

Fußball. „Thommy, gib Vollgas, damit wir mal wieder eins trinken können.“ „Du bist ein Kämpfer wie auf dem Sportplatz.“ Die Kicker aus der Landesliga-Meistermannschaft von 1993 schicken Thomas Oberdorfer die besten Grüße als Videobotschaft. Der Protagonist des Tages kann selbst nicht auf den Sportplatz. Zumindest noch nicht, denn alle drücken die Daumen.
Das Benefizspiel zwischen dem TV Darmsheim und dem VfL Sindelfingen für Thomas Oberdorfer, der seit einem Hirnschlag im Oktober 2024 im Rollstuhl sitzt und mit neurologischen Einschränkungen zu tun hat, ist wie ein riesengroßes Klassentreffen der Fußballfamilie der näheren Umgebung. Kein Wunder: Thomas Oberdorfer ist sowohl Kicker durch und durch als auch seit jeher in der Gegend präsent. Sowohl privat als auch als Journalist. Ob als freier Mitarbeiter oder zuletzt auch als Redakteur der SZ/BZ. Und wen man auch fragt: Die Antworten sind positiv.
Einer derjenigen, die an diesem Tag besonders viel bewegen, ist Gerd Körber, Abteilungsleiter des TV Darmsheim. Er kennt Thomas Oberdorfer noch aus seiner eigenen Zeit beim VfL Sindelfingen II. „Der Kontakt war immer da“, sagt er. Auch beim TV Darmsheim hinterlässt Thommy als Mitglied der legendären Meistermannschaft tiefe Spuren. Als die Nachricht von seinem Schicksal die Runde macht, hat Roland Gann die Idee für ein Benefizspiel. Gerd Körber und sein Stellvertreter Milton Kautz schlagen daraufhin vor, das ohnehin geplante Testspiel gegen den VfL Sindelfingen unter das Motto „Für Thommy“ zu stellen. „Das hat gepasst, weil Thommy für beide Vereine gespielt hat“, sagt Körber.
Knapp 450 Zuschauer folgen dem Aufruf auf den Eichelberg. Dass der TV Darmsheim ausnahmsweise auch bei einem Testspiel Eintritt verlangt, ist klar. Die Einnahmen aus Eintritt und Bewirtung gehen an Thomas Oberdorfer. Zudem hinterlassen viele Menschen, die nicht vor Ort sein können, eine Spende. Für Gerd Körber ist die finanzielle Unterstützung aber nur ein Teil der Hilfe: „Gemeinsame Zeit ist das schönste Geschenk.“
Jede Spende ist willkommen. Bild: photostampe
Wie viel Geld am Ende durch die Einnahmen aus Eintrittsgeldern und der Verpflegung der geschätzt 450 Zuschauer zusammenkommt, ist noch nicht klar, zumal auch das Spendenkonto offen bleibt. „Das Geld rinnt einem in so einer Lage durch die Finger“, sagt Robert Stadthagen, der sich zusammen mit Esther Elbers mit großem Einsatz um „Thommy“ kümmert. Beide sind Wegbegleiter, Freunde und Berufskollegen. Robert Stadthagen ist Sportredakteur beim Gäuboten; Esther Elbers ist Redakteurin der SZ/BZ. Doch sicher noch wichtiger ist der Kontakt, den Thomas Oberdorfer dringend braucht. Erst in der vergangenen Woche sagt die Logopädin, die mit Thomas Oberdorfer arbeitet: „Er braucht Input, Input, Input.“
Doch genau vor den so wichtigen Besuchen scheuen sich viele, wie man in etlichen Gesprächen auf dem Eichelberg immer wieder hört. So sagt Thomas Körber, der mit Thommy beim Hobbyteam der Kanne Knobler viele Spiele bestreitet: „Ich schiebe das vor mir her. Ehrlich gesagt habe ich da auch ein wenig Angst.“ Ein Gefühl, das Darmsheims Torhüterlegende Jürgen Schuhmann nachvollziehen, einem aber auch nehmen kann: „Thommy braucht die Besuche.“ Nachdem er selbst in der Pflegeklinik gewesen ist, fühlt er vor allem Erleichterung. Zugleich bleibt die Gewissheit, mit dem Besuch das wirklich Wichtige für Thomas Oberdorfer zu tun.
