

Böblingen/Sindelfingen. 45 Menschen. Diese Zahl steht für 45 Leben, die im vergangenen Jahr im Landkreis Böblingen durch Suizid endeten. Nach Angaben des Arbeitskreises Leben (AKL) Böblingen waren darunter 26 Männer und 19 Frauen. Bundesweit starben 2024 insgesamt 10.372 Menschen durch Suizid – mehr als durch Verkehrsunfälle, Gewaltverbrechen, illegale Drogen und AIDS zusammen.
Am Welttag der Suizidprävention am Donnerstag, 10. September, will der AKL in der Planiestraße in Sindelfingen deshalb nicht nur über Zahlen informieren. Die Ehrenamtlichen wollen vor allem dafür sensibilisieren, Warnsignale wahrzunehmen und Menschen in einer Krise anzusprechen. Geplant ist unter anderem eine T-Shirt-Aktion.
Denn eine suizidale Krise kommt häufig nicht völlig überraschend. Suizidalität entstehe in der Regel nicht plötzlich, sagt der AKL. Oft gehe eine längere Phase des Leidens voraus. Menschen ziehen sich zurück, verändern ihr Verhalten deutlich oder äußern direkt oder indirekt Gedanken über den Tod oder Suizid.
Besonders gefährdet sind nach Angaben des Vereins Menschen mit psychischen Erkrankungen oder früheren Suizidversuchen. Auch ältere und einsame Menschen mit schweren Erkrankungen sowie junge Erwachsene in Lebens- oder Beziehungskrisen können einem erhöhten Risiko ausgesetzt sein.
Für Angehörige und Freunde stellt sich dabei häufig die schwierige Frage: Was soll ich tun, wenn ich den Eindruck habe, dass jemand nicht mehr weiterweiß?
Die Antwort des AKL ist eindeutig: das Gespräch suchen.
Die Sorge, einen Menschen durch die direkte Frage nach Suizidgedanken überhaupt erst auf die Idee zu bringen, sei unbegründet. Nach Angaben des Vereins erhöht das Ansprechen solcher Gedanken das Suizidrisiko nicht. Im Gegenteil: Wer Veränderungen bemerkt, sollte sie ernst nehmen und dem Betroffenen signalisieren, dass er nicht allein bleiben muss. "Das Wissen um die Möglichkeit sich Hilfe zu holen hilft über so manche schlimme Nacht. Das íst meine erlebte Erfahrung", sagt Dietmar Froeberg-Suberg, Mitglied beim AKL Böblingen.
Die Ehrenamtlichen begleiten Menschen in Krisen über einen längeren Zeitraum und bieten auch Angehörigen Unterstützung. Rund 80 Anrufe gehen nach Angaben des Vereins jährlich ein. Darunter sind Menschen in akuten Krisen, aber auch Schulen und andere Einrichtungen, die Präventionsangebote anfragen.
1953 – England:
Pfarrer Chad Varah schaltet in der „Times“ eine Anzeige: „Bevor Sie Selbstmord begehen, rufen Sie mich an.“ Daraus entsteht die Bewegung der Samaritans. Aus dieser Idee entwickelt sich in Deutschland die Telefonseelsorge. In den 1970er-Jahren wird allerdings deutlich: Für Menschen in suizidalen Krisen reicht ein einmaliges Gespräch häufig nicht aus.
1976 – Tübingen:
Das Konzept der Arbeitskreise Leben entsteht. Menschen in Krisen sollen über längere Zeit begleitet werden.
1986 – Böblingen:
Auch im Landkreis entsteht ein Arbeitskreis Leben.
Der AKL Böblingen arbeitet dabei anders als eine reine Telefonberatung. Wer sich an den Arbeitskreis wendet, bekommt eine feste Begleiterin oder einen festen Begleiter. Vertrauen soll dadurch über einen längeren Zeitraum wachsen können.
Die Gespräche müssen dabei nicht in einem Beratungsraum stattfinden. Manche Menschen reden leichter, wenn sie unterwegs sind. Dann geht es gemeinsam zu Fuß durch den Wald oder rund um die Böblinger Seen.
„Ich lasse die Leute erst einmal reden“, schilderte die AKL-Vorsitzende Margit Wagner bereits bei einem früheren Gespräch. Ratschläge stünden nicht im Vordergrund. Vielmehr gehe es darum, gemeinsam nach Möglichkeiten zu suchen und Hoffnung zu vermitteln.
„Manchmal muss man stellvertretend hoffen, bis jemand selbst wieder Hoffnung spürt.“
Derzeit engagieren sich beim AKL etwa zehn aktive Begleiterinnen und Begleiter. Viele sind bereits im Ruhestand oder kurz davor. Die Arbeit erfordert Zeit und eine intensive Vorbereitung. Neue Ehrenamtliche werden in Gesprächsführung, Suizidalität und Krisenbewältigung geschult und begleiten zunächst über mehrere Monate die Gruppentreffen und Supervisionen, bevor sie eigene Klienten übernehmen.
Der Arbeitskreis Leben Böblingen bietet seine Unterstützung kostenlos an. Hilfe können sich nicht nur Menschen in einer persönlichen Krise holen, sondern auch Angehörige und Hinterbliebene. "Nienmand kommt ohne Krise und ungeschoren durchs Leben. Wir sind da, um Menschen durch diese Krisen zu begleiten", sagt Dietmar Froeberg-Suberg.
Ein großes Anliegen der Ehrenamtlichen ist die Prävention. „Das Thema Suizid muss früher zum Gesprächsthema werden“, sagt Margit Wagner. Viele Menschen sprächen erst darüber, wenn sie bereits tief in einer Krise steckten. Als Lehrerin hat sie das Thema jahrelang im Unterricht behandelt. Wichtig sei frühzeitig zu zeigen, dass Hilfe existiert. Ein Schritt in diese Richtung ist der Informationstag am 10. September.
Der Arbeitskreis Leben Böblingen ist unter 07031 3049259 sowie per E-Mail unter akl-boeblingen@ak-leben.de erreichbar. Weitere Informationen gibt es auf www.akl-boeblingen.de.
In einer akuten Notlage sollte der Notruf 112 gewählt werden. Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr unter 0800 1110111, 0800 1110222 oder 116 123 erreichbar.




