Projekt mit Höflichkeits-Hürden
21.02.2009 00:00 Uhr - Von unserem Mitarbeiter Bernd HeidenSeit ihrer Heirat 1981 unterstützen Bornmanns das in ein tibetanisches Dorf integrierte SOS-Kinderdorf. „Aber, it’s only money“, sagt Bornmann, studierter Blockflötist und bis Ende 1999 Leiter der Schönaicher Musikschule. „Wir dachten, wir machen etwas mit Musik, also auch etwas, was wir können.“ Die Idee, Blockflöten-Unterricht aufzuziehen, stößt beim Chef des tibetanischen Kinderdorfes in Pokhara-Chhorepatan, zentral in Nepal, 140 Kilometer nordwestlich von Katmandu gelegen, im Oktober 2007 auf offene Ohren.
Das liegt an der Mentalität der Tibeter, die aus ihrer Heimat vor der chinesischen Besetzung geflohen, in Nepal in dörflichen Exklaven leben. „Die Tibeter sind sehr traditionsverbunden“, erklärt dazu der Schönaicher Nepal-Experte. „Sie sind aber überzeugt, dass sie ihre Werte nur erhalten können, wenn sie wissen, was in der Welt läuft.“ Heißt: Sie sind wissbegierig und haben großes Interesse. „Das hat mir gut gepasst.“ Bormanns wollen nicht als Kulturmissionare auftreten. „Es war klar: Wenn, dann bringen wir nichts Besseres, sondern Anderes.“
30 Flöten als Spende
Bornmanns Idee, einem tibetanischen Musiklehrer Flötenunterricht zu geben, der dann sein Wissen an Schüler weitergibt, wird schließlich mit einer Reise der Bornmanns im Frühjahr 2008 umgesetzt. Nicht im SOS-Kinderdorf, wo ein Musiklehrer fehlt, sondern an der zehn Kilometer entfernten, noch zu Pokhara gehörenden Mount-Kailash-Schule in Hyangja.
Johannes Bornmann hat nicht nur einen Stapel seiner von ihm verfassten und verlegten Blockflötenschule dabei, die, 1995 erschienen, anlässlich des Projekts ins Englische übersetzt wird. Er bringt auch 30 Blockflöten, eine Spende der Flötenfirma Moeck, mit. Und mit dem Lehrer Samten Kalsang, der an der Schule Musik, Drama und Tanz unterrichtet, findet er einen guten Musiker, der, vom Schönaicher unterrichtet, rasch in einer Woche das Blockflötenspiel erlernt. Diese erste Phase sei „optimal gelaufen“, erzählt Bornmann.
Zurück in Schönaich schlägt einen Monat später der Optimismus der Bornmanns in Enttäuschung um. Sie bekommen aus Nepal vom Schulleiter eine E-Mail: Lehrer Kalsang hat die Schule verlassen. „Auf einmal war wieder alles auf Null.“
Trotz deutlich gedämpfter Hoffnungen, Bornmanns resignieren nicht. Der Schulleiter kümmert sich um einen neuen Musiklehrer, der im August tatsächlich seinen Dienst antritt. Mit ihm könnte das Projekt fortgesetzt werden. Johannes Bornmann fliegt nun im November allein nach Nepal, trifft dort auf den neuen Musiklehrer. Ein junger Mann, sehr interessiert an westlichen Dingen. „Alles prima“, denkt sich Bornmann.
Doch wieder gibt es eine unangenehme Überraschung. Der junge Mann offenbart, schon anderntags werde er für zwei Wochen die Schule zwecks Fortbildung verlassen. Noch vor dem ersten Flötenton scheint Projektphase zwei gescheitert. Die erneuten Probleme wurzeln für Johannes Bornmann nicht in schlechten Absichten. Im Gegenteil. Er vermutet dahinter tibetanische Höflichkeit, die verbietet, Schwierigkeiten offen anzusprechen.
So wird die naheliegende Lösung umgesetzt. Unversehens ist der Schönaicher täglich zwei Stunden für eine Woche Flötenlehrer in der Schule. Die 24 elf- bis 14-jährigen Schüler der fünften Klasse treten zum ersten Unterricht mit den im März importierten Flöten an. Auch bringt jedes der Kinder seine Bornmann-Flötenschule mit eingetragenem Namen zum Unterricht mit. Für ihn beruhigend: Mit dem Material wurde sorgsam umgegangen.
Autoritätsprobleme hat er nicht. Lehrer gelten als Respektperson. Der Unterricht, immer wieder aufgelockert durch Singen und Musizieren unter freiem Himmel, verläuft aus Bornmanns Sicht sehr gut. Nach einer Woche spielen die Kinder nach Noten auf der Blockflöte, beherrschen erste Artikulationstechniken und singen einen Kanon - beachtlich.
Noten völlig unbekannt
Denn den Schülern war vor Bornmanns Unterricht unsere Notenschreibweise unbekannt. Und die Melodie von „Bruder Jakob“ war ihnen zwar vertraut. An Kanon-Singen war dagegen nicht zu denken: Wie vielen Kulturen der Erde ist Mehrstimmigkeit auch den Tibetern fremd. Nachdem Bornmann nach einer Woche wieder abreist, beherrscht nun die fünfte Klasse der Mount-Kailash-Schule „Bruder Jakob“ auch zweistimmig. Die Kinder wissen offenbar zu schätzen, was sie gelernt haben. Zum Abschied schenken sie ihrem Flötenlehrer einen Seidenschal zum Zeichen der Verehrung. „Da war ich total gerührt.“
Nun überlegen die Bornmanns im heimischen Schönaich, wie das Projekt Blockflöte am Himalaya weitergehen könnte. Optimal wäre, wenn sie das Signal bekämen: Kommt im Frühjahr runter, der Musiklehrer ist und bleibt da, ebenso wie die Schüler, weil sie weder Ferien haben noch in ihren Examina stecken. Seit einem Monat aber ist keine Mail mehr aus Nepal zu Bornmanns gelangt. Für sie kein Grund zu allertiefster Besorgnis. Hinter der Kontaktstille muss weder Desinteresse noch höfliches tibetanisches Verschweigen stecken. Bornmanns wissen: „In Nepal herrscht 16 Stunden täglich Stromausfall.“
Blockflöten für nepalesische Schüler: Ein ehrgeiziges Projekt des Schönaicher Musikers und Verlegers Johannes Bornmann. Bild: z


