Samstag 11.09.2010, 01:59 Uhr

Goethe contra Newton

10.03.2010 -
Von unserem Mitarbeiter Bernd Heiden

Goethes Anliegen seiner Farbenlehre unterscheide sich schon im Ansatzpunkt von dem der exakten Naturwissenschaften, schreiben die Kommentatoren der renommierten Hamburger Goethe-Ausgabe. Mit seiner Polemik gegen Newton habe Goethe unrecht gehabt, sofern er sich damit auf dem Boden der Physik bewegte. Anders als Newton habe Goethe von der Farbe Aufschluss über ihre Anwendung als Kunstmittel haben wollen, deshalb benötige er ein Gesetz, das sowohl das Phänomen als seine Wirkung auf den Menschen erklärt.

Goethe ziele damit auf den Zusammenhang von subjektiver und objektiver Erscheinungsweise der Farbe. Von Anfang an wehre sich Goethe so gegen Newtons Definition der Farbe als objektivem Bestandteil des Lichts. Newtons auf das Messbare und Quantitative gerichtete Erklärung lasse das für Goethe Wesentliche außer Acht: die spezifische Qualität der Farbe, wie sie uns entgegen tritt.

Was ist mit dieser spezifischen Qualität gemeint? Das, was zur durchaus verbreiteten These führt, Farbe komme in der Natur gar nicht vor. Erklärer der modernen Naturwissenschaften vermitteln davon eine gute Vorstellung. „Ohne Licht gibt es keine Farbe, doch die Farbe im üblichen Sinne des Wortes ist weder eine Eigenschaft des Lichts noch eine Eigenschaft der Objekte“, erläutert der von Nayla Farouki und Michel Serres herausgegebene „Thesaurus der exakten Wissenschaften“.

Drei Faktoren der Wahrnehmung

Farbe resultiere vielmehr aus unserer Wahrnehmung, der Verbindung von Nervenzellen der Retina (Netzhaut) des Auges mit deren Reizverarbeitung im Gehirn. Wesentlich für unsere Farbwahrnehmung sind demnach drei Faktoren: Wellenlänge des jeweiligen Lichts, Oberflächenbeschaffenheit des jeweiligen Körpers und die Retina- und Gehirneigenschaften der Person, die die Farbwahrnehmung hat. Daraus resultiere, dass wir niemals sicher sein könnten, die Sonnenblume van Goghs so zu sehen wie der Maler selbst sie gesehen hat. Anders gesagt: Farbe ist ein individuelles Phänomen.

Allerdings begründet das keine grundsätzliche Inkompetenz der Naturwissenschaften in Sachen Farbe – wie Goethe offenbar meint. Denn das Spektrum des Lichts, das ein Körper streut, ist laut „Thesaurus“ eine vom Auge unabhängige, präzise physikalische Größe. Dieses objektiv messbare Spektrum werde vom Auge in Abhängigkeit der Eigenheiten von Retina und Gehirn interpretiert.

Newtons Ansicht, das Sonnenlicht setze sich aus verschiedenfarbigen Lichtern – modern gesprochen Licht unterschiedlicher Wellenlänge – zusammen, hat bis heute Bestand. Lediglich Newtons Ansicht, Licht bestehe aus Teilchen, „Korpuskeln“, wurde von der modernen Wellentheorie verdrängt.

Aber auch Goethe hat einen bis heute wirksamen Beitrag mit seiner Farbenlehre geleistet. Goethes Komplementärfarben bilden laut Hamburger-Kommentar für die meisten späteren Farbenlehren das theoretische Fundament. Goethe beeinflusste zahlreiche Künstler, darunter führende Vertreter des deutschen Expressionismus.

Noch im 20. Jahrhundert gehörte das Färber-Handwerk zum Sindelfinger Alltag: Ein Sindelfinger Färber-Lehrling mit Schubkarre oberhalb des heutigen Wettbachplatzes. Bild: z

Zeitgenössische Grafik stellt dar, wie zu Goethes Zeiten gefärbt wurde. Bild: z

Dieses Färbe- und Bleichbuch von Jeremias Gülich weckte Goethes Interesse für Sindelfingen. Bild: z