Donnerstag 02.09.2010, 21:38 Uhr

In eigenen Worten wiedergeben

22.08.2009 00:00 Uhr - Von unserem Mitarbeiter Matthias Staber

Zweimal genau dasselbe Märchen erzählen? In der Tradition, in der sich Naceur Charles Aceval mit seinen Märchen-Erzählabenden bewegt, ist dies so gut wie ausgeschlossen: Denn die Märchen aus seiner Kindheit in Algerien präsentiert Aceval ausschließlich aus dem Kopf. Mit Gedächtnistraining hat das nichts zu tun: „Ich muss ein Märchen in meinen eigenen Worten erzählen, sonst ist es nicht authentisch“, erläutert Aceval.

Es geht also keineswegs darum, die mündlich tradierten Geschichten möglichst wortgetreu zu memorieren und dann gleichsam von einem inneren Spickzettel abzulesen. Sondern dass sich die Geschichten von Sprecher zu Sprecher leicht unterscheiden, in der Wahl der Metaphern, im Rhythmus der Sprache, manchmal sogar inhaltlich, ist wesentlicher Bestandteil dieser Erzähltradition. Die Märchen leben, bilden ein kollektives Gedächtnis, das von Generation zu Generation, von Dorf zu Dorf, und von Hörern, die selbst zu Erzählern werden, immer wieder neu befruchtet wird.

Kindheit in den Zelten

Deswegen greift es zu kurz, die kulturelle Strategie der mündlichen Erzähltradition ausschließlich als eine Vorstufe zur Schriftlichkeit zu betrachten. Obwohl etwas dran ist: „Meine Großmutter konnte weder lesen noch schreiben“, sagt Aceval, der 1951 im algerischen Sougueur geboren wird. Väterlicherseits stammt Aceval von baskischen Einwanderern ab. Seine Mutter, Ghéziel, ist die Tochter eines Scheichs des Nomadenstamms Ouled Sidi Khaled.

In den Zelten dieses Nomadenstammes verbringt Aceval einen Großteil seiner Kindheit. Märchen spielen hier eine große Rolle: Die Erzählabende der Großmutter bilden einen wichtigen kulturellen Fixpunkt. Diese Abende sind streng ritualisiert, was deren Wichtigkeit zeigt: Wenn sich die Kinder und Erwachsenen des Stammes abends um Frauen wie Acevals Großmutter sammeln, um Märchen zu hören, geht es um weit mehr als darum, ein paar heimelige Stunden erzählerischer Unterhaltung.

„Natürlich geht es auch um Unterhaltung“, so Aceval. Doch die Funktion des Erzählens greift weit darüber hinaus: Sie dienen unter anderem der Wissensvermittlung und der Geschichtsschreibung, als Gedächtnis des Volkes. So kann es sein, dass das erste Märchen Auskunft über die Herkunft des Stammes als Kinder („Ouled“) des mythischen Stammvaters Sidi Khaled erteilt, während das nächste schlicht Kochrezepte vermittelt.

Daran lässt sich sehen, warum die mündliche Tradierung dabei wichtig ist: Durch die Variation von Sprecher zu Sprecher, von Zeit zu Zeit, bleiben die Märchen am Leben und können nur so ihre Funktion als Volksgedächtnis weiterhin erfüllen. Eine Fixierung per Verschriftlichung friert die Märchen ein. Mit fatalen Folgen: Je weiter der Zeitpunkt der Fixierung zurückdatiert, desto fremder werden die eingefrorenen Texte, desto weniger lebendig sprechen sie zum aktuellen Hörer. Unter anderem darauf spielt Aceval an, wenn er sagt: „Ich muss die Märchen in eigenen Worten erzählen.“ Und so wird verständlich, warum sich Aceval mit ein wenig Unwohlsein an die Niederschrift der Geschichten seiner Kindheit macht, um eine im Aussterben begriffene Tradition zu bewahren: „Das Gefühl, den Märchen damit Gewalt anzutun, ist immer mit dabei.“

Die westliche Konterstrategie gegen die Probleme der Verschriftlichung heißt Interpretation: Zwischen Sprecher und Hörer tritt eine weitere Instanz, die deutend versucht, verlorene Aktualität eines Textes wieder herzustellen. Jedes Schulkind, das sich einmal mit Texten wie „Faust“ oder „Wallenstein“ beschäftig hat, kennt diese Strategie. Für Charles Aceval, der 1972 nach Frankreich und 1974 nach Deutschland kam, war diese Strategie neu: „Ich habe zum ersten Mal in Deutschland aus Büchern etwas über die Techniken der Literaturinterpretation gelernt.“

Erzählen ohne Deutung

Den Ouled Sidi Khaled sind solche Deutungstechniken fremd: Niemals wäre es Acevals Großmutter in den Sinn gekommen, nach dem Erzählen eines Märchens eine Deutung oder Moral der Geschichte zu liefern. In der Erzähltradition der algerischen Nomadenvölker bildet der Hörer eine wesentliche sinnstiftende Komponente im Erlebnisdreieck Erzähler, Geschichte, Hörer. Dem Rezipienten eine eindeutige Deutung quasi gewaltsam in den Rachen zu stopfen, käme den Ouled Sidi Khaled widersinnig vor.

Dass ein Text ohne Rezipient keinerlei Sinn hat, gilt selbstverständlich auch für die westliche Literaturtradition. Doch während sich dieser Umstand in der mündlichen Erzähltradition natürlich und von selbst erschließt, musste er in der westlichen Tradition mühsam erarbeitet werden, etwa durch wissenschaftliche Literaturtheorien. Deswegen stellt es eine solche Bereicherung dar, wenn Erzähler wie Charles Aceval aus Weil im Schönbuch oder Odile Nèri-Kaiser aus Weil der Stadt die Kunst der freien mündlichen Erzählung wieder pflegen.

Kontakt zu Naceur Charles Aceval gibt es per E-Mail an charles@aceval.net, seine Website findet sich unter www.aceval.net