

Sindelfingen. Ist es möglich, das Thema Suizidgefährdung Jugendlicher unterhaltsam ins Theater zu bringen, um so einer Tabuisierung entgegen zu wirken und notwendige Debatten anzustoßen? Der Jungen Bühne Sindelfingen ist dies unter der Regie von Ingo Sika und mit den Darstellern Emma Rebmann und Bennet Weber gelungen: Das Publikum des Premierenwochenendes im Sindelfinger Theaterkeller zeigte sich begeistert.
„Ich war zunächst skeptisch“, gibt Margit Wagner zu. Die Vorsitzende vom „Arbeitskreis Leben Böblingen – Hilfe in Lebenskrisen und bei Selbsttötungsgefahr“ hatte sich von Ingo Sikas Idee, mit dem Theaterstück „Norway.Today“ des Schweizers Igor Bauersima ein Kernthema ihres Vereins auf die Bühne zu bringen, überzeugen lassen: Der Arbeitskreis kooperiert mit der Jungen Bühne Sindelfingen bei der Präsentation des Stücks an zwei Schulen – die Vorbereitung übernimmt dabei Margit Wagner, die schon zahlreiche Vorträge zum Thema gehalten hat, die Nachbereitung übernehmen Lehrkräfte.
Für diese Kooperation bekam die Junge Bühne 2000 Euro von der „Stiftung Kulturelle Jugendarbeit“ des Landes. Als sich Margit Wagner „Norway.Today“ bei der dritten Aufführung im Sindelfinger Theaterkeller anschaut, verpufft die verbliebene Restskepsis: „Ich bin begeistert“, so Margit Wagner: „Ich hätte nicht gedacht, dass man dieses Thema so unterhaltsam und sogar witzig präsentieren kann.“ Die Inszenierung könne dazu beitragen, wichtige Debatten anzustoßen.
Mit ihrem Eindruck ist Margit Wagner nicht allein: „Wir hatten eine super Premiere“, erzählt Ingo Sika: „Die Leute hatten einen Riesenspaß und haben viel gelacht.“ Mit rund 60 Besuchern bei der Premiere am Freitag, und jeweils gut 30 Zuschauern bei den Aufführungen am Samstag und Sonntag, gebe es beim Kartenverkauf allerdings noch Luft nach oben.
Zwei Faktoren sorgen dafür, dass diese Produktion das selbst gesteckte Ziel, suizidale Gedanken einmal aus einem anderen Blickwinkel zu präsentieren, so gut gelingt: eine präzise Inszenierung, die unter anderem zu einem vielschichtigen Diskurs nicht nur über mentale Zustände junger Menschen, sondern ganz entschieden auch über den Gesprächsraum Internet und dessen Gefahren einlädt.
Der zweite Faktor sind bockstarke und hoch konzentrierte Darsteller: Wie Emma Rebmann den aggressiven, zynischen, herzenskalt anmutenden Nihilismus ihrer Julie und Bennet Weber die introvertierte Unsicherheit seines August auf die Bühne bringen, macht Riesenlaune. Und wie die Figuren im Lauf der knapp zwei Stunden Spieldauer einander annähern und dabei lernen, wie echtes Gespräch jenseits des virtuellen Imponiergehabes im Internet gelingen kann, rührt das Herz.
Wichtig: Anders als bei der realen Vorlage für das Stück aus dem Jahr 2000, als sich eine Österreicherin und ein Norweger in einem Internet-Chatroom zum Sprung in den Tod von einer Klippe verabredeten, kommt in „Norway.Today“ niemand ums Leben. „Das ist ganz entscheidend“ sagt Margit Wagner: „Ein Stück, in dem sich die Figuren tatsächlich umbringen, hätte ich niemals unterstützt.“ Den Werther-Effekt gebe es nämlich wirklich, betont Margit Wagner: Auch bei fiktionalen Darstellungen von Selbsttötungen bestehe immer die Gefahr der Nachahmung.
Ob Julie und August tatsächlich an mentalen Erkrankungen leiden, oder nur Opfer dieser für Interaktionen über das Internet typischen Gesprächsschleifen werden, die in pompösem und eitlem Habitus nirgendwo hin führen, aber gerade deswegen so toxisch und destruktiv wirken: Dies lässt „Norway.Today“ letztlich offen.
Und das ist die große Stärke von Stück und Inszenierung: Ginge es tatsächlich um die tödliche Gefahr von Depressionen und anderen mentalen Erkrankungen, wäre eine Auflösung des Konflikts, wie sie hier präsentiert wird, kontraproduktiv. Wer aufgrund einer psychischen Erkrankung suizidale Neigungen entwickelt, braucht professionelle Hilfe und Therapie: Romantische Gefühle heilen eine Depression genau so wenig wie Ratschläge der Sorte „reiß dich mal zusammen“ oder „geh doch mal wieder unter Leute“.
Aber um psychische Erkrankungen auf individueller Ebene geht es gar nicht. „Norway.Today“ tritt vielmehr einen Schritt zurück und wirft den Blick auf toxische und destruktive Mechanismen, die schon problematisch sind, bevor irgendjemand ernsthaft erkrankt. Die Suche nach Echtheit und Authentizität in einem nach Regeln der Aufmerksamkeitsökonomie gestalteten virtuellen Raum kann nur schief gehen: Genau dies führen August und Julie in so aberwitzigen wie rasend komischen Dialogen vor. Nicht zuletzt handelt es sich bei „Norway.Today“ um einen leidenschaftliches Plädoyer dafür, auch im virtuellen Raum achtsam miteinander umzugehen. August und Julie gelingt dies nicht: Erst jenseits des Internets gelingen Rücksichtnahme und Empathie.
Dass die Gesellschaft es besser machen muss als Julie und August, ist die implizite Botschaft: Nicht jeder kann schließlich nach Norwegen fahren und von einer Klippe in den Abgrund schauen, um sich das destruktive Potenzial scheiternder Internet-Kommunikation klar zu machen.
Weitere Aufführungen von „Norway.Today“ in der Inszenierung der Jungen Bühne Sindelfingen am 25., 26., 27., 28. und 29. Mai sowie am 3. Juni. Weitere Informationen gibt es hier.




