

Sindelfingen. Jochen Hellener hat zwei Jahre lang versucht, sich einen kleinen Traum zu erfüllen: eine eigene Bäckerei im Nebenerwerb, einmal pro Woche geöffnet, ohne großes Personal, aber mit Sauerteigbroten und schwäbischen Brezeln, die er selbst mit den Händen gemacht hat. Jetzt zieht der 42-Jährige einen Schlussstrich. „Ich habe es wenigstens versucht und bereue es nicht, auch wenn es sehr teuer war“, sagt Jochen Hellener. Zwischen 8000 und 10 000 Euro habe ihn das Vorhaben gekostet.
Dabei geht es ihm nicht darum, seinem eigentlichen Beruf zu entkommen. Jochen Hellener arbeitet bei Mercedes-Benz in der Entwicklung und macht das gern. „Mir macht mein Job große Freude. Es ist aber etwas ganz anderes, wenn man mit den eigenen Händen Brot herstellt und die Menschen es gerne essen“, sagt er.
Die Idee entstand schon einige Jahre zuvor. Hellener wohnte damals in Botnang und erfuhr 2019, dass die Bäckerei Klinsmann 2020 schließen würde. „Vor allem die Brezeln dort waren super“, sagt er. Gleichzeitig habe er gemerkt, wie viele klassische Handwerksbäckereien verschwinden. Für das Bäckerhandwerk interessierte er sich ohnehin schon lange. Auch über seine Großmutter mütterlicherseits in Rutesheim gab es einen familiären Bezug.
2020 zog Hellener mit seiner Familie nach Sindelfingen in die Hermann-Löns-Straße 23. Für sein Bäckereiprojekt, das 2024 richtig Fahrt aufnahm, reduzierte er seine Arbeitszeit bei Mercedes-Benz auf eine Vier-Tage-Woche. Einen Tag wollte er sich für das eigene Vorhaben freihalten. Der Weg ins Handwerk war für den Quereinsteiger ohnehin kein einfacher. Weil er keinen Meistertitel besitzt, musste er eine Ausnahmebewilligung beantragen. Dazu gehörte eine Sachkundeprüfung bei der Handwerkskammer Mannheim. Im Juli 2024 bestand er die Prüfung. Vor einem Prüfer musste er backen, dazu kam ein theoretischer Teil.
„Der Quereinstieg ins Bäckereihandwerk ist per se schon nicht leicht“, sagt Hellener. Rückblickend sei das allerdings noch der angenehme Teil gewesen. „Diese Hürde zu nehmen hat, verglichen mit dem, was danach kam, sehr viel Spaß gemacht.“
Nach bestandener Prüfung, Handwerkskarte und Gewerbeanmeldung begann die Suche nach geeigneten Räumen. Zunächst wollte Hellener seine Garage zu Hause umbauen und dort backen und verkaufen. Doch diese Lösung war baurechtlich nicht möglich. Das Haus befindet sich in einem reinen Wohngebiet, außerdem steht die Garage auf der Grundstücksgrenze. Der 42-Jährige plante um. Statt aufzugeben, machte er weiter. Mit Unterstützung eines Architekturbüros sollten nun zwei Kellerräume zu einer kleinen Backstube werden. Neue Unterlagen wurden angefertigt und eingereicht, auch die Zustimmung der angrenzenden Nachbarn holte er ein.
Dann kamen weitere Anforderungen hinzu. Unter anderem ging es um Sanitär- und Sozialräume. Obwohl Hellener allein arbeiten wollte, galt er formal selbst als Mitarbeiter seines Unternehmens. Deshalb wurden unter anderem eine Personaltoilette und eine Umkleidemöglichkeit verlangt. Genau an solchen Punkten begann bei Hellener der Frust. „Ich möchte keinen zweiten Sehne bauen, sondern eine kleine, einmal pro Woche geöffnete Kleinbäckerei“, sagt er. Er habe durchaus Verständnis dafür, dass ein Lebensmittelbetrieb bestimmte Vorgaben erfüllen müsse. „Ein paar Kritikpunkte sind valide und lösbar“, sagt er. Dazu gehöre etwa die Frage, wie verhindert werden könne, dass sich Kunden am Ofen verbrennen.
