Mittwoch 08.09.2010, 01:39 Uhr

Viele scheuen sich, um Hilfe zu bitten

09.02.2010 00:00 Uhr -
Von unserem Mitarbeiter Thomas Oberdorfer

Die SZ/BZ hat mit Wolfgang Trede, Leiter des Amts für Jugend und Bildung (Kreisjugendamt) im Landratsamt, über Rolle und Aufgaben des Jugendamts gesprochen.

Wie beurteilen Sie den Maichinger Fall des Kindesmissbrauchs?

Wolfgang Trede (Bild: z): „Das ist eine extreme Art der Kindswohlgefährdung. Wir sind robust eingeschritten und haben das Kind für vier Wochen in einer Pflegefamilie in Obhut genommen. Inzwischen lebt es wieder bei seinen Eltern, wir betreuen die Familie aber weiterhin sehr engmaschig. Solche Extremfälle wie dieser sind allerdings die große Ausnahme.“

Nehmen die Inobhutnahmen zu?

Wolfgang Trede: „Ja, seit 2005. Davor waren es im Schnitt jährlich etwa 120 Fälle. 2008 waren es 171 Fälle. Und das, obwohl die Zahl der Kinder und Jugendlichen im Kreis Böblingen leicht gesunken ist. Der überwiegende Teil der Inobhutnahmen, also der kurzzeitigen Krisenunterbringungen, betrifft aber Jugendliche im Alter zwischen 14 und 17 Jahren und nicht Kleinkinder.“

Viele werden von Erziehern und Lehrern gedrängt, zum Jugendamt zu gehen.

Wie ist der Anstieg zu erklären?

Wolfgang Trede: „Wir haben auf der einen Seite einen objektiv höheren Bedarf nach öffentlichen Jugendhilfen. Stichwort hohe Trennungs- und Scheidungsraten, sowie eine Zunahme an psychischen Erkrankungen bei Eltern. Auf der anderen Seite gibt es in der Gesellschaft und auch bei den Jugendämtern mehr Achtsamkeit und eine höhere Sensibilität bei Kindeswohlgefährdungen.“

Wie helfen Sie Kindern, Jugendlichen und den betroffenen Familien?

Wolfgang Trede: „Wir versuchen in allen Fällen, die Eltern in unsere Überlegungen einzubeziehen und deren Einverständnis zu bekommen. Es ist wichtig für die Kinder, dass deren Eltern die Entscheidung des Jugendamtes mittragen. Wir können ohne richterlichen Beschluss ein Kind für 48 Stunden in Obhut nehmen. Es gibt die Möglichkeit, die Kinder in Tagesgruppen unterzubringen, bei Pflegefamilien, in einer Wohngruppe oder in Heimen. Wir können auch mittels Familienbetreuer häufig und regelmäßig die Familien in ihren eigenen vier Wänden besuchen und dort Unterstützung gewährleisten.“

Viele verbinden mit dem Jugendamt den Entzug des eigenen Kindes...

Wolfgang Trede: „90 Prozent der Anträge auf Beratung stellen betroffene Eltern selbst. Allerdings werden viele von einer Erzieherin oder einem Lehrer zu diesem Schritt gedrängt. Bei vielen hat das Jugendamt zu Unrecht ein schlechtes Image. Zudem kennen viele Familien mit Migrationshintergrund diese Behörde nicht. Sie stehen uns zunächst sehr skeptisch gegenüber.“

Wir hatten das Gefühl, dass die Familie den Alltag selbst bewältigen konnte.

Die Maichinger Familie hatte schon vor Jahren Kontakt zum Jugendamt. Hat sich die Behörde zu früh zurück gezogen?

Wolfgang Trede: „Diese Frage stellen wir uns immer. Wir hatten das Gefühl, dass die Familie den Alltag und die Erziehung der Kinder wieder selber bewältigen konnte. Damals hatten wir genügend Gründe, um die Hilfe einzustellen.“

Ist das Jugendamt überhaupt in der Lage, solche Fälle zu vermeiden?

Wolfgang Trede: „Sobald wir eingeschaltet werden, ist schon irgendetwas aus dem Ruder gelaufen. Wenn wir ins Spiel kommen, ist meistens schon etwas passiert.“

Wie können Sie vorher aktiv werden?

Wolfgang Trede: „Durch unser gerade gestartetes Projekt ‘Familie am Start’. So sollen Familien, die unsicher sind und Hilfe benötigen, schon früh zu uns finden. Die zwei Pilotstandorte sind das Haus der Familie Sindelfingen und die Psychologische Beratungsstelle in Herrenberg. Wir bieten Beratung, Begleitung und Unterstützung für Eltern ab der Geburt ihres Kindes bis zum dritten Lebensjahr an. Kontakt ist auch schon während der Schwangerschaft möglich. Zum Team gehören eine Diplom-Sozialpädagogin, eine sozialpädagogische Familienhelferin sowie eine Familienhebamme.“

Hilfe- und schutzbedürftig: Wenn die Eltern überfordert sind, können Kinder schnell zum Opfer werden. Bild: Bilderbox