Donnerstag 02.09.2010, 21:54 Uhr

"Beim Tanzen mal richtig böse sein"

05.04.2008 00:00 Uhr -
Von unserem Mitarbeiter Matthias Staber

Am 16. April werden die 15-jährige Margarita Moser und ihre zwölfjährige Schwester Marilyn für eine Stunde nicht Schülerinnen der Böblinger Theodor-Heuss-Hauptschule sein, sondern finstere Orks: Ab 19 Uhr steigt an diesem Tag das ambitionierte Tanzprojekt "Der Herr der Ringe" in der Kongresshalle.

Eigentlich sei sie schüchtern und zurückhaltend, sagt Margarita Moser. "Doch beim Tanzen kann ich aus mir herausgehen, als Ork auch mal so richtig böse sein." Wenn Margarita zusammen mit ihrer Schwester Marilyn als bedrohlicher Ork durch den Elbenwald fetzt, kann sie ihre andere Seite zeigen: Dann ist sie "nicht nur schüchtern", sondern "ein selbstbewusster Sturkopf".

Schlüsselerlebnis

Solch ein Tanzauftritt sei "ein Schlüsselerlebnis für Jugendliche", sagt der Choreograph Lior Lev, der zusammen mit Sonia Santiago die Choreographie für das Tanzprojekt "Der Herr der Ringe" einstudiert.

Das Projekt ist ambitioniert: Über 40 Schüler verschiedener weiterführender Schulen Böblingens und Sindelfingens werden zusammen mit dem Polizeimusikkorps Baden-Württemberg unter der Leitung von Toni Scholl "Der Herr der Ringe" nach der ersten Sinfonie von Johann de Meij auf die Bühne bringen. Der niederländische Komponist, Ende 2006 persönlich zu Besuch in Böblingen, hat für sein Werk mittlerweile jede menge Preise bekommen.

Für das Projekt hat die Böblinger Familien- und Gleichstellungsbeauftragte Angelika Baur 30 000 Euro zur Verfügung. 20 000 Euro kommen vom Bund, 10 000 vom Land. Das Tanzprojekt "Der Herr der Ringe" ist Teil des Bundesprogramms "Vielfalt tut gut - Jugend für Vielfalt, Toleranz und Demokratie". Die Grundthemen der Fantasy-Trilogie "Der Herr der Ringe" von J.R.R Tolkien würden sich für ein Werben für Toleranz anbieten, sagt Baur: "Eine inhomogene Gruppe, die aus Kreaturen mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund, mit unterschiedlichen Körpergrößen und verschiedenen Fähigkeiten besteht, arbeitet zusammen, um gegen die Uniformität der im Gleichschritt marschierenden Orks zu bestehen." Gemeint ist die aus Hobbits, Menschen, einem Zwerg und einem Elb bestehende Gemeinschaft des Ringes, die sich in "Der Herr der Ringe" aufmacht, um Mittelerde zu retten.

Übertragen auf das Tanzprojekt heißt das: Schüler unterschiedlicher Altersstufen, von zehn bis 17 Jahren reicht die Spanne, mit unterschiedlichem kulturellem Hintergrund und verschiedenen Fähigkeiten arbeiten zusammen, um etwas über Toleranz und Selbstbewusstsein zu lernen. "Der Kreis Böblingen hat den zweitgrößten Anteil an Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund in ganz Deutschland", sagt Baur. Bei "Der Herr der Ringe" sollen aus Griechen, Türken, Deutschen und Russlanddeutschen kooperierende Elben, Menschen und Hobbits werden.

Auch das Thema Disziplin steht für Lior Lev in engem Zusammenhang mit einem solchen Tanzprojekt. Dies lässt sich freilich nicht jedem Jugendlichen vermitteln: Über 60 Kinder und Jugendliche meldeten sich Ende Februar, als die Proben zu "Der Herr der Ringe" losgingen. "Wenn es gut läuft, laufen wir mit 40 Tänzern ins Ziel ein."

Die 30 000 Euro hält Lior Lev "auf jeden Fall für sehr gut angelegtes Geld. Eigentlich gibt es immer viel zu wenig Geld für solche Projekte." In England sei die Unterstützung solcher Projekte viel gängiger: "Es geht doch auch darum, solchen Kindern und Jugendlichen den Zugang zu Kulturräumen zu eröffnen, denen sie normalerweise verschlossen sind." Das Problem in Deutschland sei, dass Politiker und Eltern solche Projekte viel zu wenig unterstützen würden.

Fünf Bilder mit einem Stockkampf

In fünf Bildern werden sich die 40 Schüler durch Mittelerde tanzen, was rund eine Stunde dauern wird: "Gandalf", "Die Hobbits", "Die Minen von Moria", "Gollum" und "Der Elbenwald". Aufwändige von Marlene Kußmaul gestaltete Kostüme werden dabei für den nötigen Fantasy-Flair sorgen. In "Die Minen von Moria" dürfen sich die Zuschauer auf einen zünftigen Stockkampf freuen, den Stockkampflehrer Aron Michael Trefz choreographiert hat. Die Solo-Rollen tanzen Lior Lev (Gandalf), Sonia Santiago (Arwen), Christina Großhans und Arun-Michael Trefz.