Von unserem Redakteur Tim Schweiker · 20.11.2020

Paragrafen sind nicht alles

Standpunkt: Corona-Regeln

Von unserem Redakteur Tim Schweiker

Corona kurios: Die Corona-Pandemie schreibt jeden Tag neue Geschichten. Traurige, dramatische und manchmal auch solche, die einen ratlos zurück lassen. Wie jene Episode aus dem Böblinger Amtsgericht (die SZ/BZ berichtete): Eine 87 Jahre alte Sindelfingerin hat war 1. April dieses Jahres gemeinsam mit einem Ehepaar spazieren.


Das Trio war augenscheinlich ohne Mindestabstand unterwegs, was eine Mitarbeiterin des städtischen Vollzugsdiensts auf den Plan rief. Die Folge: ein Bußgeldbescheid über 250 Euro. Dagegen legte die 
87-Jährige Einspruch ein, es kam zur Verhandlung beim Amtsgericht. Am Ende stehen 200 Euro Bußgeld – und ein ungutes Gefühl.


Damit wir uns richtig verstehen: An dieser Stelle soll es nicht um Richterschelte gehen, das steht uns nicht zu. Aber die Frage sei erlaubt, warum es so weit überhaupt kommen musste. Gehört eine 87 Jahre alte Frau, die offenbar ohne Begleitung nicht mehr spazieren gehen kann, tatsächlich zur Zielgruppe, die man mit der Androhung von Bußgeld erreichen will? Wohl kaum.


Sicher: Verbindliche Regeln müssen grundsätzlich für alle gelten. Und doch wäre es wohl möglich gewesen, im Fall jener betagten Dame ein Auge zuzudrücken. 
Aggressive Masken-Verweigerer und notorische Corona-Leugner, die sich um Rücksichtnahme und Regeln nicht scheren, gibt es mehr als genug. Das sind doch wohl die eigentlichen Bußgeld-Kandidaten.


Die Corona-Verordnungen werden uns weiter beschäftigen. Jetzt hat die Stadt Sindelfingen angekündigt, in den nächsten Tagen verstärkt die Maskenpflicht zu kontrollieren. Wenn die Kontrolleure dabei nicht nur die Paragrafen, sondern auch eine Portion Fingerspitzengefühl im Gepäck haben, schadet das sicher nicht. Schon gar nicht, wenn man will, dass sich auch weiterhin möglichst alle an die wohl noch lange geltenden Corona-Spielregeln halten.


tim.schweiker@szbz.de