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Langzeitprojekt „Vor 80 Jahren – Sindelfingen im Krieg“ des Stadtmuseums / Jetzt neu: „Oktober 1941 – Oktober 2021 „Alle Mann wurden von Mutter … bekocht …“

Sindelfingen: Kriegsgefangene im Oktober 1941

Von Horst Zecha
Im Herbst 1940 wurde der Baufirma Keppler eine Arbeitskolonne mit 10 französischen Kriegsgefangenen zugewiesen.    Foto: Stadtmuseum Sindelfingen

Im Herbst 1940 wurde der Baufirma Keppler eine Arbeitskolonne mit 10 französischen Kriegsgefangenen zugewiesen. Foto: Stadtmuseum Sindelfingen

Sindelfingen - Das Stadtmuseum Sindelfingen befasst sich von September 2019 bis Mai 2025 unter dem Titel „Vor 80 Jahren – Sindelfingen im Krieg“ mit der Zeit des Zweiten Weltkriegs und wie sich damals die Situation für die Menschen vor Ort darstellte. Dazu wird monatlich ein Objekt oder Thema in den Mittelpunkt gestellt, das vor 80 Jahren relevant war und auf das im Stadtmuseum Bezug genommen wird.

So entsteht eine Reihe mit 69 Beiträgen, die monatliche Blitzlichter auf die Zeit von September 1939 bis Mai 1945 wirft und das damalige Geschehen auf lokaler Ebene lebendig werden lässt. Thema für den Monat Oktober 2021: „Alle Mann wurden von Mutter … bekocht …“ Die zugehörige Vitrine im Sindelfinger Stadtmuseum ist seit dem 27. Oktober dem Publikum zugänglich. Die Texte sind auch auf der städtischen Homepage nachzulesen.

Ein menschlicher Umgang

Bereits im Ersten Weltkrieg kamen in Sindelfingen Kriegsgefangene als Arbeitskräfte zum Einsatz. Gegenüber dem massenhaften Einsatz von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern im Zweiten Weltkrieg war dies aber nur ein leises Vorspiel. Weit über 3000 Menschen aus verschiedensten Ländern Europas wurden zwischen 1940 und 1945 zur Arbeit in Sindelfingen gezwungen. Die allermeisten waren zur Rüstungsproduktion im Daimler-Benz-Werk eingesetzt – davon wird an anderer Stelle in dieser Reihe noch zu berichten sein. Es gab aber auch zahlreiche ausländische Arbeiter in der Landwirtschaft und in kleineren Sindelfinger Betrieben. Dort waren die Arbeits- und Lebensbedingungen im Allgemeinen etwas erträglicher als im großen Werk.

Bereits im September 1940 waren nach dem deutschen Sieg über Frankreich dem Sindelfinger Baugeschäft Alfred Keppler 10 französische Kriegsgefangene zugeteilt worden. Bald hatte sich offensichtlich zwischen den Familienangehörigen und den Kriegsgefangenen ein menschlicher Umgang entwickelt, wie Charlotte, die Tochter des Bauunternehmers, in ihren Erinnerungen festhält: „Inzwischen wurden Fremdarbeiter im Hof untergebracht, die meisten waren französische Kriegsgefangene. Alle Mann wurden von Mutter und Manne [Charlottes Schwester Marianne] bekocht, die Wäsche gemacht …“

Den staatlichen Stellen und den Funktionären der NSDAP war der freundliche Umgang zwischen Einheimischen und ausländischen Arbeitern ein Dorn im Auge, kamen dadurch doch die von der NS-Propaganda entworfenen Feindbilder ins Wanken. So sah sich beispielsweise NSDAP-Ortsgruppenleiter Kohler in der Gemeinderatssitzung vom 21.08.1941 zu folgenden Ausführungen genötigt: „Ratsherr Kohler bemerkt, es sei ihm in letzter Zeit wiederholt aufgefallen, dass zwischen Kriegsgefangenen und der hiesigen Bevölkerung, vor allen Dingen mit einzelnen Frauen, ein durchaus kameradschaftliches Verhältnis herrsche. Er werde künftig mit allen Mitteln der Partei gegen solche Vorkommnisse einschreiten und bittet den Bürgermeister auch von sich aus das Erforderliche zu veranlassen.“

„Eines Deutschen unwürdig“

In die gleiche Richtung zielt ein Rundschreiben des württembergischen Innenministeriums vom Dezember 1941, in dem es im Hinblick auf das bevorstehende Weihnachtsfest heißt: „Nach den Erfahrungen im vergangenen Jahr ist damit zu rechnen, daß bei den bevorstehenden Weihnachtsfeiertagen und der Jahreswende der erforderliche Abstand zu Kriegsgefangenen und ausländischen Zivilarbeitern von den Arbeitgebern und der übrigen Bevölkerung nicht eingehalten wird. Dies muß unter allen Umständen verhindert werden. Es ist eines Deutschen unwürdig, Kriegsgefangenen und ausländischen Zivilarbeitern Geschenke auch unbedeutendster Art zu machen.“

Bis März 1945 blieb der größte Teil der französischen Kriegsgefangenen bei der Baufirma Keppler und die Berichte aus der Familie lassen auf einen respektvollen und menschlichen Umgang miteinander schließen. Darauf weist auch die Tatsache hin, dass es nach Ende des Krieges noch länger Kontakt zu einigen der bei der Firma untergebrachten Franzosen gab. Es ist tröstlich wahrzunehmen, dass der totalitäre Staat Menschlichkeit eben doch nicht immer unterbinden konnte.


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