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Psychologie

Wie wird man reich?

Unsere Art, mit Geld umzugehen, sagt viel über unseren Charakter aus. Ein Gespräch mit dem Berliner Psychologen Wolfgang Krüger über Geld, Minimalismus und Reichtum.
Von Nina Ayerle
Glücklich und reich sein? Geht das?

Glücklich und reich sein? Geht das? Foto: imago images/Everett Col..

Geld allein macht nicht glücklich, aber es ist besser, in einem Taxi zu weinen als in der Straßenbahn“, hat der Publizist Marcel Reich-Ranicki mal gesagt. Geld spielt in unserem Leben eine wichtige Rolle – vor allem, wenn man keines hat. Der Berliner Psychologe und Psychotherapeut Wolfgang Krüger (74) hat sich in seinem neuen Buch damit beschäftigt, wie man „Glücklich reich“ ist. Im Interview erklärt er, wie Menschen ihren Umgang mit Geld verbessern können.

Herr Krüger, Geldsorgen können quälend sein. Wie wird man glücklich reich?

Das Verrückte ist ja, Geld spielt in unserem Leben eine große Rolle, aber gleichzeitig kümmern wir uns zu wenig um Geld. Es ist ein fast größeres Tabu-Thema als die Sexualität. Als ich für mein Buch recherchiert habe, stellte ich fest, dass viele Menschen in meinem Umfeld es als „Frechheit“ empfunden haben, wenn ich versucht habe, mit ihnen offen über Geld zu sprechen. Vor allem die Frage, wie viel Vermögen jemand hat, stößt auf erheblichen Widerstand bei den meisten.

Wie entsteht unsere Einstellung zu Geld?

Sind wir ein Sparer? Sind wir ein Genießer? Benutzen wir Geld als Machtmittel? Unseren Umgang mit Geld erlernen wir in unserer Herkunftsfamilie. Um einen besseren Umgang mit unseren Finanzen zu lernen, muss ich begreifen, wie ich geprägt worden bin. Wenn ich schon als Kind viel Taschengeld, aber wenig Zuwendung bekommen habe – dann macht das etwas mit mir im Leben.

Was sagt es über uns aus, wie wir mit Geld umgehen?

Wer sein ganzes Geld immer ausgibt, der ist oft wenig bei sich und hat häufig den Impuls, eine innere Unausgeglichenheit mit Geld zu befriedigen. Häufig befriedigt uns das aber nicht. Im Gegenteil es fehlt eigentlich an Liebe, Wertschätzung und Zuneigung. Bei Frauen beobachte ich oft, dass sie Gefühle wie Kummer und Trauer mit Konsum bekämpfen. Man gönnt sich eine schöne Handtasche, wenn es mal nicht gut läuft. Der Umgang mit dem Geld zeigt immer unseren Charakter. Deshalb frage ich alle Patienten, wie ihr Umgang mit Geld ist. So leiden Menschen, die überhaupt kein Geld ausgeben an dem „Dagobert-Syndrom“: Sie sparen nicht nur Geld, sie sparen auch an anderem: an Worten der Anerkennung, an Liebe. Der Sparer ist in allem etwas gedämpft.

Geht es also eher um emotionalen Reichtum beim glücklich reich sein?

Beides! Etwa 20 Prozent der Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze. Nun müssen wir aber alle mehr nach unserem Geld schauen, denn die guten Jahre sind vermutlich erst einmal vorbei. Der Großteil könnte aber rund 20 Prozent der Kosten einsparen, wenn sie einen anderen Umgang mit Geld erlernen. Ich empfehle immer, erst einmal ein Haushaltsbuch zu führen und alle Ausgaben einzutragen. Dabei stellt man dann oft fest: Man gibt viel Geld aus psychischen Gründen aus. Also um einen Mangel zu kompensieren.

Aber man muss ja dann auf viel verzichten!

