Fantasy wird zur Wirklichkeit
19.04.2008 00:00 Uhr - Von unserem Mitarbeiter Matthias StaberRund 700 begeisterte Zuschauer haben am Mittwoch die Aufführung des Tanzprojekts "Der Herr der Ringe" im Europasaal der Böblinger Kongresshalle gefeiert. Darin tanzen sich 38 Böblinger und Sindelfinger Schüler zwischen neun und 18 Jahren nach der Musik des niederländischen Komponisten Johann de Meij durch Tolkiens Mittelerde.
"Ich bin überwältigt und begeistert": Angelika Baur strahlt, genießt sichtlich die Glückwünsche und Lobesreden, die von links und rechts auf sie einprasseln, unter anderem von Böblingens Erstem Bürgermeister Andreas Brand. Hinter der Familien- und Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Böblingen und rund 700 weiteren Zuschauern liegen 50 magische Minuten: "Ich hatte Gänsehaut."
Zauber der Bilder
Dies dürfte auch anderen Zuschauern so gegangen sein: Dem Bilderzauber, den die Mitwirkenden des Tanzprojekts "Der Herr der Ringe" vors Gemüt stellen, wuchtig musikalisch unterfüttert vom Polizeimusikkorps Baden-Württemberg unter der Leitung von Toni Scholl, kann sich der für optische und akustische Reize empfängliche Betrachter nur schwerlich entziehen.
Kenner der Fantasy-Trilogie von J.R.R. Tolkien bekommen in reizvoll verdichteter Form und leicht verfremdeter Chronologie die Geschichte der Vernichtung des einen, unheilvollen Ringes, der die Freien Völker versklaven soll, erzählt und können sich nach Mittelerde träumen.
Videoprojektionen mit Bildern der Künstler Andrej und Olga Dugin, die mit der Gestaltung Mittelerdes durch den bekanntesten Tolkien-Illustrator John Howe mindestens auf Augenhöhe sind, bilden den Hintergrund, vor der sich die getanzte Geschichte entfaltet. Von den saftigen Wiesen des Auenlands geht es in die düsteren Gefilde Mordors. Bei diesen als Bühnenbild genutzten Illustrationen handelt es sich um eine recht späte Zutat: "Sie sind in den letzten drei Tagen und Nächten entstanden", erzählt Angelika Baur.
Ohne Schnickschnack
Lior Lev und Sonia Santiago haben seit Februar mit 38 Schülern aus Böblingen und Sindelfingen die Choreographie zur ersten Sinfonie des Komponisten Johann de Meij entwickelt und dabei Beachtliches auf die Beine gestellt: Mit einfachen choreographischen Mitteln und ohne Schnickschnack vermitteln die Tänzer die wesentlichen Charakterzüge der handelnden Personen und die Stimmungen der Szenen.
Das gilt sowohl für die Profis (Lior Lev als Gandalf, Sonia Santiago als Arwen, Boris Nahalka als Gollum, Arun-Michael Trefz als Saruman und Aragorn, die Lehrerin Kristina Großhans von der Böblinger Theodor-Heuss-Hauptschule tanzt die Galadriel) als auch für die 38 Schüler, die die restliche Bevölkerung von Mittelerde stellen. Von den Kapriolen der lebenslustigen, ländlichen Hobbits über die abgehobene Anmut der Elben bis zum Jähzorn der Orks ist diesem Tanzprojekt jede Szene stimmig und eindrucksvoll gelungen.
Doch dieses Tanzprojekt will mehr als grandioses Unterhaltungsspektakel für Tolkien-Fans sein: Das vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Bundesprogramms "Vielfalt tut gut - Jugend für Vielfalt, Toleranz und Demokratie" mit 20 000 Euro und von der Landesstiftung Baden-Württemberg mit 10 000 Euro geförderte Projekt hat einen pädagogischen Hintergrund. Es soll Barrieren abbauen, Selbstbewusstsein vermitteln, Kindern und Jugendlichen die Freude an Aktivität, Kreativität und Selbstausdruck nahe bringen.
Dies scheint gelungen. "Dieses Projekt war in jedem Abschnitt bedeutungsvoll und spannend", sagt Angelika Baur. Die mitwirkenden Jugendlichen waren die letzten fünf Tage vor der Aufführung so gut wie ohne Pause beisammen. "Und da hat sich etwas getan", berichtet Baur: "Das war spannend. Die Jugendlichen sind zu einer Einheit zusammengewachsen." 15 verschiedene Nationalitäten hat Angelika Baur bei den mitwirkenden Kindern und Jugendlichen gezählt: "Der Herr der Ringe" führt vor, wie Kultur integrativ eingesetzt werden kann. In der Tat: "Rhythm is it!"