Was ihn vor allem störte, war etwas anderes: Viele Anforderungen seien aus seiner Sicht erst nach und nach aufgetaucht. „Es wäre hilfreich gewesen, mir ab der ersten Anfrage zu sagen, was auf mich zukommt, und mich nicht einfach mal machen zu lassen. Das hätte allen einige Schleifen erspart.“
Zu den Bauunterlagen kam schließlich ein Entwässerungsantrag. Auch eine Kanalinspektion ließ er auf eigene Kosten durchführen. Am Ende wurde von der Stadtentwässerung der Einbau einer Hebeanlage verlangt. Kostenpunkt: rund 30 000 Euro. Für Jochen Hellener war das der Punkt, an dem aus Hartnäckigkeit Erschöpfung wurde. „Das Haus ist Baujahr 1954. Hier gab es noch nie Hochwasser“, sagt er. Auch Nachbarn könnten bestätigen, dass der Keller nie vollgelaufen sei. Die Entwässerung des Waschkellers funktioniere seit Jahrzehnten ohne Probleme.
In einem Schreiben an Sindelfingens Oberbürgermeister Markus Kleemann machte Hellener seinem Ärger Luft. Seine Erfahrungen mit den beteiligten Ämtern fasste er mit einem bekannten Bild aus Asterix und Obelix zusammen: „Passierschein A38“. An anderer Stelle schrieb er: „Es geht nichts mehr voran.“ Sein Vorwurf ist deutlich: „Die Stadtverwaltung verhindert und die Stadt verpasst Chancen.“
Wer aus eigener Kraft versuche, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen, treffe aus seiner Sicht auf zu wenig Unterstützung und zu viele Hürden. Dabei war Helleners Plan bewusst klein gehalten. Mittwochs Sauerteige ansetzen, donnerstags backen und am Nachmittag verkaufen. Auf der Liste standen Roggenmischbrot, Baguette, Dinkel-Kartoffelbrot, Schweizer Bürli, Hefezopf und Brezeln. Ein Ein-Mann-Betrieb, einmal pro Woche geöffnet. Kein großes Filialkonzept, sondern ein kleines Stück Handwerk.
Baubürgermeisterin Dr. Corinna Clemens reagierte auf Jochen Helleners Kritik in einem Schreiben. Darin bedauerte sie, dass er sein Vorhaben aufgeben wolle, und betonte, dass die Stadt Sindelfingen grundsätzlich großes Interesse daran habe, Betriebsgründungen zu unterstützen und Lösungswege aufzuzeigen.
Gleichzeitig räumte Corinna Clemens ein, dass das Verfahren für Hellener besser hätte laufen können. Bereits bei der ersten Nachforderung von Unterlagen wäre ein Hinweis auf weitere Anforderungen sinnvoll gewesen, insbesondere auf die baurechtlichen Probleme bei der geplanten Nutzung der Garage. Dies sei in seinem Fall offenbar nicht geschehen.
Bei der geforderten Hebeanlage widersprach die Baubürgermeisterin allerdings dem Eindruck, die Stadt habe diese Auflage willkürlich erhoben. Weil die geplanten Betriebsräume unterhalb der Rückstauebene lägen, müsse die Entwässerung nach den geltenden technischen Regelwerken über eine automatisch arbeitende Hebeanlage erfolgen. Eine einfache Rückstauklappe reiche bei gewerblich genutzten Räumen nicht aus. Sie verwies auf mögliche Probleme mit dem Versicherungsschutz, wenn der Rückstauschutz nicht den Vorgaben entspreche. Gerade bei einer Betriebsgründung solle ein solches Risiko vermieden werden.
Der Familienvater kann die rechtliche Begründung nachvollziehen, zieht für sich aber eine andere Konsequenz. Für eine Bäckerei, die nur einmal pro Woche öffnen sollte, steht der Aufwand für ihn inzwischen nicht mehr im Verhältnis zum Vorhaben. „Die Lust auf eine eigene Bäckerei ist dem Frust gewichen“, sagt der 42-Jährige.
Ganz verschwunden ist die Idee trotzdem nicht. Dazu hängt Jochen Hellener zu sehr am Backen und an der Vorstellung, Menschen mit seinem eigenen Brot zu erreichen. Sollte sich eine bestehende Backstube finden, die er einen Tag pro Woche mitnutzen könnte, würde er noch einmal darüber nachdenken. „Wenn ich freie Bäckereiräume einen Tag mitnutzen könnte, würde ich es mir noch einmal überlegen“, sagt Jochen Hellener.
Info: Wenn jemand komplett ungenutzte oder tageweise nicht genutzte Bäckereiräume hat, kann sich gerne per E-Mail melden: daniel.krauter@szbz.de Der Kontakt zu Jochen Hellener wird dann hergestellt.




