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Jüdische Lebensgeschichten aus Böblingen: Online-Dossiers beleuchten Schicksale

Stadtarchiv schließt Forschungsprojekt zu jüdischen Biografien zwischen 1880 und 1945 ab.
Konrad „Conny“ Sprai mit seiner Cousine Liselotte „Lilo“ Scheu auf einer Fotografie aus dem März 1937.

Konrad „Conny“ Sprai mit seiner Cousine Liselotte „Lilo“ Scheu auf einer Fotografie aus dem März 1937.

Bild: Privatbesitz

Böblingen. Wie lebten jüdische Menschen in Böblingen zwischen Kaiserreich, Weimarer Republik und NS-Zeit? Welche Spuren haben sie in der Stadt hinterlassen und welche Folgen hatten Ausgrenzung, Verfolgung und Vertreibung? Ein nun abgeschlossenes Forschungsprojekt des Stadtarchivs Böblingen mit dem Titel „Jüdische Biografien in Böblingen (1880 – 1945)“ liefert eindrückliche Antworten.

Auf der Homepage stadtgeschichte.boeblingen.de sind nun umfassende biografische Dossiers, versehen mit Quellenzitaten und Bildmaterial, veröffentlicht worden, die persönliche Lebenswege rekonstruieren und damit Stadtgeschichte greifbar machen.

Individuelle Lebenswege

Im Mittelpunkt des Dokumentationsprojekts stehen Menschen und Familien mit Bezügen zur jüdischen Religion, Kultur oder Gemeinschaft sowie Personen, die während der Zeit des Nationalsozialismus aufgrund ihrer vermeintlich jüdischen Herkunft verfolgt wurden. Die Dossiers beleuchten individuelle Lebenswege und eröffnen neue Perspektiven auf die Geschichte Böblingens zwischen Kaiserreich, Weimarer Republik und NS-Diktatur.

Ein Beispiel ist die Geschichte von Konrad W. Sprai, der als Jugendlicher in den 1930er-Jahren zeitweise bei Verwandten in der Böblinger Friedrich-List-Straße lebte. Lange sei über diesen Abschnitt seines Lebens nur wenig bekannt gewesen, heißt es in der städtischen Pressemitteilung. Durch die Auswertung von Archivquellen und die Erinnerungen seiner Witwe konnte seine Biografie rekonstruiert werden: Sein Weg führte ihn von Böblingen zurück nach Berlin, wo er unter den Bedingungen der nationalsozialistischen Verfolgung überlebte, zeitweise untertauchte und schließlich in das Konzentrationslager Stutthof deportiert wurde.

Nach dem Krieg lebte er unter anderem in Amsterdam und New York, später wieder in Berlin. Ein Lebensweg, der zeige, wie eng lokale Geschichte mit europäischen und globalen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts verwoben sei, heißt es weiter.

Umfangreiche Quellen ausgewertet

Hinter dem Projekt steht eine mehrmonatige Forschungsarbeit der Historikerin Marie Lindner in Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv Böblingen. Zwischen Mai 2025 und März 2026 wurden dafür umfangreiche Quellen ausgewertet – unter anderem aus dem Böblinger Stadtarchiv, dem Staatsarchiv Ludwigsburg sowie internationalen Einrichtungen wie den Arolsen Archives und Yad Vashem. Ergänzt wurden die Recherchen durch Gespräche mit Angehörigen und Zeitzeugen, die Hinweise zur Rekonstruktion einzelner Lebenswege lieferten.

Die nun veröffentlichten Dossiers zeigen nicht nur die Vielfalt jüdischen Lebens in der Stadt, sondern auch die Folgen von Ausgrenzung, Verfolgung und Vertreibung während der NS-Zeit. Damit versteht sich das Projekt zugleich als Beitrag zur Erinnerungskultur und als Einladung, sich mit der lokalen Geschichte intensiver auseinanderzusetzen. Weitere Dossiers sollen in den kommenden Wochen online gestellt werden.