

Sindelfingen. Keine drei Minuten, dann kracht es beinahe. „Sehen Sie, das habe ich gemeint“, sagt Frieder Krug. Der weiße Lkw zieht kurz vor knapp von innen nach außen, um dann doch geradeaus Richtung Böblingen weiterzufahren. Gut, dass der Corsa ins Eisen steigt. Eine Ausnahmesituation am verhältnismäßig neuen Kreisverkehr? Das Gegenteil ist der Fall, weshalb Frieder Krug den Tag des Lokaljournalismus nutzt, Kontakt mit der SZ/BZ aufzunehmen.
An die Stadt hatte der Rentner, der seit 1974 auf dem Goldberg wohnt, schon vorher geschrieben und ironisch von einem „Meisterstück“ gesprochen. Das Rondell zwischen Bitzer und Hofmeister, das spätestens mit vollendetem A81-Ausbau zur zentralen Schaltstation zwischen Autobahn, Stadt und Sindelfinger Osten samt Breuningerland werden soll, ärgert ihn. Denn schon jetzt scheinen klare Verkehrsregeln vor allem Auslegungssache zu sein, wie auch der Recherche-Termin vor Ort zeigt.
An einem ganz normalen Morgen außerhalb des Berufsverkehrs werden durchgezogene Linien laufend überfahren. Egal, ob von Sindelfingen oder Böblingen kommend. Zwischen 9.30 Uhr und 9.45 Uhr passiert es sechsmal. Zweimal wird es richtig eng, und es wundert beinahe, dass es zu keinem Unfall kommt. Frieder Krug hat sich das Schauspiel schon oft angeschaut. „Nicht der Bau an sich, vielmehr das Innenleben“, regt ihn auf. Scherzend denkt er an den einstigen SZ/BZ-Kulturredakteur Peter Bausch: „Der hätte eine Freude an dem Rembrandt, den man hier in den Kreisel gepinselt hat. Ich lernte schon in der Fahrschule 1966, dass eine durchgezogene Linie nicht überfahren werden darf. Was die Stadt von den Leuten aber verlangt, ist eine Einladung, genau dies zu tun. Super.“
Man kann es ahnen: Auch dieser Fahrer verlässt gleich seine Spur und fährt kurzerhand lieber doch geradeaus. Bild: Wegner
Was sich an dem Morgen als problematisch ankündigt, wird abends im Feierabendverkehr tatsächlich chaotisch. Kreuz und quer geht es rund im Turbokreisel, eigentlich kommt es im Minutentakt zu Verstößen gegen die Regeln des Straßenverkehrs und zu brenzligen Situationen. Die Crux: Wenn man sich das Ganze genauer anschaut, ist eigentlich alles korrekt, am Ende aber zu viel verlangt. „Das Problem beginnt bei den gelben Schildern“, sagt Frieder Krug und hat irgendwie recht, irgendwie aber auch nicht. Denn man muss schon eine gewisse Auffassungsgabe mitbringen, um als eher ungeübter Kreisverkehrler zu verstehen, was da passieren und wo man sich einordnen soll.
Dazu kommt beispielsweise von Sindelfingen aus kommend – ähnlich verhält es sich aus Richtung Böblingen –, dass auf beiden Spuren der Pfeil geradeaus zeigt. Blöd aber, dass die innere Linie dazu da ist, Richtung Breuni abzubiegen. Und genau deshalb kommt es im Kreisverkehr dann immer wieder zu kurzfristigen und falschen Entscheidungen. Auto- und Motorradfahrer entschließen sich dann doch, die durchgezogene Linie zu überfahren, kreuzen andere Verkehrsteilnehmer, dann wird es brenzlig.
Aber was tun? Frieder Krug macht einen Vorschlag: „Warum nehmen Sie sich an Böblingen nicht ein Beispiel an der Straße zum ehemaligen Wiener Wald“, schreibt er an die Stadt. Dort hatte es massive Probleme mit dem Parken auf der linken Seite gegeben. Frieder Krug: „Man brachte kleine Pöllerchen an, und Ruhe war. Sie sollten solche Dinger an den Stellen im Kreisverkehr anbringen, wo Autofahrer durchgezogene Linien durchbrechen könnten.“
Zumindest ein Denkanstoß: Solche Frankfurter Hüte schlägt Frieder Krug vor, damit Autofahrer im Kreisverkehr die Spur auch halten. Die Stadt Böblingen lässt sie im Januar 2019 in der Poststraße anbringen. Bild: Oberdorfer
Konkret meint er die Frankfurter Hüte in der Poststraße. Die SZ/BZ hat bei der Stadt Sindelfingen nachgefragt, ob diese die Situation beim Kreisverkehr am Peter-Schaufler-Platz entschärfen könnten. Die Antwort: „Sogenannte Frankfurter Hüte werden in solchen Anlagen in der Regel nicht eingesetzt. Sie dienen vor allem der Abgrenzung von Fahrbahn zu Geh- und Radwegen oder zur Vermeidung von Falschparken, nicht der Spurtrennung im Kreisverkehr. Voraussetzung ist zudem, dass sie den Verkehrsfluss nicht beeinträchtigen.“
Ob sich die Stadt die Situation am Peter-Schaufler-Platz noch einmal genauer anschaut, bleibt nach der SZ/BZ-Anfrage zunächst aber offen. Hierbei handele es sich um einen sogenannten Turbokreisel: „Diese Bauform erhöht die Verkehrssicherheit und Leistungsfähigkeit, indem die Fahrtrichtungen bereits vor der Einfahrt durch Beschilderung und Markierungen getrennt werden. Ein Spurwechsel im Kreisverkehr ist nicht vorgesehen.“ Wie oft das trotzdem passiert, kann man im Prinzip laufend beobachten. Dabei entsprechen die Markierung und Verkehrsführung den geltenden straßenverkehrsrechtlichen Vorgaben und sind so ausgelegt, dass sie regelkonform befahren werden können. „Die gewählte Lösung entspricht damit der üblichen und bewährten Praxis für Turbokreisel“, so die Stadt Sindelfingen.




