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Inflation und steigende Energiekosten

Sindelfingen: „Nachbarn in Not“ rechnet mit mehr hilfsbedürftigen Menschen

Carmen Bühl erklärt im SZ/BZ-Podcast „Willi und Dödel“ wie sehr Inflation und steigende Energiepreise vor allem die ärmeren Menschen treffen.
Von Dirk Hamann
Die Inflation und die steigenden Energiepreise bereiten vielen Senioren große Sorgen. Auch Armutsexperten rechnen damit, dass das Armutsrisiko in den kommenden Monaten steigt. Bild: Zadvornov/Adobe Stock

Die Inflation und die steigenden Energiepreise bereiten vielen Senioren große Sorgen. Auch Armutsexperten rechnen damit, dass das Armutsrisiko in den kommenden Monaten steigt. Bild: Zadvornov/Adobe Stock 311626882

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Sindelfingen. Der gemeinnützige Verein “Nachbarn in Not” hilft mit Spendengeldern seit 1983 Menschen, die durch's soziale Netz gefallen und von Armut getroffen sind. Rund 5 Millionen Spenden hat der Verein seitdem erhalten – und denjenigen zukommen lassen, die die Hilfen benötigen, weil sie durch die Maschen des sozialen Netzes gefallen sind. „Viele Armutsexperten gehen davon aus, dass in nächster Zeit mehr Leute in die Armut rutschen“, sagt Carmen Bühl, stellvertretende Vorsitzende von „Nachbarn in Not im SZ/BZ-Podcast „Willi und Dödel“. Hier ein Auszug:

Das Armutsrisiko steigt

Auch bei uns sind immer mehr Menschen von Armut betroffen sind. Hat der Verein „Nachbarn in Not“ genug Geld auf dem Spendenkonto, um diesen Menschen helfen?

Carmen Bühl: „Im Moment ja. Aber wir gehen davon aus, dass in Zukunft noch mehr Menschen auf Spendengelder angewiesen sind, weil sie durch die Maschen des sozialen Netzes fallen. Viele Armutsexperten prognostizieren, dass in nächster Zeit durch die Inflation und die gestiegenen Energiepreise mehr Leute das Armutsrisiko haben und tatsächlich in Armut rutschen.“

Durch höhere Ausgaben in Nöten

Sie arbeiten im Amt für soziale Dienste in Sindelfingen, also in einem Beruf, in dem man sich um ärmere Menschen kümmert. Wozu braucht es trotzdem noch den Verein „Nachbarn in Not“?

Carmen Bühl: „Weil es immer wieder Situationen gibt, wo die Hilfen, die der Staat leistet, nicht ausreichen. Es gibt auch Menschen, die knapp über der Einkommensgrenze für Wohngeld oder dem Anspruch auf Grundsicherung liegen und die, mit dem was sie haben, wenn sie mit höheren Ausgaben konfrontiert sind, nicht in der Lage sind, diese zu stemmen. Wenn ich an hohe Nebenkostenabrechnungen denke, die spätestens nächstes Frühjahr kommen, dann gibt es viele Menschen, die einfach die Rücklagen nicht haben, um diese bezahlen zu können.“

Und dann springt „Nachbarn in Not“ helfend ein?

Carmen Bühl: „Wir helfen gezielt und nur in begründeten Einzelfällen. Das heißt, wir nehmen zum Beispiel Spendenanträge von Hilfsorganisationen entgegen und lassen jeden einzelnen vom Amt für soziale Dienste prüfen, ob es nicht doch eine Möglichkeit gibt, zum Beispiel beim Job-Center. Wenn nicht, dann spendet der Verein gerne.“

Wir befinden uns in einer der reichsten Regionen in Deutschland. Trotzdem gibt es viele Menschen die arm oder von Armut bedroht sind. Wie kommt das?

Carmen Bühl: „Wir sind einfach damit konfrontiert, dass es nicht alle Leute schaffen, in unserem Leistungssystem mitzuhalten. Zudem gibt es Lebenssituationen, die dazu führen können, dass Menschen von Armut bedroht sind. Zum Beispiel, wenn eine Frau nicht so lange erwerbstätig war, weil sie ihre Kinder erzogen hat, dann ist die Gefahr, im Alter arm zu sein, doch relativ hoch. Senioren sind auch eine Gruppe, die uns im Verein sehr wichtig sind.“

Um Hilfe zu bekommen, müssen sich die Menschen in Sindelfingen ans Amt für soziale Dienste wenden. Fällt dieser Gang nicht unheimlich schwer?

Carmen Bühl: „Das ist ein Thema, das mich schon lange beschäftigt – diese versteckte, verschämte Armut, die daher rührt, dass Menschen ihre Einkommensverhältnisse nicht preisgeben wollen. Es ist auch ein schwerer Schritt für sie, nach Hilfen zu fragen. Da braucht es oft auch Menschen, die den Hilfsbedürftigen dazu ermutigen.“

Gibt es auch Aktionen, mit denen besondere Wünsche erfüllt werden?

Carmen Bühl: „Ja, die gibt es. Zum Beispiel haben wir Fälle, bei denen wir die Rezeptgebühr übernehmen. Oder wir haben Menschen im Sommer das 9-Euro-Ticket gekauft, für die sogar dieser günstige Preis zu hoch war. In der Adventszeit haben wir die Aktion „Weihnachtswunsch“ – hier können Menschen selbst Spendenanträge formulieren. Das sind in der Regel wirklich ganz bescheidene Wünsche, so wie etwa warme Winterbekleidung oder ein Besuch auf dem Weihnachtsmarkt.“

Gibt es ein konkretes Beispiel, von dem Sie uns erzählen können, das zeigt, wo „Nachbarn in Not hilft“?

Carmen Bühl: „Wir hatten eine Spendenanfrage von einer Seniorin, die sich jetzt gar nichts mehr leisten wollte, weil sie für die Nebenkostenabrechnung sparen wollte, obwohl sie eigentlich gar nicht sparen kann, weil sie schon arm ist. Ihr haben wir gesagt, dass der Verein die Rechnung bezahlen wird.“