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Sommer am See

Heißer Jazz in der alten Tüv-Halle

Gastspiel der Jazztime beim Sommer am See mit dem Little Vintage Orchestra aus Mannheim.
Vintage-Orchestra in Böblingen beim Sommer am See

Das Little Vintage Orchestra aus Mannheim in der alten Tüv-Halle mit Jazztime-Urgestein Martin Simon am Kontrabass.

Bild: Heiden

Böblingen. Einen ganz kleinen Ausflug quasi vor die Tür machte die von Ralf Püpcke und Tilman Jäger organisierte Jazztime für ihr jüngstes Konzert. Für ein Gastspiel beim Sommer am See wechselte die Erfolgsreihe von ihrem Stammplatz Württembergsaal in die Alte Tüv-Halle, vom Ufer des Unteren also an den Oberen See.

Das Publikum folgt dieser Jazztime-Extratour. „Ich freue mich sehr, dass das so gut besucht ist“, darf so Veranstaltungsmanager Andreas Wolfer vom Böblinger Kulturamt zur Begrüßung feststellen. Er muss indes das Auditorium auf eine Veranstaltung einstellen, die heißer werden wird als eigentlich nötig. Aber, erklärt Wolfer, man könne die Ventilationsanlage nicht mit voller Power fahren, weil das für die anstehende Musik zu laut sei.

So ist und bleibt es gut warm unterm Hallendach, auch trotz Pause, bei der die Hallenseiten geöffnet werden. 10 Grad mehr herrschten unterm Dach als draußen am Seeufer, das jedenfalls stellt eine Besucherin bei Rückkehr aus der Pause in die Halle fest.

Nicht bloß warm, sondern regelmäßig hot dagegen ist, was von der Bühne kommt. Denn das Little Vintage Orchestra spielt auf. Das Septett aus Mannheim um Arrangeur und Trompeter Johannes Stange hat sich insbesondere dem Jazz verschrieben, der vor dem Aufkommen der Langspielplatte entstand und sich gerade erst auf den Weg von einer Gebrauchs- zu einer Kunstform machte. Grob vereinfacht beschrieben bewegt sich das Septett im Wurzelwerkbereich des Jazz. Mit seinem Kontrabassisten verkörpert das Little Vintage Orchestra nebenbei bemerkt die Wurzeln der Jazztime selbst. Martin Simon stammt aus Böblingen und war der bestimmende Bassist der ersten Jazztime-Jahre, ja, wahrscheinlich hat niemand öfter im Württembergsaal Kontrabass gespielt als er.

Aber auch wenn er einen Feature-Auftritt als fähiger Kontrabass-Solist an diesem Abend bekommt zu einer vergleichsweise jungen, 1940 von Duke Ellington geschriebenen Nummer (Don‘t get around much anymore), er spielt hier die Rolle des Hintergrundmannes und wird auch vom Mixer so behandelt, als dezentes Mitglied eines ausgewogenen Gesamtsounds, was dem Vintage-Anspruch gut gerecht wird. Denn Kontrabass war in der Frühphase des Jazz nicht durch Tonabnehmer zu verstärken und ist auf vielen historischen Schellack-Aufnahmen entsprechend sehr im Hintergrund aktiv. Dass Pianist Konrad Hinsken an seinem E-Piano nicht den Konzertflügelsound imitiert, sondern eher ein bisserl angeratztes Bar-Piano, auch das fügt sich zu einem schlüssigen Retro-Konzept, das unterm Strich gehobene Unterhaltungsmusik bietet mit Evergreens wie „Hello Dolly“, dem St. Louis Blues, Muskrat Ramble und nicht zuletzt „Puttin‘ on the Ritz“.

Nostalgie und musikalische Klasse

Die Arrangements des Vintage-Orchesters lassen dabei den antiken Charme der Stücke weitgehend unangetastet. Wobei die eine oder andere Frechheit mehr gar nicht unbedingt schaden müsste, wie der als Habanera anhebende St. Louis Blues beweist.

Auch in den vielen Soloimprovisationen bleiben die Instrumentalisten weitgehend in der Retro-Spur und leisten auf moderne Harmonie-Abstraktionen Verzicht. Dass beim einen oder anderen freilich immer wieder aufscheint, dass sie technisch und vom Improvisationsvermögen her weit über dem stehen, was die allermeisten Jazz-Musiker um 1925 herum zu leisten im Stande waren, das lässt sich glücklicherweise öfter kaum überhören. Posaunist Garrelt Sieben etwa liefert derartige, deutlich über Retro-Niveau liegende Solovorstellungen regelmäßig.

Dazu sitzt in dem Septett ein doch sehr spezieller Fall, der mehrfach das auf seinem Instrument zeigen darf, was für zeitgenössische 1920er und 1930er US-Jazzer unerreichbar war: Gitarrist Marcus Armani wirbelt als Solist bei zwei Nummern von Django Reinhardt, dessen Ausnahmestellung in Sachen Jazzgitarre seinerzeit auch in den USA bekannt war. Unterm Strich sind es diese und die anderen Solo-Einlagen, die diese Vorstellung der Vintage-Combo von der Unterhaltungs- zur Kunstform befördern.

Ganz so als ob das Little Vintage Orchestra um die klimatischen Bedingungen in der Alten Tüv-Halle gewusst hätte, neben heißen Nummern schiebt das Ensemble auch immer wieder Stücke ein, die wie gemacht scheinen, um dazu einen Sarg auf den Friedhof zu tragen wie etwa den aus der Folkmusik entsprungenen St. James Infirmary-Blues.

Zu Grabe getragen aber wird die Jazztime hier keineswegs. Andreas Wolfer kündigt nämlich an, was in den frischen Jazztime-Prospekten schon gedruckt ist: Mit der Herbststaffel feiert die Jazzreihe ab 25. September ihr 25-jähriges Bestehen und gibt sich dann so ausflugfreudig wie nie mit Konzerten in der Zehntscheuer, der Stadtkirche, dem Sparkassenforum und nur einem Heimspiel im Jazztime-Wohnzimmer Württembergsaal.