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Sindelfingen: Der künftige Daimler-Vorstand Markus Schäfer kündigt bei der Zukunftsveranstaltung der SZ/BZ an, er setze lieber auf die Kooperation von Mensch und Maschine

Automation: „Der Zenit ist überschritten“

Markus Schäfer befasst sich von Berufs wegen mit der Zukunft. Doch richtete der Daimler-Mann bei der Zukunftsveranstaltung der SZ/BZ im V8-Hotel auf dem Flugfeld nicht nur in Sachen Automobil den Blick nach vorne. Vor rund 100 Gästen aus Wirtschaft und Politik ging der Ingenieur das Thema philosophisch an.
Von Karlheinz Reichert

„Zukunft ist nicht ganz einfach, besonders, wenn man sie gestalten will“, sagte der jetzige Produktionsvorstand von Mercedes-Pkw und künftige Daimler-Vorstand für Forschung und Entwicklung. Aber genau das mache für ihn den Reiz aus. Dabei sei für ihn klar: „Zukunft entsteht nicht einfach so und nicht zufällig, sondern durch das, was wir tun oder nicht tun.“
Menschen wie die Automobilpioniere Carl Benz und Gottlieb Daimler oder auch der Gründer der SZ/BZ, Konrad Röhm, hätten seinen Respekt: „Denn sie haben die Zukunft gestaltet.“

Trotz der Erfinder sagte Markus Schäfer auch: „Früher war Autos bauen einfacher. Das ist heute mehr denn je eine komplexe Aufgabe.“ Dabei schob er nicht die Technik in den Vordergrund, sondern das politische Umfeld; die Spannung zwischen dem Pol Ost (China) und dem Pol West (USA): „Damit beschäftigen wir uns jeden Tag.“ Genauso wie mit der Umwelt: „Wir werden die Herausforderung definitiv annehmen.“ Ins Detail wollte er da noch nicht gehen. Er bat seine Zuhörer, zu warten, bis er seine Vorstandsstelle angetreten hat.

Aber auch die rapiden Veränderungen in der Gesellschaft würden nicht ohne Einfluss bleiben: Mitarbeiter hätten heute andere Ansprüche und die Kunden würden sich ändern: „Der durchschnittliche S-Klasse-Käufer in China ist 37 Jahre alt. Das hat Einfluss auf die Gestaltung unserer Produkte.“
Wie? „Die Zukunft der Mobilität ist elektrisch und autonom“, ist Schäfer sicher. Was danach komme, sei ein Fall für die Glaskugel. Daimler werde deshalb Annahmen treffen und flexibel sein müssen. Vorerst aber lebe man in einer Übergangszeit vom Verbrennungsmotor zum Elektroantrieb: „Diese wird wohl noch 10 Jahre dauern.“

Beim Daimler spricht man von einer Zukunft mit Herkunft. Der Blick zurück, so Schäfer, dürfe nicht romantisch sein, sondern musse das Bewusstsein dafür schärffen, dass man zu einer der wertvollsten Marken der Welt geworden sei. Schäfer: „Diese Marke dürfen wir nicht beschädigen. Sie ist der Motor für die Zukunft.“

Dieser habe das Unternehmen in den letzten Jahren zu einer unglaublichen Rallye angetrieben. Bis 2013 hat Daimler 1,3 Millionen Personenwagen gebaut. Bis Ende 2018 kamen eine weitere Million hinzu.

Das Herz dieses Automobilbaus, so Schäfer, „ist Sindelfingen“. Aber ohne Marktnähe könne man heute keine Autos mehr verkaufen. Deshalb seien Werke in Südafrika, USA, Russland oder China notwendig. So ergebe sich ein Produktionsnetzwerk mit 78 000 Menschen an über 30 Standorten, die täglich 50 Millionen Teile verbauen. Für die Stammwerke, die bei Daimler Lead-Werke heißen, habe man im Unternehmen jedoch eine besondere Verantwortung.

Zu diesen Werken gehört auch Sindelfingen. Zur Frage, wie dieser 103 Jahre alte Standort in der 1. Liga der Weltproduktion bestehen könne, gab der künftige Vorstand auch die Antwort: „Mit der besten Mannschaft.“ Da dazu freilich auch die beste Technik benötige. Ab 2022 würden alle deutschen Werke (durch den Verzicht auf Kohlestrom) CO2-neutral arbeiten. Von 35 Milliarden Euro, mit denen Daimler seine Werke fit bis 2027 für die Zukunft mache, würden 2,1 Milliarden in Sindelfingen investiert.

Eingerechnet sind dabei die Neubauten an der Tübinger Allee, ein Ingenieur-Zentrum auf dem Werksgelände, ein Elektrik-Elektronik-Integrationszentrum und die Factory 56, die zur besten Automobilfabrik der Welt werden soll. Schäfer: „Wir haben die Latte hochgelegt, aber wir werden liefern.“
„Es wird keine menschenleeren Fabriken geben“, kündigte Markus Schäfer an. Er selbst sei ohnehin kein Freund der Vollautomatisierung: „“Der Zenit in der Automatisierung ist definitiv überschritten. Wir setzen auf die Kooperation von Mensch und Maschine.“ Dabei könne man sich das beste Team nicht kaufen: „Das müssen wir selbst machen.“ Seine Überzeugung: „Die Firma wird gewinnen, die das beste Team hat.“

In dem im Anschluss an seinen Vortrag geführten Gespräch mit SZ/BZ-Chefredakteur Jürgen Haar versicherte Markus Schäfer, dass Daimler die Entwicklungszeiten für seine Fahrzeuge verkürzen werde. Gelingen soll dies mit Hilfe der Digitalisierung. Als Nebeneffekt würde damit auch weniger Material benötigt.
Zur Ausstattung der Factory 56 sagte er, es werde keine Förderbänder mehr geben, sondern autonome Fahrzeuge würden das für die Produktion notwendige Material heranschaffen. Damit würde auch der aufwendige Umbau wegfallen, wenn dort ein anderes Modell gebaut werde.

Hier zeige sich die eigentliche Flexibilität der Factory 56: „Wir können dort Fahrzeuge mit Vorderrad-, Heck- und Allradantrieb bauen.“ Auch sei vom üblichen Pkw bis zum Roboterfahrzeug alles möglich.
Sindelfingen gilt als teuerster Standort im Daimler-Konzern. Das allein sei aber kein Nachteil. Schäfer: „Entscheidend ist das Ergebnis.“ Sindelfingen habe „die hervorragendsten Menschen mit den innovativsten Lösungen, die andere nicht haben“.
Eine der Voraussetzungen für eine gute Zukunft.