

Schönaich. Die aus der Dominikanischen Republik stammende Brenda Rattay-Schülke hat in Schönaich die „Herzpunkt gGmbH“ gegründet, um mit erwachsenen Menschen mit Behinderung auf Augenhöhe arbeiten zu können. Dafür wurde die Hildrizhausenerin vom Landratsamt Böblingen für die Auszeichnung „Unternehmerin des Jahres“ nominiert.
Zehn Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, davon acht Betreuungskräfte, beschäftigt die Unternehmerin Brenda Rattay-Schülke derzeit auf zwei Stockwerken und insgesamt 500 Quadratmetern im Schönaicher Gewerbegebiet. „Wir sind schneller gewachsen, als ich zunächst dachte“, so die 39-Jährige über ihre im November 2024 gegründete „Herzpunkt gGmbH“, eine „gemeinnützige Förderstätte und Tagesstruktur für erwachsene Menschen mit Behinderung und hohem Unterstützungsbedarf“.
„Gestartet sind wir mit zwei Leuten und sieben Klienten“, so Brenda Rattay-Schülke. Aktuell kümmern sich die Fachkräfte von „Herzpunkt“ um 22 Klienten. Tendenz steigend: Das von Brenda Rattay-Schülke für „Herzpunkt“ entwickelte Konzept überzeugt sowohl Menschen mit Behinderung und deren Angehörige als auch Betreuungsfachkräfte. Unzufriedenheit damit, wie in großen Einrichtungen Menschen mit Behinderung betreut und gefördert werden: Dies motivierte Brenda Rattay-Schülke zur Gründung von „Herzpunkt“ - und ist auch der Hauptgrund für die Beliebtheit der Einrichtung bei Klienten und Mitarbeitern. Zu unpersönlich, zu technisch und zu starr auf Formalitäten beharrend: So empfand Brenda Rattay-Schülke zuletzt ihre Arbeit mit Menschen mit Behinderung bei einem großen Träger. „Ich möchte auf allen Ebenen einen Umgang mit Menschen mit Behinderung auf Augenhöhe“, so Brenda Rattay-Schülke: „Das ist vor allem in sehr großen Einrichtungen oft nicht gegeben.“ Das Kapital für die Unternehmensgründung bekam Brenda Rattay-Schülke von einem privaten Investor: Bei „Herzpunkt“ handelt es sich um die erste Einrichtung dieser Art in Baden-Württemberg, hinter der keiner der großen Träger steht.
Mit neun Jahren wird Brenda Rattay-Schülke aus der Dominikanischen Republik nach Deutschland adoptiert, wächst in Altdorf auf und besucht die Realschule in Sindelfingen und Holzgerlingen. Nach mittlerer Reife und Fachhochschulreife absolviert sie eine Ausbildung zur Erzieherin und schwenkt ab dem dritten Ausbildungsjahr von der Arbeit mit Kindern zum Umgang mit Jugendlichen um, im Böblinger Nachbarschaftszentrum der Arbeiterwohlfahrt (AWO).
Ihr Anerkennungsjahr absolviert Brenda Rattay-Schülke bei den Gemeinnützigen Werkstätten und Wohnstätten (GWW), wo sie anschließend bis 2024 arbeitet, zuletzt als Abteilungsleiterin für zwei Standorte im Förder- und Betreuungsbereich. Berufsbegleitend lässt sich Brenda Rattay-Schülke zur Fachwirtin im Gesundheits- und Sozialwesen ausbilden. Die Prüfung zum „Master Professional of Business Management“ hat sie vor Kurzem abgelegt und wartet noch auf die Prüfungsergebnisse. „Ich wollte genau wissen, wie man ganz allgemein ein Unternehmen führt, nicht nur im Sozialwesen“, begründet Brenda Rattay-Schülke diesen Ausbildungsschritt: „Ich bin davon überzeugt, dass man ein Leben lang weiterlernen muss.“
Um mit „Herzpunkt“ Betreuungs- und Therapiekonzepte umsetzen zu können, die über die normale Betreuung hinausgehen, wirbt Brenda Rattay-Schülke Spenden an, vor allem beim Unternehmernetzwerk BNI. Zudem arbeitet sie selbst als Betreuungsfachkraft in ihrem eigenen Unternehmen: Geschäftsführerin, Fundraiserin, Betreuungsfachkraft, Buchhalterin sind die Rollen, die die 39-Jährige in ihrem Unternehmen spielt. „Auf über 70 Wochenstunden Arbeit komme ich locker“, so Brenda Rattay-Schülke: „Momentan geht das noch sehr gut, aber ich merke selbst, dass ich noch lernen muss, Aufgaben besser zu delegieren.“ Dass alles bei „Herzpunkt“ bis ins Detail genau nach ihren Vorstellungen zu laufen habe: „Damit bin ich am Anfang einigen Mitarbeitern ein bisschen auf die Nerven gegangen“, gibt Brenda Rattay-Schülke zu: „Aber wenn es um den Umgang mit Menschen mit Behinderung geht, mache ich ungern Kompromisse.“
Durch ihr Enagement bleibt führ ihre persönlichen Leidenschaften Zeichnen und Zumba im Moment wenig Zeit. Bild: Staber
Diskriminierung als Frau mit dunkler Hautfarbe habe sie seit ihrer Kindheit immer mal wieder erlebt, erzählt Brenda Rattay-Schülke: „Aber sobald die Leute merken, dass man fleißig und gut integriert ist, geht es.“ Immer mal wieder komme es vor, dass Menschen, mit denen sie bislang nur telefoniert hatte, überrascht seien, wenn sie die Unternehmerin zum ersten Mal persönlich treffen: „Die Leute hatten möglicherweise ein anderes Bild vor Augen, wenn sie nur meine Stimme kennen“, sagt Brenda Rattay-Schülke und lacht: „Mit Humor kann man aber auch solche Situationen lösen.“
Dass sie für die Auszeichnung „Unternehmerin des Jahres“ vom Landratsamt nominiert wurde, freue sie sehr, so Brenda Rattay-Schülke: „Dadurch merke ich, dass das viele Herzblut, das ich in mein Unternehmen stecke, wertgeschätzt wird. Und es zeigt, dass auch anderen Menschen ein wertschätzender Umgang mit Menschen mit Behinderung am Herzen liegt.“
Wandern und Fahrrad fahren mit Ehemann und Sohn sind die Hobbys, die Brenda Rattay-Schülke derzeit noch betreibt, wenn es ihre Rolle als Unternehmerin zulässt. „Meine Leidenschaften Zeichnen und Zumba bleiben aktuell leider auf der Strecke“, so Brenda Rattay-Schülke, die mit ganzer Leidenschaft für „Herzpunkt“ brennt.




