Menü
Tausende feiern die Einweihung

Hermann-Hesse-Bahn eingeweiht: Von Weil der Stadt Richtung Schwarzwald

Für Fahrten von Böblingen/Sindelfingen oder von Stuttgart nach Calw und umgekehrt gilt seit Sonntag der VVS-Tarif. Täglich werden 3000 Fahrgäste erwartet.
Von Karlheinz Reichert
Die Hermann-Hesse-Bahn an ihrem Startpunkt am ZOB Calw, der einige Etagen tiefer auch Haltepunkt der Kulturbahn Nagold – Pforzheim ist.    	  Bilder: Reichert

Die Hermann-Hesse-Bahn an ihrem Startpunkt am ZOB Calw, der einige Etagen tiefer auch Haltepunkt der Kulturbahn Nagold – Pforzheim ist. Bilder: Reichert

Bild: Reichert

Kreis Böblingen/Kreis Calw. Volksfeststimmung an der Hermann-Hesse-Bahn: Tausende feierten am Samstag am Zentralen Omnibusbahnhof (ZOB) in Calw und an den Bahnhöfen und Haltepunkten in Heumaden, Althengstett, Ostelsheim und Weil der Stadt die Eröffnung der Bahn auf dem ersten Bauabschnitt. Der zweite Teil zwischen Weil der Stadt und Renningen soll im Juni folgen. Für Fahrten von Böblingen/Sindelfingen (Einzelticket 7,30 Euro, Tagesticket für bis zu fünf Personen ab 22,30 Euro) oder von Stuttgart nach Calw und umgekehrt gilt seit Sonntag der VVS-Tarif. Das heißt: Fahrgäste benötigen nur eine Fahrkarte.

Dass die Fahrt derzeit nicht mit einmal Umsteigen durchgehend auf der Schiene stattfindet, liegt nicht daran, dass die Hesse-Bahn noch nicht ganz fertiggestellt ist, sondern daran, dass zwischen Weil der Stadt und Renningen derzeit die S-Bahn nicht verkehrt. Dort ist ein sogenannter Schienenersatzverkehr (Bus) eingerichtet.

Genaue Kosten stehen noch nicht fest

Da die Hermann-Hesse-Bahn noch nicht fertiggestellt ist – außer der Strecke Weil der Stadt – Renningen fehlen auch noch die Schranken an zwei Bahnübergängen in Althengstett und teilweise verlaufen die Kabel noch nicht unter der Erde – stehen die genauen Kosten der Reaktivierung noch nicht fest. Die auch in einer Pressemitteilung genannten 240 Millionen Euro seien auch kein Sprung von den bisher genannten 207 Millionen um 33 Millionen Euro nach oben, sondern die im Wirtschaftsplan des Zweckverbands Hermann-Hesse-Bahn seit dem vergangenen Jahr festgeschriebene Obergrenze, sagt der Zweckverbandsvorsitzende, der Calwer Landrat Helmut Riegger (CDU).

Er habe bei der Aufstellung des Wirtschaftsplans 2025 auf eine großzügige Obergrenze gedrängt, um eine Nachfinanzierung zu vermeiden. Zum aktuellen Stand sagt er: „Wir liegen deutlich darunter.“ Die reinen Investitionskosten für die Strecke beziffert er mit 110 Millionen Euro (davon allein 25 Millionen für den Hacksbergtunnel zwischen Ostelsheim und Weil der Stadt), den Aufwand für den Natur- und Artenschutz auf 87 Millionen Euro. Der Rest seien Planungs- und Genehmigungskosten und der von ihm geforderte Puffer.

Großer Empfang für die Hermann-Hesse-Bahn bei ihrer Jungfernfahrt in Ostelsheim.
Großer Empfang für die Hermann-Hesse-Bahn bei ihrer Jungfernfahrt in Ostelsheim. Bild: Reichert

Dass beim Landkreis Calw das Geld knapp ist, dürfte dennoch nicht in erster Linie an der Reaktivierung der Bahnstrecke aus dem Jahr 1872 liegen, auf der 1983 der letzte Personenzug und 1988 der letzte Güterzug fuhren. Durch eine neue Kosten-Nutzen-Berechnung und den Einsatz von Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne), so der Landrat, komme man neben der Landesförderung auch in den Genuss einer Bundesförderung. Damit würden zwischen 90 und 95 Prozent der Gesamtkosten abgedeckt.

