Teile zerbrochen. Zwei Stahlstützen und ein Holzbalken helfen, die Decke abzustützen. An manchen Stellen kann Dieter Eger einen Meterstab über zehn Zentimeter tief in die Risse schieben. An anderen Stellen kann man schon durch die Wand gucken. Die schwierige Situation geht an die Psyche. Ein Video von den Rissen an Dieter Egers Haus steht hier.

"Die Faktenlage ist erdrückend"

Dass fehlerhafte Geothermie-Bohrungen schuld ist, bezweifelt so gut wie keiner mehr. "Die Faktenlage ist erdrückend. Wir brauchen uns nicht mehr über Kausalitäten zu unterhalten. Man ist in den ersten Jahren der Geothermie wohl zu leichtfertig mit dem Thema umgegangen", sagt Franz Untersteller. Jetzt müsse man handeln und das im Eilverfahren: "Die Sanierung muss so schnell wie möglich angegangen werden. Die Betroffenen müssen sich keine Gedanken über die Finanzierung machen." Im Herbst 2014 soll die Sanierung beginnen. Das Landratsamt ist mit der Firma Keller Grundbau im Gespräch, die auch die Bohrlöcher in Staufen saniert hat.

Solange die Ursache nicht behoben ist, hebt sich die Erde weiter. Keiner weiß, ob es bei 190 beschädigten Häusern bleibt: "Die Situation ist mehr als bedrückend", sagt Franz Untersteller. Hexen könne man aber auch nicht, so Landrat Roland Bernhard: "Die Devise ist schnell, aber zuverlässig. Wir wollen, dass das Quellen aufhört, haben aber nur einen Versuch für die Sanierung und das darf kein Fehlversuch werden."

Erstmal geht es dabei um die Sanierung der Bohrlöcher. Man müsse Schritt für Schritt vorgehen, so der Landrat: "Wir müssen die Erdhebungen stoppen." Im nördlichen Hebungsgebiet rechnet das Landratsamt mit 1,5 Millionen Euro an Sanierungskosten. Im südlichen Gebiet sind es drei Milllionen Euro. Beide, der Landrat und der Umweltminister appellieren an die Versicherung der Bohrfirma: "Sie muss ein Zeichen setzen und sich jetzt schon beteiligen." Der Anwalt der Firma Gungl, Malte Günther, und Firmenchef Erwin Gungl selbst sind auch gekommen. "Wir wollen damit zeigen, dass wir Verantwortung übernehmen wollen. Es gibt zwei Haftpflichtversicherungen. Die Allianz hat bisher kooperiert. Die andere Versicherung, die AIG, hat uns jetzt mitgeteilt, es bestünde wegen einer Klausel kein Versicherungsschutz. Ob das stimmt, ist noch unklar."

Dass Erwin Gungl da ist, freut Dieter Eger: "Wir sind dankbar, dass Erwin Gungl so mutig war zu kommen." Die Schäden gingen auch ihm nahe, so Erwin Gungl. Dazu, dass von zehn untersuchten Bohrungen fünf Mängel haben, sagt er: "Früher gab es eine andere Qualität in der Bohrweise als heute. Der Standard ist nicht vergleichbar."

Werner Schubert von der Interessensgemeinschaft zieht nach dem Besuch von Franz Untersteller ein positives Fazit: "Es ist harter Tobak, mit der Ungewissheit zu leben. Die Aussagen von Landrat und Umweltminister haben den Betroffenen Hoffnung gegeben."

(04.07.2014)

Rückblick zu den Geothermie-Schäden

Im Herbst 2012 hat das Landratsamt erstmals die betroffenen Gebiete in Böblingen besucht, weil Anwohner Schäden an ihren Häusern gemeldet hatten. Am 7. September 2013 gibt das Landratsamt bekannt: 40 Häuser sind beschädigt. Die Behörde kreist zwei Hebungsgebiete ein. Eines südlich der Stuttgarter Straße, das zweite zwischen dem Alten Friedhof und der Eichendorffschule. Die Erde hat sich an mancher Stelle um bis zu 45 Zentimeter seit 2002 gehoben. Das halten Hauswände nicht aus: Sie reißen. Experten gehen davon aus, dass fehlerhafte Geothermie-Bohrungen schuld an den Erdhebungen sind. 17 Bohrlöcher befinden sich in den beiden Gebieten. Seit Dezmeber laufen die Untersuchungen der Bohrlöcher. Bisher haben fünf von zehn Mängel. Im Juni 2014 erteilt das Landratsamt ein generelles Bohrverbot im Gipskeuper. Inzwischen sind Schäden an über 190 Häusern bekannt. Die Interessensgemeinschaft der Betroffenen zählt über 177 Gesellschafter.