Als im Daimler-Werk Karosserien für BMW gebaut wurden
Sindelfingen. Die aktuellen Schwierigkeiten der Automobilindustrie haben in Sindelfingen eine historische Parallele. Bereits vor rund 100 Jahren musste das damalige Daimler-Werk einen tiefgreifenden technischen Wandel bewältigen. Hohe Investitionen, sinkende Absatzzahlen und ungenutzte Produktionskapazitäten stellten die Verantwortlichen vor erhebliche Probleme. Eine wichtige Rolle bei deren Bewältigung spielte ausgerechnet BMW: Zwischen 1931 und 1937 fertigte man in Sindelfingen insgesamt 22 197 Karosserien für den Konkurrenten.
Historische Spurensuche
Neue Einblicke in diese Zeit ermöglicht eine historische Spurensuche der Arbeitsgemeinschaft Böblinger Flughafengeschichten. Den Anstoß gab der Urenkel von Wilhelm Friedle, der sich an die Arbeitsgemeinschaft wandte, um mehr über die berufliche Tätigkeit seines Urgroßvaters zu erfahren. Friedle leitete das Sindelfinger Werk von 1926 bis zu seinem Tod im Jahr 1935.
Bei den Nachforschungen rückten auch zwei weitere Persönlichkeiten in den Mittelpunkt: der Flugzeugkonstrukteur Hanns Klemm und der spätere Daimler-Benz-Vorstandsvorsitzende Wilhelm Haspel. Gemeinsam prägten sie die Entwicklung des Standorts in einer Phase grundlegender Veränderungen.
Ein Fund im Stadtarchiv Böblingen dokumentiert die damaligen persönlichen Verbindungen. Eine Fotografie vom 28. Februar 1924 zeigt führende Mitarbeiter des Sindelfinger Karosseriewerks bei einer Geburtstagsfeier. Unter den Gästen befanden sich Hanns Klemm und Wilhelm Friedle.
Gedicht von Hanns Klemm
Zu diesem Anlass verfasste Hanns Klemm ein Gedicht, das ebenfalls erhalten geblieben ist. Darin gratulierte er dem Jubilar, ging aber auch auf die Belastungen des Arbeitsalltags ein:
„Drum, wenn Sindelfingens Aerger
Werde manchmal stark und stärker,
Dann verlasse diese Klaus
Und verziehe Dich nach Haus!“
Die Verse gewähren einen persönlichen Einblick in die damalige Arbeitswelt. Welche konkreten betrieblichen Schwierigkeiten Klemm dabei im Sinn hatte, lässt sich aus dem Gedicht allein allerdings nicht ableiten. Die technische Entwicklung des Sindelfinger Werks war eng mit dem Flugzeugbau verbunden. Nach dem Ersten Weltkrieg schränkten die Verbote für den deutschen Motorflugzeugbau die Branche erheblich ein. Hanns Klemm übertrug Kenntnisse aus dem Leichtbau und der Holzbearbeitung auf die Fertigung von Automobilkarosserien.
Neue Phase
Mit Wilhelm Friedle begann anschließend eine neue Phase. Nach der Gründung der Daimler-Benz AG im Jahr 1926 beschäftigte sich der Betriebsdirektor intensiv mit amerikanischen Produktionsmethoden. Bei einer Reise in die USA studierte er die Fertigung nach dem Vorbild von Henry Ford.
In Sindelfingen setzte Friedle auf Fließbandarbeit und moderne Großpressen aus den Vereinigten Staaten. An die Stelle der bisherigen Holzbauweise trat zunehmend die Ganzstahlkarosserie. Wilhelm Haspel begleitete als kaufmännischer Werkleiter die wirtschaftliche Umsetzung dieser Veränderungen.
Erhebliches Risiko
Die Modernisierung brachte jedoch ein erhebliches Risiko mit sich. Das neue Presswerk war auf hohe Stückzahlen ausgelegt. Als mit der Weltwirtschaftskrise ab 1929 die Nachfrage nach teuren Automobilen zurückging, konnten die vorhandenen Kapazitäten nicht mehr ausreichend genutzt werden. Die Investitionen belasteten das Werk, zugleich drohten Entlassungen.
Eine Lösung bot die Zusammenarbeit mit BMW. Der Münchner Hersteller benötigte für seine Automobilproduktion moderne Stahlkarosserien, verfügte aber nicht über entsprechende eigene Presswerkskapazitäten.
Transport nach Eisenach
Im November 1931 begann deshalb die Fertigung von BMW-Karosserien im Sindelfinger Mercedes-Benz-Werk. Dort entstanden unter anderem die Serienkarosserien für den BMW 3/20 PS. Nach der Fertigstellung im Presswerk und Rohbau wurden sie mit der Eisenbahn nach Eisenach transportiert und dort mit den übrigen Fahrzeugkomponenten zusammengebaut.
22 197 Karosserien geliefert
Bis 1937 lieferte Sindelfingen insgesamt 22 197 Karosserien an BMW. Die zusätzlichen Aufträge trugen dazu bei, die Anlagen besser auszulasten und Beschäftigung zu sichern. Ausgerechnet die Zusammenarbeit zweier konkurrierender Automobilhersteller half damit, die wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Standorts abzufedern.
Wilhelm Friedle erlebte das Ende dieser Kooperation nicht mehr. Er starb im Mai 1935 im Alter von nur 45 Jahren. Wilhelm Haspel setzte seine Laufbahn bei Daimler-Benz fort und übernahm später den Vorstandsvorsitz des Unternehmens.
Die von der Arbeitsgemeinschaft Böblinger Flughafengeschichten zusammengetragenen Dokumente erinnern an eine Zeit, in der die Zukunft des Sindelfinger Werks keineswegs gesichert war. Sie zeigen auch, dass technische Umstellungen, Absatzprobleme und die Suche nach einer ausreichenden Auslastung der Fabriken die Automobilindustrie bereits vor einem Jahrhundert beschäftigten. Damals gehörte ein Fertigungsauftrag des Konkurrenten BMW zu den Antworten auf die Krise.

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