

Kreis Böblingen. Die Zahl junger Menschen mit psychischen Erkrankungen bleibt hoch und steigt weiter. In Baden-Württemberg wurden 2024 insgesamt 165 046 AOK-versicherte Kinder und Jugendliche bis 19 Jahre ärztlich behandelt, wie die Krankenkasse mitteilt. Das entspricht rund 18 Prozent aller in dieser Altersgruppe versicherten Kinder und Jugendlichen. Die Auswertungen der AOK zeigen, dass seit 2020 die Zahl der Betroffenen jährlich zunimmt. „Diese Entwicklung ist beunruhigend: Bis zu 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland machen sich solche Sorgen oder haben so große Ängste, dass ihre psychische Gesundheit darunter leidet“, sagt Lena Rösch, Präventionsexpertin bei der AOK Stuttgart-Böblingen. Da nur die Kinder und Jugendlichen erfasst sind, die in Behandlung sind, dürfte die tatsächliche Zahl höher liegen.
Auch im Landkreis Böblingen spiegeln die Zahlen der AOK den Trend: Demnach wurden 2020 im Landkreis noch 4 226 Heranwachsende behandelt, im Jahr 2024 waren es 5 020 Kinder und Jugendliche. Außerdem zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern: Im Jahr 2024 wurden 2 905 Jungen und 2 115 Mädchen wegen psychischer Erkrankungen behandelt. 2020 waren es 2 448 Jungen und 1778 Mädchen. Auffällig ist, dass bis zur Pubertät häufiger Jungen betroffen sind.
Zum Krankheitsbild zählen Depressionen, Angststörungen, ADHS, Sozialverhaltensstörungen, Essstörungen und Schizophrenie. Viele Erkrankungen beginnen früh: Fast die Hälfte der Betroffenen erkrankt in der Pubertät, die meisten noch vor dem 25. Lebensjahr. Rund ein Drittel zeigt auch im Erwachsenenalter weiterhin Auffälligkeiten.
„Dass Kinder Ängste haben, ist ein ganz natürlicher Prozess in ihrer Entwicklung“, sagt Lena Rösch und ergänzt: „Wenn jedoch Ängste und Sorgen überhandnehmen, belastet es ihr seelisches und körperliches Wohlbefinden und schränkt ihren Alltag, aber auch ihre Entwicklung ein. Viele Eltern sind in dieser Situation überfordert und wissen auch nicht, wie sie den Kindern helfen können.“
Als mögliche Ursachen gelten unter anderem globale Krisen, wirtschaftliche Unsicherheiten, die Folgen der Pandemie und Zukunftsängste. Gleichzeitig spielt die Resilienz der Kinder eine zentrale Rolle. „Resilienz bezeichnet die Fähigkeit, Krisen mithilfe persönlicher und sozialer Ressourcen zu bewältigen und sogar als Anlass für Entwicklung zu nutzen“, erklärt Lena Rösch. Der Online-Familiencoach „Kinderängste“ könne helfen, so die Präventionsfachfrau: „Hier erfahren Eltern, wie sie ihre Kinder bei belastenden Erlebnissen unterstützen und wie sie auch die psychische Gesundheit der jungen Heranwachsenden nachhaltig stärken können.“ Der Familiencoach zeigt auf, wie Ängste überwunden und typische Angstsituationen gemeistert werden können: im sozialen Miteinander, beim Erbringen von Leistungen, in Trennungssituationen oder bei seelischen Belastungen. Der Familiencoach richtet sich an Angehörige, beziehungsweise Eltern, von Kindern im Alter von drei bis zwölf Jahren. Das Angebot ist frei zugänglich, kostenlos und anonym.
Das Online-Hilfe-Angebot ist zu finden unter https://kinderaengste.aok.de/



