

Sindelfingen. Das Stadtmuseum Sindelfingen befasst sich von September 2019 bis Mai 2025 unter dem Titel „Vor 80 Jahren – Sindelfingen im Krieg“ mit der Zeit des Zweiten Weltkriegs und wie sich damals die Situation für die Menschen vor Ort darstellte. Thema im Monat Dezember 2022: Weihnachtliches Wettrüsten im Jahr 1942.
Die zugehörige Vitrine im Sindelfinger Stadtmuseum ist seit dem 21. Dezember 2022 dem Publikum zugänglich. Die Texte sind auch auf der städtischen Homepage nachzulesen.
Im Stadtmuseum im Alten Rathaus wird monatlich ein Objekt oder Thema in den Mittelpunkt gestellt, das vor 80 Jahren relevant war und auf das analog im Stadtmuseum Bezug genommen wird. So entsteht eine Reihe mit 69 Beiträgen, die monatliche Blitzlichter auf die Zeit von September 1939 bis Mai 1945 wirft und das damalige Geschehen auf lokaler Ebene lebendig werden lässt. Die Objektauswahl erfolgt anhand der Sammlungsbestände von Archiv und Museum. Darüber hinaus werden auch Erinnerungsorte einbezogen und, begleitend zum Projekt, Gespräche mit Zeitzeugen geführt und aufgezeichnet.
In der Vorweihnachtszeit 1942 wurde landesweit von Mädchen und Jungen der NS-Kinder- und Jugendorganisationen zum „Wohle des Vaterlands“ mit großem Aufwand Kinderspielzeug gebastelt. Die NS-Kreiszeitung berichtet darüber am 19. Dezember: „Zum vierten Weihnachtsfeste im Kriege hat die Hitler-Jugend eine Erzeugungsschlacht geschlagen, deren Echo noch in den nächsten Wochen nachklingen wird. Angespornt durch einen Aufruf des Reichsjugendführers, entfaltete sie ein Wettrüsten, dessen Ausmaße die deutsche Jugend zu Beginn ihrer segensreichen Arbeit wohl selbst nicht geahnt haben mag.“
Ganz im Sinne der NS-Propaganda wurden die Kinder und Jugendlichen „ermuntert“, in ihrer Freizeit Spielzeug für alle Kinder herzustellen, da auch die Spielwarenfabriken auf Rüstungsproduktion umgestellt hatten. Die Zeitung berichtet, dass so insgesamt sieben Millionen Spielzeuge entstanden. Wieder einmal zeigt sich, dass die NS-Organisationen vor allem die Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen fest im Griff hatten. Sie waren „dienstverpflichtet“ und arbeiteten nachmittags, abends und an Sonntagen ab 9 Uhr.
Am 6. Dezember fand in der Sindelfinger Festhalle eine große Ausstellung statt. Die Hitler-Jugend (HJ) präsentierte dabei 2800 Spielsachen, die den Kindern von Gefallenen und Soldaten als Geschenk übergeben wurden. Das übrige Spielzeug wurde zwei Wochen später auf einem Weihnachtsmarkt der HJ verkauft. Am selben Wochenende, dem 19. und 20. Dezember, wurde von der HJ auch fürs Winterhilfswerk (WHW) gesammelt. Gegen eine Spende, der sich quasi niemand entziehen konnte, gab es Anhänger mit kleinem Holzspielzeug. Die NS-Kreiszeitung berichtet, dass insgesamt 55 Millionen Stück von Heimarbeiterinnen angefertigt wurden. Die Spenden sollten dem Hilfswerk „Mutter und Kind“ zugutekommen. Das WHW spielte eine entscheidende Rolle bei der Finanzierung der NS-Sozialpolitik.
Neben der jüngeren Generation waren vor allem auch Frauen und Mütter in besonderem Maße in der Vorweihnachtszeit eingespannt. Bei der NS-Frauenschaft wurde genäht und geflickt. Es gab Spendenaufrufe für Lebensmittel, aus denen die Frauen dann Plätzchen für Verwundete in den Lazaretten backen „durften“. Hier wurden Lebensmittel eingesetzt, die auf privaten Zuteilungskarten erworben wurden.
Zum Weihnachtsfest in Kriegszeiten wurden auch die Soldaten an der Front mit Geschenken bedacht. Beliebt waren Spiele aus einfachen Materialien, die leicht transportiert werden konnten. Ein Beispiel dafür ist das kombinierte Schach-, Dame- und Mühlespiel, das mit einem „Gruß aus der Heimat“ versehen ist und in einem Feldpostpäckchen versandt wurde.
(*Illja Widmann ist die Leiterin des Sindelfinger Stadtmuseums.)
Info: Das Museum in der Langen Straße 13, Altes Rathaus, ist bis zum 1. Januar geschlossen. Danach ist es geöffnet von Dienstag bis Samstag jeweils 15 bis 18 Uhr, an Sonn- und Feiertagen 13 bis 18 Uhr.



