Menü
Böblingen: Rund 300 Besucher beim Internationalen Fest der Begegnungen auf der Diezenhalde

Mit Unternehmen ins Gespräch kommen

Unternehmen mit Ausbildungsplätzen ins Gespräch mit Geflüchteten zu bringen ist die Idee des Internationalen Festes der Begegnungen Böblingen, das die Wirtschaftsjunioren und der Freundeskreis Flüchtlingshilfe am Samstag zum zweiten Mal im Ökumenischen Gemeindezentrum Diezenhalde veranstaltet haben.
Von unserem Mitarbeiter Matthias Staber
Gemeinsam mit dem Freundeskreis Flüchtlingshilfe haben die Wirtschaftsjunioren Böblingen zum zweiten Mal im Ökumenischen Gemeindezentrum Diezenhalde das Internationale Fest der Begegnungen auf die Beine gestellt. Bild: Staber

Gemeinsam mit dem Freundeskreis Flüchtlingshilfe haben die Wirtschaftsjunioren Böblingen zum zweiten Mal im Ökumenischen Gemeindezentrum Diezenhalde das Internationale Fest der Begegnungen auf die Beine gestellt. Bild: Staber

Seit zwei Jahren lässt sich Adis Bumic aus Bosnien im Sindelfinger Haus Augustinus zum Altenpfleger ausbilden. Das Besondere: Bumic trat seine Ausbildung ohne Deutschkenntnisse an. „Deswegen dauert meine Lehre vier statt drei Jahre“, erklärt Bumic: „Das erste Lehrjahr wird auf zwei Jahre verteilt und durch einen Deutschkurs ergänzt.“ Nach diesen zwei Jahren steht die Deutsch-Prüfung an.

Zusammen mit Maria Hauptmann-Dix, die als Praxisleiterin im Haus Augustinus für die Auszubildenden zuständig ist, wirbt Adis Bumic beim Internationalen Fest der Begegnungen für den Ausbildungsberuf Altenpfleger. Denn in Migranten sieht Hauptmann-Dix eine Chance, dem Fachkräftemangel in ihrem Beruf entgegenzuwirken: „Ab Oktober fangen bei uns 11 Auszubildende an. Darunter ist genau eine Deutsche.“

Die restlichen angehenden Altenpflegerinnen im Haus Augustinus kommen aus Eritrea, Nigeria, Kroatien, Polen und der Türkei. Zwei der Azubis nutzen die Möglichkeit, ohne Deutschkenntnisse auf B2-Niveau, wie es normalerweise Voraussetzung ist, in die Ausbildung zu starten und stattdessen wie Adis Bumic vier Jahre lang zu lernen. „Ich hatte allerdings den Vorteil, dass ich gut Englisch kann“, so Bumic.

Ganz ohne Möglichkeit zur Verständigung sei es zunächst fordernd, die Auszubildenden anzuleiten, sagt Maria Hauptmann-Dix: „Das funktioniert dann mit Händen und Füßen. Der tägliche Kontakt mit Menschen beschleunigt aber das Lernen von Deutsch. Deswegen ist ein Freiwilliges Soziales Jahr eine andere gute Möglichkeit zum Spracherwerb.“

Der Fachkräftemangel schlage bei der Altenpflege voll durch, sagt Maria Hauptmann-Dix: „Im Haus Augustinus sind vier Vollzeitstellen nicht besetzt.“ Ob sich mit Migranten, insbesondere mit Geflüchteten, der Mangel beheben lasse, stehe noch nicht fest, sagt Maria Hauptmann-Dix: „Dazu fehlen uns noch die Erfahrungswerte.“

Bislang positive Erfahrungen

Insgesamt habe die Altenpflege das Problem, dass nicht jeder Azubi später auch in dem Beruf arbeitet, ob mit oder ohne Migrationshintergrund. „Meine Erfahrungen bei der Ausbildung von Migranten sind bis jetzt aber durchweg positiv“, so Hauptmann-Dix: „Deswegen gefällt mir dieses Internationale Fest der Begegnungen auch so gut. Es könnte gerne größer sein und noch mehr Unternehmen präsentieren.“

Zum zweiten Mal veranstalten die Wirtschaftsjunioren Böblingen unter der Federführung von Projektleiterin Kathrin Weinert in Kooperation mit dem Freundeskreis Flüchtlingshilfe das Fest. „Wir wollen die Hemmschwelle abbauen, mit Unternehmern ins Gespräch zu kommen“, sagt Weinert: „Unternehmer sind auch nur Menschen, mit denen man reden kann, lautet unsere Botschaft.“

Den Kontakt zu den Geflüchteten stellt der Freundeskreis Flüchtlingshilfe unter der Federführung von Martin Rebmann her: „Diesmal haben wir Gäste aus Syrien, dem Iran, dem Irak, Eritrea und Afghanistan.“ Das Fest sei jedoch keine Ausbildungsplatzbörse, betont Rebmann: „Es soll ein richtiges Fest sein, zu dem jeder eingeladen ist, und bei dem Einheimische mit Migranten ins Gespräch kommen sollen.“

Noch keine Geflüchteten unter ihren derzeit 20 Azubis hat die Sindelfinger Firma RAS Reinhardt Maschinenbau. „Aber auch wir haben Probleme, qualifizierte Auszubildende für den Ausbildungsberuf Industriemechaniker zu finden“, begründet Betriebsleiter Dr. Herwig Muthsam die Teilnahme des Unternehmens am Fest der Kulturen: „Die Konkurrenz durch große Unternehmen ist stark.“ Das Fest sei eine gute Gelegenheit, mit Asylbewerbern ins Gespräch zu kommen, so Muthsam.

Geflüchtete auszubilden könne durchaus interessant für Unternehmen sein, sagt Personalleiter Matthias Huber: „Kleinere Unternehmen bräuchten allerdings Unterstützung durch Ausbildungspartner, etwa die Industrie- und Handelskammer. Denn anders als große Konzerne haben wir nicht die Manpower, um grundsätzliche Qualifikationen zu vermitteln.“ Diese Herausforderung gebe es allerdings auch bei deutschen Azubis, so Huber: „Teilweise fehlt es inzwischen an Grundqualifikationen wie Disziplin oder Pünktlichkeit.“

Begeistert vom Fest der Kulturen zeigt sich der Erste Bürgermeister Tobias Heizmann: „Die Vermittlung von Ausbildungsplätzen ist ein super Beitrag zur Integration.“ Auch der CDU-Bundestagsabgeordnete Marc Biadacz ist von der Veranstaltung angetan: „Es wird Zeit, beim Thema Geflüchtete die Chancen und das Positive in den Mittelpunkt zu rücken, nicht immer nur das Negative.“

SZ/BZ-Mitarbeiter Matthias Staber berichtet seit vielen Jahren unter anderem aus seiner Heimatstadt Böblingen.