

Böblingen. Laut einer Studie des Vereins More in Common fühlen sich 30 Prozent der Menschen von der Politik nicht angesprochen: Um dieses sogenannte „vergessene Drittel“ geht es beim Pilot-Projekt „Politik auf 13 qm – Dein Raum. Deine Stimme“, den die Diözese Rottenburg-Stuttgart der katholischen Kirche seit September letzten Jahres im Hinblick auf die Landtagswahl am 8. März auf den Weg gebracht hat. Nach einer Auftaktveranstaltung im Arbeiterzentrum der katholischen Betriebsseelsorge macht das Projekt drei Tage lang Station im Böblinger Mehrgenerationenhaus „Treff am See“.
Viele fruchtbare Gespräche über politische Themen finden am Küchentisch statt. Deutsche Küchen sind im Schnitt 13 Quadratmeter groß: Darauf verweist der Name des Pilotprojekts der „Hauptabteilung XI Kirche und Gesellschaft“ der Diözese unter der Leitung von Ordinariatsrätin Karin Schieszl-Rathgeb, mit dem seit September letzten Jahres Menschen für politische Teilhabe gewonnen werden sollen, die sich eigentlich von der Politik weder angesprochen noch repräsentiert fühlen. Denn: „Ein Gemeinwesen kann nur funktionieren, wenn alle gesellschaftlichen Gruppen erreicht werden“, so die grundlegende Idee des Pilot-Projekts.
Unter der Projektleitung von Dr. Sarah Köhler vernetzt das Projekt „Politik auf 13 qm“ in mehreren Kommunen der Diözese Rottenburg-Stuttgart Partner miteinander, die sich um das Thema politische Partizipation kümmern, etwa Integrationsbeauftragte. Aufs Gleis gesetzt werden sollen dabei Gesprächs- und Beteiligungsformate, die „das vergessene Drittel“ für politische Teilhabe gewinnen. Auf Initiative von Martin Hausmann, Mitarbeiter des Amts für Bildung, Betreuung & Kultur, gastierte das Projekt letztes Jahr in Schönaich.
Unter der Federführung der katholischen Erwachsenenbildung im Kreis Böblingen unter der Leitung von Prof. Ute Reuter, macht das Projekt nun in Böblingen Station: Drei Tage lang werden im Mehrgenerationenhaus „Treff am See“ von 9 bis 17 Uhr Gesprächsrunden moderiert, von denen sich Menschen angesprochen fühlen sollen, die sich aus den verschiedensten Gründen eigentlich von der Politik abgewendet haben.
„Viele Menschen tauschen sich nur noch innerhalb ihrer Bubbles aus“, so Ute Reuter: „Diesen Mechanismus sollen diese Gesprächsrunden durchbrechen.“ Zum Projekt gehört auch eine Umfrage. Wo drückt der Schuh? Welche Formate sprechen die Menschen tatsächlich an? Antworten auf diese Fragen zu finden, ist wesentlicher Teil des Pilot-Projekts. „Die Auswertung der Umfrage werden wir nach der Landtagswahl veröffentlichen“, so Ute Reuter. Zuvor geht ab dem 16. Februar drei Wochen lang in Stuttgart das „große Finale“ des Projekts über die Bühne. Fest stehe, dass das Pilot-Projekt verstetigt werden solle, so Ute Reuter: In welcher Form genau, hänge unter anderem vom Feedback der Teilnehmer ab.
Neben Ute Reuter sind in Böblingen unter anderem die Integrationsbeauftragte des Landkreises, Carolina Montfort Montero, Betriebsseelsorger Marian Schirmer, Betriebsseelsorger Paul Schobel, Nora Braun von der Caritas und Luca-Christin Wenz, Vorsitzende des Vereins „Initiative Kunterbund“, an Bord. „Politik funktioniert nur im Dialog miteinander“, so Marian Schirmer bei der Auftaktveranstaltung im Böblinger Arbeiterzentrum der katholischen Betriebsseelsorge. Von politischen Entscheidungen würden alle Menschen abhängen, auch diejenigen, die sich nicht einbringen, so der katholische Betriebsseelsorger: „Integration ist deswegen eine Pflichtaufgabe der Demokratie.“
Warum Integration und echte Teilhabe aller Menschen so wichtig sind für die Demokratie, macht Carolina Montfort Montero an ihrer eigenen Geschichte deutlich. Als Kind spanischer Eltern 1964 bei Hannover geboren, schien der Lebensweg, wie bei vielen Kindern mit Zuwanderungsgeschichte, vorgezeichnet: Eine Empfehlung fürs Gymnasium gab es damals für migrantische Kinder so gut wie nie. Nur mit der richtigen Unterstützung konnte sich die Integrationsbeauftragte über Abitur und Studium der Sozialpsychologie und Pädagogik den scheinbar vorgezeichneten Lebensweg verlassen und sich eine akademische Karriere erarbeiten.
Vernünftige Strategien der Integration sind essenziell für die deutsche Wirtschaft: Auch darauf macht Carolina Montfort Montero bei der Auftaktveranstaltung von „Politik auf 13 Quadratmetern“ aufmerksam. So sei etwa die türkische Community in Deutschland bei Unternehmensgründungen ein entscheidender Wirtschaftsfaktor. „Dabei reden wir nicht mehr nur über Friseur- oder Döner-Läden“, so Carolina Montfort Montero: Die türkische Community sei inzwischen intensiv bei „sehr wissensintensiven Unternehmensgründungen“ aktiv. Die verschiedenen migrantischen Communitys über vernünftige Integration in die politischen Prozesse einzubinden, sei essenziell für den Wirtschaftsstandort Deutschland, so das Argument von Carolina Montfort Montero.
Das Projekt „Politik auf 13 qm“ ist unter www.politikauf13qm.drs.de, die katholische Erwachsenenbildung unter www.keb-boeblingen.de im Internet zu finden. „Politik auf 13 qm“ macht bis Donnerstag, 5. Februar von 9 bis 17 Uhr im Böblinger Mehrgenerationenhaus „Treff am See“ Station.




