Menü
Der "EVO II"

Kult-Klassiker mit DTM-DNA

Der Mercedes-Benz 190 E 2.5-16 Evolution II ist noch bis 31. Mai in der Sonderausstellung „Youngtimer“ im Mercedes-Benz-Museum zu sehen.
Von Konrad Schneider
Mächtige Spoiler und Schürzen, große Räder in breiten Radhäusern und ein gewaltiger Heckflügel zeichnen den „EVO II“ aus.

Mächtige Spoiler und Schürzen, große Räder in breiten Radhäusern und ein gewaltiger Heckflügel zeichnen den „EVO II“ aus.

Bild: Mercedes-Benz AG - Mercedes-Benz Classic Communications

Stuttgart. „Close-up“ – der Name der Serie des Mercedes-Benz Museums ist Programm. Jede Folge erzählt Überraschendes, Spannendes, Hintergründiges zu Fahrzeugen aus der Ausstellung. Diesmal im Blick: der Mercedes-Benz 190 E 2.5-16 Evolution II in der Sonderausstellung „Youngtimer“, Raum Collection 5. Noch bis 31. Mai 2026 zeigt die Schau in einer poppig-bunten Inszenierung zehn ikonische Fahrzeuge der 1990er- und 2000er-Jahre.

Stuttgarter Sportabzeichen

Mächtige Spoiler und Schürzen, große Räder in breiten Radhäusern und ein gewaltiger Heckflügel. Der Mercedes-Benz 190 E 2.5-16 Evolution II, von Fans kurz „EVO II“ gerufen, macht schon im Stand sein Sportpotenzial deutlich. Diese Hochleistungslimousine mit Straßenzulassung katapultiert die Baureihe 201 endgültig in die Sphären des Rennsports. In den 1990er-Jahren ist er ein absolutes Kult-Automobil und heute ein extrem rarer und wertvoller jüngerer Traumwagen.

Erkennungsmerkmale

Das Spitzenmodell der Baureihe verrät sich auf den ersten Blick durch seine Karosseriemodifikationen. Rechts am Heckdeckel des Exponats findet sich zudem die ikonische Ziffernfolge 2.5-16 – der Hinweis auf den 2,5-Liter-Hochleistungsmotor mit Vierventiltechnik. Endgültig identifizieren die dezenten Plaketten mit dem Schriftzug „evolution“ an den Kotflügeln dieser Kompaktklasse den exakten Typ. Denn diese hat nur der begehrte EVO II.

Nummer 222

In einer exklusiven Serie entstehen 1990 genau 502 Exemplare des EVO II. Sie dienen der Homologation des DTM-Renntourenwagens, der ab Juli 1990 extrem erfolgreich in der beliebten Rennserie eingesetzt wird und mit dem Klaus Ludwig 1992 DTM-Meister wird. Die Sonderausstellung „Youngtimer“ zeigt das Fahrzeug Nummer 222. Das verrät die individuelle Plakette „222/500“ auf dem Schalthebel des Fünfganggetriebes. Warum die Abweichung um zwei Fahrzeuge? Damals baut man zur Sicherheit einfach zwei Fahrzeuge mehr, um in jedem Fall die Bedingungen für die Homologation dieser Entwicklungsstufe der DTM-Renntourenwagen zu erfüllen – vorgeschrieben sind mindestens 500 Exemplare. Lackiert werden sämtliche EVO II in der Farbe Blauschwarz Metallic (Farbcode DB 199).

Kompaktes Kraftstudio

Der EVO II ist ein supersportliches Statement von Mercedes-Benz. Sein Motor leistet 173 kW (235 PS) bei 7.200/min. Er ist bis zu 250 km/h schnell, die Tachoskala reicht sogar bis 260 km/h. Der Motor M 102 E 25/2 ist um 15 Grad geneigt eingebaut und nahe an der DTM-Technik konstruiert: Die Straßenversion des EVO II hat ein geringfügig geringeres Volumen (Bohrung × Hub: 97,3 × 82,8 Millimeter) als der DTM-Renntourenwagen (Bohrung × Hub: 97,8 × 82,8 Millimeter) – beide sind jedoch kurzhubiger ausgelegt als der Motor im 1988 vorgestellten 190 E 2.5-16 (Bohrung × Hub: 95,5 × 87,2 Millimeter). Im EVO II Rennwagen leistet der Motor zunächst 245 kW (333 PS) bei 8.500/min und dreht bis 9.500/min – im Meisterfahrzeug von 1992 sind es bis zu 274 kW (373 PS).