Kreis Böblingen muss 3,8 Millionen Euro übernehmen

Außerdem muss der Landkreis Böblingen, der wegen Weil der Stadt und Renningen am Zweckverband beteiligt ist, 3,8 Millionen Euro übernehmen. Bisher ist das Geld nicht geflossen. Fällig wird der Betrag mit der Inbetriebnahme der Strecke, wobei in dem Vertrag offensichtlich nicht klar geregelt ist, was darunter zu verstehen ist – ob der seit Sonntag geltende, sogenannte Vortrieb mit dem Pendelverkehr im Stundentakt zählt oder erst, wenn die Bahn im vorgesehenen 30-Minuten-Takt von und bis Renningen fährt.

Mit den vereinbarten 3,8 Millionen Euro will sich Helmut Riegger aber ohnehin nicht zufrieden geben. Er fordert mehr Geld vom Landkreis Böblingen, weil dieser für Mehraufwand, Kostensteigerungen und zeitliche Verzögerungen mitverantwortlich sei. Etwa weil sich Weil der Stadt jahrelang dagegen wehrte, eine für die Umgehungsstraße (B 295) abgerissene Brücke wieder herzustellen, wozu sie vertraglich verpflichtet gewesen wäre, so dass schließlich der Zweckverband einspringen musste.

Lange Geschichte der Reaktivierung

Die Reaktivierung der Bahnlinie ist bereits für sich eine lange Geschichte. 1994 kaufte der Landkreis Calw die Bahnstrecke Calw – Weil der Stadt. Seit 2001 wurden verschiedene Varianten untersucht. 2009 begeisterte der Gründer und Vorsitzende des Schwarzwaldbahnvereins, Hans-Ulrich Bay, Landrat Riegger bei dessen Amtsantritt von der Reaktivierung. Dass die Bahn 2015 fahren könnte, war jedoch eine Illusion. In jenem Jahr wurde gerade mal die „Standardisierte Bewertung“ abgeschlossen, die zum Ergebnis hatte, dass ein Pendelverkehr im Dieselbetrieb wirtschaftlich sinnvoll sei.

Gegen Dieselfahrzeuge wehrten sich die Anlieger, insbesondere in Renningen und Weil der Stadt. Eine Elektrifizierung kam jedoch aus Kostengründen nicht in Frage. Auch Winfried Hermann wollte den Dieselantrieb nicht. Bei seiner kurzen Ansprache am Weil der Städter Bahnhof sagte er am Samstag: „Ich habe gedacht, mit dem alten Scheiß fangen wir nicht wieder an.“ Seine Idee war zunächst ein Wasserstoffantrieb, bis die inzwischen in der nordbadischen Ortenau erprobten, batterieelektrischen Triebfahrzeuge auftauchten.

Hohe Erwartungen

Die Erwartungen an die neue Bahn sind hoch. So rechnet der Zweckverband auf mittlere Sicht mit 3000 Fahrgästen täglich und einem daraus resultierenden 300 Tonnen pro Jahr geringeren CO2-Ausstoß beim Straßenverkehr. Bei der Stadt Calw hofft OB Florian Kling auf einen zusätzlichen Schub für den Tourismus, Althengstetts Bürgermeister Rüdiger Klahm baut auf eine allgemeine Attraktivitätssteigerung der Gemeinde, während Ostelsheims Bürgermeister Ryyan Alshebl hofft, dass sich die bessere Verkehrsanbindung positiv auf die Besiedlung des erst etwa zur Hälfte bewohnten Neubaugebiets Fuchsloch auswirkt. Aber unabhängig davon sei die Bahn bei rund 1200 Ostelsheimer Berufspendlern dringend nötig.

Weil der Stadts Bürgermeister Christian Walther glaubt an einen weiteren Ausbau der Beziehungen zu Calw (bisher: gemeinsame Stadtwerke), wenn man nun Kreis- und Regierungsbezirksgrenzen überwinde. Renningens Bürgermeisterin Melanie Hettmer hielt dem entgegen, als gebürtige Calwerin habe sie diese Grenzen nie als solche empfunden. Sie freue sich auf ein tolles ÖPNV-Angebot in beide Richtungen. Der Böblinger Landrat Roland Bernhard sprach von einem Gewinn für beide Landkreise. Nach seinen Erfahrungen mit der Schönbuchbahn wisse er, mit wie viel Stehvermögen es Helmut Riegger bis zur Eröffnung geschafft habe. Zugleich lobte er Winfried Hermann als Erfinder des Stufenkonzepts. Dieses sieht vor, dass die Calwer ohne umzusteigen einmal bis nach Stuttgart fahren können. Eine Vision, die wohl nur mit einer völligen Umstrukturierung des S-Bahn-Systems Wirklichkeit werden könnte.