Die Frage ist ja, was ist Verzicht? Meine Frau und ich reisen zum Beispiel inzwischen viel weniger, wir machen immer Urlaub in Deutschland – auch wegen des Klimas. Wir haben für uns festgestellt, wir brauchen gar nicht so viel. Ich sehe oft viele Menschen, die ständig weit reisen – dann aber sehr erschöpft zurückkommen. Ich selbst habe sparen nie als Verzicht empfunden. Mein Grundmotto ist: Weniger ist mehr. Oft sind wir glücklicher, wenn wir unsere seelischen Bedürfnisse nicht mit Konsum kompensieren.

Aber wer kein Geld hat, der kann ja nichts sparen.

Ich habe zuerst Betriebswirtschaft studiert und in einem Konzern gearbeitet. Und da ist mir klar geworden: Wenn ich im Leben frei sein will, dann brauche ich Geld. Daher habe ich immer viel gespart und das Geld gut angelegt. Ich kann daher jetzt im Alter ruhig auf die Welt blicken – weil ich keine Geldsorgen mehr habe. Es ist wichtig, immer Geld auf der Seite zu haben, um in Belastungssituation nicht mit Nichts dazu stehen, wenn man zum Beispiel krank oder arbeitslos wird, dann hat man einen Puffer.

Aber wieso kümmern wir uns nicht mehr darum, wenn Geld so wichtig ist?

Viele Menschen kümmern sich schlicht einfach nicht um eine richtige Vorsorge. Wenn sie dann dringend Geld brauchen, geraten sie in Panik. Wir müssten viel rationaler mit Geld umgehen. Ein guter Freund von mir gönnt sich zum Beispiel im Café immer ein großes Stück Torte, ich einfach einen Tee oder Kaffee. Er fährt ein großes Auto, ich ein Fahrrad. Er hat in seinem Leben immer viel verdient, aber nichts gespart fürs Alter.

Wie wichtig ist Geld in einer Partnerschaft?

Wenn Sie auf ein Date gehen und der Mann gibt am Ende dem Kellner zehn Cent Trinkgeld, dann können Sie sich ausrechnen, dass er mit seinen Gefühlen wohl genauso knausrig ist wie mit Geld. Oder nehmen wir Boris Becker: Er ist mit seinem Geld genauso umgegangen wie mit sich und seinem Leben. Am Ende ist ihm nichts geblieben. Wir brauchen also einen Partner, der eine ähnliche Einstellung zu Geldhat wie wir selbst.

Also brauchen wir Geld, um glücklich zu sein?

Ja! Geldsorgen machen Menschen unendlich unglücklich. Geld allein macht sicher nicht glücklich, aber es beruhigt eben. Man schätzt, dass ein Mensch etwa 70.000 Euro im Jahr braucht – mit mehr fühlt man sich dann nur noch unwesentlich glücklicher. Aber Geld als Beruhigungsfaktor ist im Leben enorm wichtig. Wenn ich meine Finanzen nicht wichtig nehme, dann nehme ich mich selbst nicht wichtig. Die Psychologie des Geldes: Das können Lebensdramen sein. Ich habe viele Patienten, die aus Stuttgart kommen. Da merke ich immer, sie sind teils viel wohlhabender als meine Berliner Patienten. Aber: Sie leben oft auch danach, dass sie nur etwas sind, wenn sie etwas haben. Vor allem ein teures Auto dient bei vielen als Kompensation.

Geld ist ja immer auch Status. Das ist ja auch ein gesellschaftlicher Druck.

Ich habe noch nie in meinem Leben ein Auto gehabt. Ein Bekannter hat mich vor zig Jahren mal gefragt: „Wie kannst du eine Frau für dich gewinnen, wenn du kein Auto hast?“ Nun, das stimmt nicht. Meine Frau und ich sind schon seit 13 Jahren zusammen. Aber es zeigt, wie viele Leute heutzutage denken. Letztlich sollten wir trotzdem wissen, dass es andere Dinge gibt, die wichtiger als Geld sind: Liebe, Sex, der Sinn des Lebens und Gesundheit. Geld hat letztlich die Aufgabe, uns dabei zu helfen, diese Ziele zu realisieren.