Optimierung im Windkanal

Im März 1990 ist der EVO II eine Sensation auf dem Genfer Auto-Salon. Die Größe des Heckflügels aus Leichtmetall ist außergewöhnlich für straßenzulassungsfähige Fahrzeuge und fällt selbst Laien auf. Die Aerodynamik am Flügel lässt sich mithilfe mehrerer Schrauben feinjustieren. Um die Anströmung zu verbessern, ist die Heckscheibe teilweise abgedeckt. Ein zeitgenössisches Vergleichsfoto von 190 E 2.5-16, EVO und EVO II macht deutlich, wie mit jeder Entwicklungsstufe die Karosserieanbauteile größer werden. Dieses Auto der Superlative weckt Begehren, das bis heute anhält.

Dezente Änderungen

Der Blick auf weitere Details am Fahrzeug in der Sonderausstellung macht die erheblichen Optimierungen gegenüber anderen „190ern“ deutlich. Manche davon sind eher dezent und fallen zunächst kaum auf. So wandert der Mercedes Stern wegen des großen Heckflügels mehrere Zentimeter nach unten. Das Schloss im Heckdeckel befindet sich daher beim EVO II im Markenzeichen – eine sehr ungewöhnliche Position.

Römische Räder

Der EVO II fährt auf mächtigen Rädern. Sie füllen die stark verbreiterten Radhäuser satt aus – vor allem dann, wenn die dreistufige hydraulische Niveauregelung des Fahrwerks auf maximale Tieferlegung eingestellt ist. Legendär sind die Sechsspeichen-Leichtmetallfelgen im Format 8,5 × 17 Zoll mit Niederquerschnittsreifen der Dimension 245/40 ZR 17. Von Bruno Sacco, 1975 bis 1999 Chefdesigner von Mercedes-Benz, ist folgendes Bonmot überliefert: „Die sehen aus wie bei einem römischen Streitwagen.“ So bekamen die Felgen den Beinamen „Kampfräder“. Kein ganz unpassender Vergleich, denn Wagenrennen mit modifizierten Streitwagen gehören im antiken Rom zu den beliebtesten Sportereignissen überhaupt. Die Rennbahnen sind gewissermaßen frühe Vorläufer moderner Rundstrecken.

Liebe zum Detail

Das Spitzenmodell der Baureihe 201 zeigt in vielen Details, wie viel Aufmerksamkeit die Ingenieure und Designer 1990 diesem Hochleistungsfahrzeug zukommen lassen. Das reicht vom perforierten Hitzeschutz der zweiflutigen Auspuffanlage bis zur Gestaltung des Innenraums. Dort finden sich einerseits Sportsitze mit maximalem Seitenhalt, andererseits gibt es die seltene Innenausstattung mit Stoff Karo, ein Schiebedach, ein Becker „Grand Prix“-Radio mit Kassettenlaufwerk und sogar eine Klimaanlage. Serienmäßig ist das Antiblockiersystem ABS.

Begehrtes Sammlerstück

Der EVO II in der Sonderausstellung „Youngtimer“ wird 1990 als Pressetestwagen eingesetzt und anschließend direkt in die Fahrzeugsammlung des Unternehmens überführt. Serienmäßig kostet die derart ausgestattete Topversion des „190ers“ damals rund 120.000 DM. Zum Vergleich: Der 190 E ist seinerzeit für 38.455 DM zu haben – weniger als ein Drittel des Spitzenmodells. Auch preislich ist der EVO II damals ein ausgesprochen exklusives Automobil. Heute wird das begehrte sportliche Sammlerstück immer wertvoller.