Zusammen mit Darmsheims Fußball-Boss Gerd Körber und dessen Stellvertreter Milton Kautz fuhr Jürgen Schuhmann in die Reutlinger Pflegeklinik. „Und ich nehme mir fest vor, das wieder zu tun. Das ist ungemein wertvoll.“ Wichtig sind vor allem die Wochenenden, denn da gibt es keine Anwendungen in der Pflegeklinik. Aber auch unter der Woche tut jeder Besuch gut. „Man kann mit ihm eindeutig kommunizieren“, sagt Jürgen Schuhmann. Und der Gesichtsausdruck von Thomas Oberdorfer, als sein Kickerkumpel von einst ihm Bilder vom 30-Jahre-Treffen der Meisterkicker von 1993 zeigt, spricht Bände. „Wir tranken zusammen einen Cappuccino in der Cafeteria. Das war richtig schön. Er freut sich über jeden, der ihn besucht.“
Michael Stürm, früher Redakteur beim Böblinger Boten, schaut ebenfalls immer mal wieder bei Thomas Oberdorfer vorbei und kann das alles nur bestätigen: „Besuche sind für ihn unheimlich wichtig. Und das Beste ist, dass man sich selbst hinterher einfach nur gut fühlt.“
Dabei ist Kontakt das, was Thomas Oberdorfer seit jeher ausmacht. „Ich mag ihn einfach“, sagt der frühere Spieler, Trainer und Co-Trainer Rudi Brenken. Die meisten Begegnungen gibt es nicht auf dem Sportplatz, sondern im Breuningerland. An diesen Thommy erinnert sich auch Nadja Annecke: „Da saß er immer auf der Bank mit seiner Ledertasche und war immer freundlich.“ Ihr Mann Oliver Annecke spielte früher mit Thomas Oberdorfer in der Darmsheimer Meistermannschaft: „Ein super Typ, einer, der Fußball kapiert und sowohl auf als auch neben dem Platz fair bleibt. Und legendär war seine Wohnungseinweihungsparty.“
Auch Andreas Russky, Leiter der VfL-Fußballschule „Fair Play“, kennt Thomas Oberdorfer seit mehr als 30 Jahren. Ihre Wege kreuzen sich in der Schule, auf dem Fußballplatz, bei der SZ/BZ und privat. „Für mich ist Thommy eine Art Mentor“, sagt der frühere Spieler der SV Böblingen, des TSV Schönaich und der Stuttgarter Kickers.
Willi Zimmermann, der unter anderem die SV Böblingen, den VfL Sindelfingen und den TV Darmsheim trainiert, beschreibt Thomas Oberdorfer als außergewöhnlichen Menschen. „Thommy war so anders als alle anderen“, sagt er. Er erlebt ihn als zuverlässigen Fußballer sowie als fairen und ehrlichen Journalisten. Das Benefizspiel zeigt für Zimmermann, „welche Spuren Thommy im Kreis hinterlassen hat“.
Zu den langjährigen Gesprächspartnern gehört auch Wolfgang Buck, früher Spieler bei der Spvgg Renningen und beim TV Darmsheim sowie Trainer in Darmsheim und beim SV Rohrau. „Mit Thommy habe ich längere Telefonate geführt als mit meiner Frau“, sagt er. Oberdorfer versteht die Sicht der Trainer und bleibt für Buck immer „einer von uns“. Auf den Sportplätzen fehlt er ihm.
Hanjo Kemmler, früher Trainer des FC Gärtringen, erinnert sich besonders an Thommys lockere Sprüche. „Er hat selbst Niederlagen noch etwas Positives abgewonnen“, sagt Kemmler. Weil Oberdorfer selbst Fußballer ist, weiß er, worauf es Spielern und Trainern ankommt. Für Kemmler steht deshalb fest: „Das heute ist ein Pflichttermin.“
Nicht nur als Mitspieler, sondern auch als Gesprächspartner des Journalisten Thomas Oberdorfer schätzt Sindelfingens sportlicher Leiter Thomas Dietsche den Mann des Tages: „Thommy ist faktentreu, sucht auch immer die zweite Quelle und nicht nur die Schlagzeile.“ Claus Munz, ebenfalls aus dem 93er-Team, findet die Aktion auf dem Eichelberg jedenfalls „einfach genial“.
Auch Fußball wird an diesem Nachmittag gespielt. Der VfL Sindelfingen gewinnt die Partie mit 7:2. Bis zur 74. Minute hält der TV Darmsheim durch Tore von Louis Siegle und Nils Beurenmeister ein 2:2. „Das gibt mir Zuversicht“, sagt TVD-Trainer Daniel Knoll, auch wenn ihn die hohe Niederlage wurmt. Seine Mannschaft befindet sich erst seit einer Woche in der Vorbereitung.
Für den VfL Sindelfingen treffen Max Horn, Tahir Bahadir und Oliab Calemba jeweils doppelt, Maurice Zivny erzielt ein Tor. Für VfL-Trainer Thomas Siegmund ist die Partie die Generalprobe vor dem Landesliga-Auftakt. „Das Ergebnis gibt uns offensiv ein gutes Gefühl“, sagt er. Noch wichtiger ist ihm aber die große Resonanz: „Thommy ist nicht in Vergessenheit geraten.“
Auch Schiedsrichter Maximilian Jäger von der SV Böblingen und seine Assistenten Elias Biehl und Dominik Winnige leisten ihren Beitrag. „Für uns ist es selbstverständlich, dass wir unsere Gage spenden“, sagt Maximilian Jäger.
Der TV Darmsheim hat bei der Volksbank ein Spendenkonto eingerichtet. IBAN: DE86.6039.0000.0018.1180.54
Wer Thomas Oberdorfer besuchen möchte, schreibt zur Koordination einfach vorher eine Mail an esther.elbers@szbz.de.
Thomas Oberdorfer trug die Trikots des TV Darmsheim, des VfL Sindelfingen, des GSV Maichingen und der SV Böblingen. 1997/98 volontierte er bei der SZ/BZ, wurde anschließend professioneller freier Mitarbeiter der SZ/BZ und des Gäuboten und arbeitete ab dem 1. Februar 2024 als Redakteur der SZ/BZ.


