Von unserem Redakteur 
Karlheinz Reichert · 17.01.2020

Bankenfusion: zweiter Anlauf mit Reutlingen

Kreis Böblingen/Kreis Calw/Reutlingen: Die Vereinigte Volksbank will die Volksbanken Sindelfingen und Böblingen als Niederlassungen wieder aufleben lassen

Ein kleines „en“ soll am Ende den Unterschied machen. Aus der Vereinigten Volksbank sollen, wenn die Fusion mit der Volksbank Reutlingen klappt, die Vereinigten Volksbanken werden. Nach dem ersten, ziemlich langen Anlauf, wurde der Zusammenschluss im März 2018 von den beiden Instituten abgeblasen. Von einer Liebe auf den zweiten Blick sprach gestern niemand, als die Vorstände die Pläne vorstellten, eher von einer Notwendigkeit.

Damals habe das Zielbild gefehlt, sagt Wolfgang Klotz, der Vorstandsvorsitzende der Vereinigten Volksbank, der diese Position auch nach dem Zusammenschluss, der rechtlich eine Übernahme der Reutlinger, ausfüllen wird. Sein vorgesehener Stellvertreter Siegfried Arnold, heute Vorstandsvorsitzender der Volksbank Reutlingen, sagte: „Es entsteht der Kristallisationskern einer Weiterentwicklung genossenschaftlichen Bankings südlich von Stuttgart.“


Südlich und westlich der Landeshauptstadt soll eine so große Volksbank entstehen, dass sich selbst die Vorstände um die regionale Identität Sorgen machen. Um diesen zu begegnen soll der Name Volksbank Reutlingen unter dem Dach der Vereinigten Volksbanken erhalten bleiben. Aber nicht nur das.


Auch bei der bisher Vereinigten heißt es in diesem Punkt: zurück zu den Wurzeln. Überall da, wo sie heute Hauptstellen unterhält soll es künftig Niederlassungen geben und damit die Volksbank Sindelfingen, die Volksbank Böblingen, die Volksbank Schönbuch, die Volksbank Weil der Stadt und die Volksbank Calw zumindest namentlich wieder auferstehen. Mit dieser Struktur, so Vorstand Jörg Niethammer, ermögliche man auch anderen Genossenschaftsbanken den Weg in diese Gemeinschaft. Namen wurden dazu keine genannt, und Wolfgang Klotz bekräftigte, dass er auch künftig nicht auf mögliche Übernahmekandidaten zugehen werde.


Künftig über 77 000 Mitglieder


Das Reutlinger Vorstandsmitglied Thomas Krätschmer sagte: „Die Verschmelzung ist nicht das Ziel, sondern der Anfang unserer Vision einer Genossenschaft neuer Prägung.“ Profitieren müssten davon die Menschen, die mit der Volksbank in Kontakt stehen.


Für Vorständin Anette Rehorsch-Hartmann wird diese Vorgabe erfüllt: „Die Mitarbeiter profitieren von der nachhaltigen Sicherung der Arbeitsplätze, der verbesserten Zukunftsfähigkeit des Unternehmens, den vielfältigen und neuen Entwicklungsmöglichkeiten.“ Außerdem, was für die Reutlinger neu ist: Sie werden mit sechs von 18 Sitzen im Aufsichtsrat vertreten sein.


Die Mitglieder hätten als Eigentümer den Vorteil, dass sich die Genossenschaft „zukunfts- und dividendenfähig aufstellt“. Bei künftig über 77 000 Mitgliedern werden diese für die nächste Amtsperiode pro 150 Mitgliedern einen Vertreter wählen (bisher pro 125 Mitgliedern). „Die Stärke der neuen Genossenschaft“, so Rehorsch-Hartmann, „liegt aber auch darin, dass sie in ihren Markt- und Bestandsstrukturen von hoher Vielfalt, Kapitalkraft und Risikotragfähigkeit geprägt sein wird und damit stabiler auf die Unwägbarkeiten in der wirtschaftlichen Entwicklung in den Regionen reagieren kann.“


Synergieeffekte noch offen


Vorteile sollen sich auch aus Synergieeffekten ergeben, weil viele Funktionen, wie etwa die des Geldwäschebeauftragten, nur einmal besetzt werden müssen. In Euro beziffern ließen sich diese jedoch noch nicht, sagte Wolfgang Klotz. Bisher stehe noch nicht einmal fest, wo welche zentralen Abteilungen untergebracht werden: „Fest steht, in Böblingen ist nicht für alle Platz. Wir wären aber schlechte schwäbische Kaufleute, wenn wir die freien Räume in Reutlingen nicht nutzen würden.“


Nach den Geschäftszahlen des Jahres 2019 ist die Vereinigte Volksbank etwa doppelt so große wie die Volksbank Reutlingen. Gemeinsam würde eine Bank mit einer Bilanzsumme von 4,3 Milliarden Euro, einem Kundenvolumen von 9,7 Milliarden Euro, 219 Millionen Euro Eigenkapital, 44 Filialen, 32 SB-Stellen, 183 000 Kunden und 611 Vollzeitstellen entstehen. Juristischer Sitz würde Sindelfingen bleiben, Verwaltungssitz Böblingen.



(Siehe auch Standpunkt auf Seite 11).