

RADSPORT. Bei der Cyclo-Cross-Weltmeisterschaft am Wochenende im holländischen Hulst wird Wolfgang Ruser die deutsche Nationalmannschaft zum letzten Mal betreuen. Der Vertrag des Magstadters als Bundestrainer ist bereits Ende letzten Jahres ausgelaufen. Weil der Verband aber (noch) keinen Nachfolger hat, bat er den 66-Jährigen, auf Honorarbasis nochmals mitzufahren.
„Da bin ich eher Reiseleiter als Trainer“, weiß Wolfgang Ruser seine Rolle einzuschätzen. Wenn es Probleme gibt, muss jemand da sein, der die Regeln kennt und verhandeln kann, wenn es keine gibt, machen die Crosser ihr Ding weitgehend alleine. Abgesehen vom Weltcup am vergangenen Wochenende in Hoogerheide und bei der Deutschen Meisterschaft anfangs Januar, hat er die Geländefahrer kaum einmal gesehen.
Das lag nicht an ihm. Das ist schon seit Jahren so, denn Bundestrainer für alle Klassen der Querfeldeinfahrer war er nur im Nebenjob. Seine Hauptaufgabe war, den männlichen Nachwuchs der Straßenfahrer weiterzuentwickeln. Eigentlich wäre dafür auch die Ausbildung im Gelände wichtig, aber weil Querfeldein keine olympische Disziplin ist und es deshalb vom Innenministerium kein Fördergeld gibt, hält man bei German Cycling (früher: Bund Deutscher Radfahrer/BDR) davon nicht viel.
Als Jugendlicher ist Wolfgang Ruser nicht nur Radrennen gefahren, sondern hat auch Handball gespielt, bis er sich ganz für den Radsport entschied. Als Amateur brachte er von Deutschen Meisterschaften zwei Bronzemedaillen heim. Bei den Deutschen Bergmeisterschaften wurde er hinter den späteren Profis Reimund Dietzen und Peter Hilse Dritter und bei den Crossern 1984 hinter Weltmeister Mike Kluge und dem Bocholter Rainer Paus. Bei rund 400 Rennen fuhr er 80 Siege heraus.
Auf die Karte Radprofi setzte der Magstadter dennoch nie. Er machte eine Ausbildung zum Industriekaufmann, setzte ein Betriebswirtschaftsstudium drauf, war bei mittelständischen Unternehmen mal Marketing- und mal Vertriebsleiter, wurde Handelsvertreter für Radsportteile und gründete sein heute noch existierendes Radsportgeschäft.
Parallel dazu ging er die Trainerausbildung früh an, machte den C-, B- und den A-Schein und wurde 1994, knapp 35-jährig, hauptamtlicher Landestrainer der drei baden-württembergischen Radsportverbände Baden, Südbaden und Württemberg. Da die damals junge Radsportdisziplin Mountainbike 1996 olympisch wurde, brauchte man auch einen Bundestrainer. Weil kaum jemand die spezielle Ausbildung dafür hatte, fiel die Wahl auf einen Querfeldeinspezialisten: Wolfgang Ruser wurde – im Nebenjob – zum ersten hauptamtlichen Bundestrainer.
Die Verantwortung für die Sommerdisziplin Mountainbike tauschte er bald für die in der Winterdisziplin Cross, denn in der wärmeren Jahreszeit forderten ihn der Nachwuchs auf Bahn und Straße. Mit wechselnden Kompetenzen: Mal war er nur für die württembergischen Jungs zuständig, mal für die Mädels in ganz Baden-Württemberg. Seine Erfolge können sich heute noch sehen lassen: Seine Schützlinge gewannen bei Deutschen Meisterschaften rund 200 Medaillen. 2008 orientierte er sich neu, wurde Sportlicher Leiter und Trainer des Frauenteams Vita Classics und betreute als Honorartrainer die hessischen Mountainbiker.
Beim BDR hatte man seine Erfolge als schwäbisch-badischer Landestrainer nicht vergessen und machte ihn im Juli 2009 zum Bundestrainer Ausdauer Junioren Straße. Dabei brachte er bis einschließlich 2025 in jedem Jahr bei Welt- oder Europameisterschaften wenigstens einen seiner Kaderathleten unter die besten Vier. Höhepunkt war das Jahr 2014, als der BDR mit Axel Bokeloh den Weltmeister im Straßenrennen und mit Lennard Kämna den im Einzelzeitfahren stellte. 2022 wurde Emil Herzog Weltmeister im Straßenrennen und Dritter im Einzelzeitfahren. Dessen Bruder Karl „besorgte“ nun im letzten Oktober das Abschiedsgeschenk für Wolfgang Ruser. Bei dessen letztem Einsatz als Juniorenbundestrainer der Straßennationalmannschaft gewann er die Europameisterschaft. „Schöner hätte ich gar nicht aufhören können“, freut sich der Magstadter.
Ein Großteil der heutigen deutschen Radprofis ist durch seine Hände gegangen: Pascal Ackermann, Nils Politt, Phil Bauhaus, Max Schachmann, Lennard Kämna, Niklas Arndt oder auch der Wildberger Kim Heiduk, der als Nachwuchsfahrer das Trikot des RSV Öschelbronn trug. Zu etlichen hat er heute noch regelmäßig Kontakt. Wolfgang Ruser hat als Bundestrainer immer die Familien mit eingebunden. Auch aus finanziellen Gründen: Mit einer Eigenbeteiligung reichte das Geld des Verbandes nämlich nicht nur für zwei Trainingslager, sondern für drei oder vier.
Momentan kümmert er sich vor allem um sich selbst. Der Rücken macht Probleme. „Bei 50 000 Kilometer pro Jahr im Auto kein Wunder“, sagt er. Mit der Konsequenz eines Leistungssportlers ist er das Thema angegangen: Er geht zum Krafttraining ins Studio und achtet mehr auf eine gesunde Ernährung. Den Erfolg sieht man ihm bereits an: Er hat abgenommen.
Sein Abschied als Bundestrainer wird für ihn kein Abschied vom Radsport sein. Seinen Radshop in Magstadt betreibt er weiter. Er will selber mehr Radfahren als in den letzten Jahren und er wird weiter bei dem einen oder anderen Radrennen zu sehen sein. Die eine oder andere Profimannschaft hat schon angefragt, ob er nicht bei internationalen Rennen als Betreuer für das Nachwuchsteam zur Verfügung stünde. Wolfgang Ruser: „Da werde ich ab und zu dabei sein.“




