

Kreis Böblingen. Statistisch nehmen 50 Prozent der Menschen an der aktuellen Fastenzeit teil. 70 Prozent davon wollen vor allem den Konsum von Süßwaren einschränken oder ganz darauf verzichten. Oder anders: auf Zucker. Bei rund 345.000 Erwachsenen im Kreis Böblingen wären das also 120.000 Menschen. Das Thema Zucker wiegt eindeutig schwer. Zwangsläufig kochen immer wieder Debatten um eine Zuckersteuer hoch, wie sie in Mexiko oder Großbritannien längst eingeführt ist.
Von Daniel Krauter
Wer behauptet, eine Zuckersteuer sei „Bevormundung“, verkennt die Realität. Wir leben längst in einer Gesellschaft, in der stark gezuckerte Produkte allgegenwärtig, billig und aggressiv beworben werden – besonders gegenüber Kindern. Von echter „freien Entscheidung“ kann da kaum die Rede sein.
Die Zahlen zu Übergewicht und Typ-2-Diabetes steigen seit Jahren. Die Folgekosten trägt nicht der Softdrink-Konzern, sondern die Allgemeinheit. Milliarden fließen ins Gesundheitssystem, während Hersteller weiter Profite mit Produkten machen, deren gesundheitliche Risiken wissenschaftlich unstrittig sind. Genau hier setzt eine Zuckersteuer an: Wer mit überzuckerten Lebensmitteln Geld verdient, soll sich zumindest an den gesellschaftlichen Kosten beteiligen.
Ein Blick ins Ausland zeigt, dass es funktioniert. Im Vereinigten Königreich führte die Abgabe auf zuckerhaltige Getränke dazu, dass viele Hersteller ihre Rezepturen änderten – nicht aus Einsicht, sondern aus wirtschaftlichem Druck. Auch in Mexiko sank der Konsum deutlich. Das Argument, eine Steuer bringe „nichts“, ist damit schlicht widerlegt.
Natürlich wird eingewandt, einkommensschwache Haushalte würden besonders belastet. Doch gerade sie leiden überdurchschnittlich unter den gesundheitlichen Folgen billiger Zuckerprodukte. Wer soziale Gerechtigkeit ernst meint, muss die Einnahmen gezielt investieren: in kostenlose Schulmahlzeiten, Ernährungsbildung und günstigere gesunde Lebensmittel. Nichtstun wäre die unsozialere Option.
Es geht nicht um das Verbot eines Stücks Kuchen. Es geht um ein System, das Zucker in industriellem Ausmaß in Produkte pumpt, um Konsum zu maximieren – auf Kosten der Gesundheit. Eine Zuckersteuer setzt ein klares Signal: Gesundheit ist kein Nebenschauplatz wirtschaftlicher Interessen.
Wer weiterhin von „Freiheit“ spricht, sollte ehrlich sein: Die Freiheit der Industrie, Zucker billig zu vermarkten, endet dort, wo die Gesellschaft die Rechnung bezahlt. Eine Zuckersteuer ist kein radikaler Eingriff – sie ist ein überfälliger Schritt zu mehr Verantwortung.
Von Jürgen Wegner
Karies, Diabetes, Fettleibigkeit: Zucker schadet der Gesundheit, Haken dran, da ist nichts schönzureden. Aber wer Zucker besteuert und keine weiteren Schritte geht, handelt halbherzig.
Bekämpft werden nicht die Ursachen für einen ungesunden Lebensstil und dessen schwerwiegende Folgen. Zu diesen Ursachen gehört neben dem Bewegungsmangel vor allem die Bildung. Diese ist Voraussetzung für ein Wissen um die Folgen des eigenen Verhaltens und damit auch zwingend deren Konsequenzen. Nicht die Steuer und das Verbot, sondern die Aufklärung ist somit ein entscheidender Schlüssel für einen bewusst-gesünderen Umgang mit sich selbst.
Damit einher geht die Kennzeichnung auf den Verpackungen, bei der die Lebensmittelindustrie mit Einführung des sogenannten Nutri-Scores immerhin schon einen Schritt in die richtige Richtung getan hat. Auch wer mit neudeutsch-denglischen Begrifflichkeiten nichts anfangen möchte, sieht auf einen Blick: Rot ist böse, grün ist gut. Grünes A: günstige Zusammensetzung. Rotes E: ungünstige Zusammensetzung.
Ein ziemlich einfach zu verstehender Wegweiser, der auf jeden Fall helfen, aber trotzdem in die Irre führen kann. Eine Pizza mag noch so günstig zusammengesetzt sein und das Bio-Obst noch so nachhaltig produziert: In Massen statt Maßen wird man sich keinen Gefallen tun, zumal der Körper einen Großteil dieser Nahrung wiederum in Zucker umwandelt, was den Zucker- und Insulinspiegel in die Höhe treibt und den Fettstoffwechsel bremst.
Dazu noch ein Punkt: Allgemein gehen Bildung und Wissen wiederum signifikant einher mit dem Einkommen und damit der Kaufentscheidung im Supermarkt. Studien aus Großbritannien und Mexiko zeigen, dass Konsumenten mit geringem Einkommen von der dort eingeführten Zuckersteuer stärker betroffen sind, auch wenn sie teils stärker auf Preiserhöhungen reagieren, also nach Sonderangeboten Ausschau halten.
Die Argumente für den Verzicht auf Zucker liegen auf der Hand. Vielleicht könnte sich auch die Industrie darauf einstellen. Aber eine Steuer und damit eine Regelung, die noch dazu ein ordentliches Maß an Bürokratie mit sich bringt? Wir sind leider noch nicht soweit.
Jürgen Wegner. Bild: z
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