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Vor 80 Jahren im Krieg

Die Glocken wurden geopfert

Langzeitprojekt „Vor 80 Jahren – Sindelfingen im Krieg“ des Stadtmuseums: Januar 2022 – Januar 1942 Glocken für den „Endsieg“
Von Horst Zecha*
Abtransport der Glocken aus der Böblinger Stadtkirche am 13.1.1942.     Bild: Stadtarchiv Böblingen, Marta Baumann

Abtransport der Glocken aus der Böblinger Stadtkirche am 13.1.1942. Bild: Stadtarchiv Böblingen, Marta Baumann

Sindelfingen. Das Stadtmuseum Sindelfingen befasst sich von September 2019 bis Mai 2025 unter dem Titel „Vor 80 Jahren – Sindelfingen im Krieg“ mit der Zeit des Zweiten Weltkriegs und wie sich damals die Situation für die Menschen vor Ort darstellte. Dazu wird monatlich ein Objekt oder Thema in den Mittelpunkt gestellt, das vor 80 Jahren relevant war und auf das im Stadtmuseum Bezug genommen wird. So entsteht eine Reihe mit 69 Beiträgen, die monatliche Blitzlichter auf die Zeit von September 1939 bis Mai 1945 wirft und das damalige Geschehen auf lokaler Ebene lebendig werden lässt.

Die Objektauswahl erfolgt anhand der Sammlungsbestände von Archiv und Museum. Darüber hinaus werden auch Erinnerungsorte einbezogen und, begleitend zum Projekt, Gespräche mit Zeitzeugen geführt und aufgezeichnet. Thema im Monat Januar 2022: Glocken für den „Endsieg“. Die zugehörige Vitrine im Sindelfinger Stadtmuseum ist seit dem 28. Januar dem Publikum zugänglich. Die Texte sind auch auf der städtischen Homepage nachzulesen.

„Ablieferungen: Glocken am 8./9. Januar 1942 bei 21 Grad Kälte. Abschied im Jahresabschlussgottesdienst. Die größte Glocke belassen, die übrigen 4 abgeliefert. Freiwillige Ablieferung von Metallgegenständen: 1 Opferschale, 5 Kannen, 2 Opferbüchsen mit Überdachung. Orgelpfeifen bisher nicht abgeholt.“ Mit diesen nüchternen Worten beschreibt Stadtpfarrer Otto Fischer in seinem Pfarrbericht, der alle 4 Jahre erstellt werden musste, im Sommer 1944 die Abnahme der Glocken der Martinskirche zweieinhalb Jahr zuvor.

Für viele Gemeindemitglieder und alteingesessene Sindelfinger war dieser Vorgang sicherlich mit vielen Emotionen verbunden, und bei vielen musste die Glockenablieferung Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg wecken. Denn bereits 1917 wurde das Geläut der Martinskirche bis auf eine Glocke abgenommen und zur Metallgewinnung für Kriegszwecke abtransportiert. Erst 1920 erhielt die Martinskirche neue Glocken. Diesen widerfuhr nun im Zweiten Weltkrieg das gleiche Schicksal.

Mit Runderlass vom 14.11.1941 hatte das Reichsinnenministerium die „Abnahme der Bronzeglocken im Reich“ verfügt. Organisatorisch wurde diese Maßnahme in die Verantwortung der Landräte und der Kreishandwerksmeister gegeben.

Im Amtsblatt der evangelischen Landeskirche in Württemberg wird mit Erlass vom 26. November 1941 die Glockenabnahme kirchlicherseits geregelt. Dabei fällt auf, dass auf eine staatliche Entschädigung erst nach dem Krieg verwiesen wird. Offensichtlich ist man noch im Dezember 1941 unerschütterlich vom „Endsieg“ überzeugt.

Auch wird darauf hingewiesen, dass „der Zeitpunkt der Glockenabnahme neuerdings in einer Reihe von Fällen den Kirchengemeinden nicht bekannt wurde.“ In Sindelfingen belegt der von Pfarrer Fischer erwähnte „Abschiedsgottesdienst“, dass das Datum der Glockenabnahme hier bereits Ende 1941 bekannt war. Anfang Januar 1942 wurden dann im gesamten Kreis Böblingen Abnahme und Abtransport der Glocken durchgeführt. Ebenso wie im Ersten Weltkrieg verblieb in Sindelfingen auch diesmal die größte Glocke mit der Inschrift „Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit“ im Turm.

Neben den Kirchenglocken betraf der Erlass zur Abnahme der Bronzeglocken auch andere, kleinere Glocken. Aus den städtischen Unterlagen geht hervor, dass am 5. Januar 1942 zwei Glocken vom Rathaus (heutige Galerie), zwei von der Volksschule (heutiges Gustav-Heinemann-Haus) und eine vom Alten Rathaus (heutiges Stadtmuseum) mit einem Gesamtgewicht von 295 kg beschlagnahmt und abgenommen wurden.

Seit 1950 wurde der Turm der Martinskirche sukzessive mit neuen Glocken bestückt. Dabei wurde auch die einzige Glocke, die den Krieg überlebt hatte, ausgetauscht, weil ihr Klang nicht mehr mit dem neuen Geläut harmonierte.

*Horst Zecha war viele Jahre der Leiter des Sindelfinger Stadtarchivs, heute ist er Leiter des Kulturamts