Von unserem Redakteur 
Hansjörg Jung · 19.07.2019

Die Ruhe vor dem Rathaus

Böblingen: Ärger um Be- und Entlade-Vorschriften für den Marktplatz / Festgelegte Anlieferungszeiten für Einzelhändler nicht praktikabel

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Marktplätze sind gemeinhin ein Inbegriff für pulsierendes Leben und Handel. Zumindest von Ersterem ist der Böblinger Marktplatz, von ein paar rauschenden Festtagen im Jahr, seit langem weit entfernt. Das hat historisch Gründe und auch die Stadtentwicklung ist eben am Marktplatz vorbei gegangen. Dass es der Handel allerdings auf dem Platz zuletzt nicht einfacher hat, liegt auch an der Stadtverwaltung.


Nachdem der Marktplatz zur Fußgängerzone erklärt wurde, hat der Weinhändler Rainer Heinzelmann ein Problem, Nachschub zu bekommen. „Die Fahrer der Speditionen verdienen ohnehin sehr wenig. Da riskiert es keiner zum Abladen auf den Marktplatz zu fahren und dafür einen Strafzettel zu kassieren, den er von der Spedition nicht ersetzt bekommt“, sagt der Weinhändler.


„Städte und Großstädte“


Nach einigen Gesprächen mit dem Ordnungsamt und wochenlangem Stillstand scheint nun Bewegung in die Angelegenheit gekommen zu sein. „Das zuständige Ordnungsamt wird – wie in nahezu allen Städten und Großstädten, die in ihren Innenstädten Fußgängerzonen eingerichtet haben und wo keine Möglichkeit einer rückwärtigen Andienung aus „2. Reihe“ besteht – Anlieferungszeiten einführen: werktags (das bedeutet von Montag bis Samstag je einschließlich) von 8 bis 11 Uhr und von 17.30 bis 19 Uhr“, heißt es in einer Stellungnahme der Stadtverwaltung von gestern.


Doch dies verbessert die Situation für Rainer Heinzelmann nicht. „Die Speditionen richten ihre Touren nicht nach eine kleinen Kunden aus. Ich muss warten, bis ich an der Reihe bin – und dies ist vielleicht auch mal erst um die Mittagszeit oder nach 19 Uhr“, sagt er. Und diese Regelung betrifft ja nicht nur den Einzelhändler, sondern auch die Anwohner, die ihr Urlaubsgepäck oder auch Einkäufe ebenfalls nach diesem Zeitplan ein- oder ausladen müssten.


Die Verwaltung verweist in ihrer Begründung für die Lieferzeitung auf andere Fußgängerzonen. Diese Dringlichkeit mag beispielsweise für die Bahnhofstraße ja zutreffen, wenn sich Menschenmassen zu den Stoßzeiten in Richtung Elbenplatz oder Bahnhof schieben. Aber am Marktplatz herrscht, abgesehen von ein paar spielenden Kindern der Stiftung „Jugendhilfe aktiv“, in der Regel tote Hose. Von Fußgängerverkehr kann keine Rede sein. Vom Fahrzeugverkehr schon gar nicht.


Nachvollziehbar ist, dass die Verwaltung verhindern möchte, dass dort Autos parken. Doch dies ist in der Regel nicht der Fall, derzeit parken dort lediglich die Handwerker, die bei den Sanierungsarbeiten im Rathaus beschäftigt sind. „Ein pauschales Be- und Entladen auf dem gesamten Platz ist schwierig zu kontrollieren und es werden dann wieder mehr parkende Autos auf Marktplatz befürchtet. Die Erfahrungen aus der Praxis: Kofferraum oder Tür offen mit Warnblinker und dann ist der Fahrer 30 Minuten weg“, heißt es in der Stellungnahme der Verwaltung.


Die klingt etwas hilflos. Denn direkt vor der Höhle des Löwen und unter dem Auge des Ordnungsamts dürfte es kein Problem sein, solchen Schlaumeiern eine Entsprechende Verwarnung unter den Scheibenwischer zu klemmen. Es besteht also noch weiterhin Redebedarf - nicht nur im Sinne der Weinhandlung, sondern auch der Anwohner.