Mittwoch 08.09.2010, 01:23 Uhr

Mit dem Kran auf den OP-Tisch

09.02.2010 00:00 Uhr -
Von unserer Mitarbeiterin Claudia Barner

Die Patienten ruhen in Boxen statt in Betten und werden mit dem Kran auf den OP-Tisch gehievt – in der Pferdeklinik in Waldenbuch ist alles auf die schwergewichtigen Vierbeiner ausgerichtet.

Merlin ist die Ruhe selbst. Gelassen steht der 18-jährige Wallach im Stall und lässt sich von seinen beiden Besitzerinnen das schwarz-weiße Fell kraulen. „Das tut ihm jetzt sicher gut“, da sind sich die Geschwister einig. Ihre eigene Nervosität hingegen ist deutlich zu spüren. „Hoffentlich geht alles gut“, sagen sie mit sorgenvollem Blick. Der Operationssaal in der Pferdeklinik in Waldenbuch ist vorbereitet. Bis zur Narkose sind es noch wenige Minuten. Tierärztin Melanie Schmitt greift beruhigend ein: „Es ist nur eine kleine OP am Fuß. In zwei Stunden ist alles vorbei.“

Die Tiermedizinerin führt den Irish Tinker auf die Waage. „612 Kilogramm“, ruft sie Christine Schlumbohm zu. Die Ehefrau von Klinkchef Henning Schlumbohm übernimmt an diesem Morgen die Rolle der Anästhesistin. „Sie dürfen gern dabei bleiben“, bietet sie den jungen Frauen an und lotst sie in die Narkosebox. Eine kleine Spritze ins dichte Fell genügt, dann beginnt der Kopf des Pferdes langsam abzusinken. Fachtierarzt Hennig Schlumbohm ist inzwischen dazugekommen und gibt Anweisungen. Zu viert stemmen sich Ärzte und Pfleger gegen die seitliche Begrenzung, die dem Tier Halt gibt. Dann knicken die Beine ein und der schwergewichtige Patient wechselt in die stabile Seitenlage.

„Alles ein wenig größer“

An der Decke setzt sich der Kran in Bewegung, der Merlin auf den überdimensionalen OP-Tisch transportiert. Mit vereinten Kräften wird das Pferd dort in die richtige Position gebracht. Christine Schlumbohm führt den Beatmungsschlauch in das geöffnete Pferdemaul ein. Das orangefarbene Kunststoff-Gebilde hat den Durchmesser eines Gartenschlauchs und der pulsierende Luftsack könnte auch als aufblasbarer Wasserball durchgehen. „Bei uns ist alles ein wenig größer, als man es kennt“, sagt die Ehefrau des Klinikleiters und lacht.

Die Operation an diesem Morgen ist für das Team um Henning Schlumbohm Routine. Das ist nicht immer so. „Etwa die Hälfte der Eingriffe sind Notfälle“, erzählt er. Hier ist ein Pferd in der Reithalle in einen Spiegel gesprungen, dort hat sich ein Pony am Stacheldraht das Augenlid aufgerissen oder eine trächtige Stute gerät durch eine Kolik in Lebensgefahr. Dem 39-jährigen Fachtierarzt ist nichts Tierisches fremd: „Unser Spektrum ist breit gefasst. Von der Orthopädie über die Innere Medizin, Gynäkologie, Andrologie sowie Zahn- und Augenheilkunde ist alles dabei.“

Die nötige Erfahrung hat der passionierte Reiter, der in Denkendorf aufgewachsen ist, nach dem Studium in ganz Deutschland gesammelt. Dabei stand für ihn von vornherein fest: „Die eigene Klinik war schon immer mein Traum.“ Erst vor fünf Jahren hat sich das Ehepaar in Waldenbuch niedergelassen. Von seiner kleinen Praxis im Reihenhaus der Familie in der Mylauer Straße aus klapperte Henning Schlumbohm damals die Pferdeställe in der Umgebung ab.

Eine wahre Ochsentour – doch der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Noch im gleichen Jahr mietete der Fachtierarzt Belegboxen in Tübingen an. Wenig später begann er in den Räumen einer leer stehenden Pferdeklinik in Scharnhausen zu praktizieren. 2006 wurde es auch dort zu eng. „Wir haben uns einfach ins Auto gesetzt und sind durch die Gegend gefahren“, erzählt Christine Schlumbohm. In einer Sackgasse des Waldenbucher Gewerbegebietes trat Henning Schlumbohm auf die Bremse. Direkt an den Wiesen des Schönbuchs entdeckte er die Gebäude einer alten Elektronikfabrik und sein Entschluss stand fest: „Das ist es.“

Prominente Pferde

An die heruntergekommene Industriebrache erinnert hier heute nichts mehr. Sogar eine Reithalle, in der die Tiere bewegt werden können, gibt es hier. Das ist besonders wichtig, wenn Pferde aufgepäppelt werden, die im internationalen Turniersport erfolgreich sind. Die Namen der prominenten Gäste werden nicht verraten. Doch soviel lässt Christine Schlumbohm wissen. „Der Wert eines solchen Tieres kann sich auch schon mal im hohen sechsstelligen Bereich bewegen.“

Wenn Henning Schlumbohm am OP-Tisch steht, verschwendet er daran keinen Gedanken. Ob kostspielige Wertanlage oder Familien-Reittier – für den Fachtierarzt macht das keinen Unterschied. „Es geht allein um das Lebewesen, dem wir helfen.“ Weniger gut betuchte Kunden können deshalb eine Ratenzahlung vereinbaren. Denn: Je nach Krankheitsbild summieren sich die Kosten für eine Operation schnell auf einen vierstelligen Betrag.

Die Besitzerinnen von Merlin sind froh darüber. „Auf einen Schlag könnten wir uns das nicht leisten“, verraten sie. Eine Sorge weniger. Jetzt müssen sie nur noch abwarten, bis die Wunden wieder verheilt sind. „Sieht gut aus“, meint Henning Schlumbohm, als sich der Wallach kurz nach der Operation die Müdigkeit aus der Mähne schüttelt. Dann muss der Klinikchef weiter. Im Behandlungszimmer nebenan scharrt bereits die nächste Patientin ungeduldig mit den Hufen: Eine Stute, an deren Bein eine Geschwulst entfernt werden muss.

In der Waldenbucher Pferdeklinik wird die nächste Operation vorbereitet. Bild: Barner