

Es ist wie eigentlich jedes Jahr. Und doch etwas besonderes. „Großer Jubiläums-Fasnetsumzug“ haben die Aidbachhexen ihren Umzug durch den Flecken hinauf zur Sonnenberghalle angekündigt. Die Aidlinger Zunft wird 22 und es ist der 22. Umzug – ein Jubiläum nach Narrenarithmetik. „Narren sind halt ein besonderes Volk“, sagt Frank Bechtle. Er rangiert im Programm ganz offiziell auf Umzugsplatz 1 als Teil der Narrenzunft Blau-Silber. Narrenruf: TaTüü-TaTa.
„Die sehen uns als Bestandteil ihres Umzugs“, sagt Frank Bechtle, der selbst das etwas anders sieht. Frank Bechtle, Leiter des Maichinger Polizeipostens spielt nicht sondern ist heute Einsatzleiter des Polizeireviers Sindelfingen bei diesem Jubiläumsumzug. Mit 4 Fahrzeugen und 10 Beamten ist das Revier vor Ort. Zudem ist Aidlingens Ordnungsamtsleiter Timo Koch dabei.
„In der Regel friedlich“
Blauer Himmel, einige Plusgrade und Sonnenschein, die Bedingungen sind aus Narensicht traumhaft. Frank Bechtle blickt dem Ganzen entspannt entgegen, auch wenn es vor einer Woche beim Ehninger Umzug zu Schlägereien kam: „In der Regel geht es bei den gesamten Fasnetsumzügen friedlich zu.“ Und während für Ordnungsamtsleiter Timo Koch heute seine Umzugspremiere ansteht, zählt der Einsatzleiter zu den Veteranen. Mit nur einer Unterbrechung von 2 Jahren hat er seit 2005 alle Umzüge begleitet.
Nach der Einsatzbesprechung geht’s kurz nach 12 Uhr erst zu einem der Essens-Stände entlang der Hauptstraße. Dort sammeln sich auch viele Narren. Den Kollegen von der Narrenzunft Blau-Silber zeigt man gern die Trophäen. „Ich bin über’m Einsaztleiter“, jubelt Dunja Queller. Nach polizeilicher Belehrung hat sie den Wert ihres vor Jahren von einem Polizisten erbeuteten Schulterstück-Rangabzeichens verstanden. Das Stück hat sie sich ans Häs der Aidlenger Stoadeifl geheftet. Bei Bechtles Trupp gibt’s heute nichts zu holen. Anordung von oben: Im Umzugs-Einsatz werden weder Rangabzeichen noch Polizeimützen getragen.
Alles im grünen Bereich
Mit Konrad Schmid am Steuer des Polizei-Vans, polizeinterne Bezeichnung „Halbgruppenfahrzeug“, geht es auf eine erste Runde um die Einhaltung verhängter Parkverbote, Umleitungsbeschilderung und den Beginn der Straßensperren zu kontrollieren. Oben auf dem Sonnenberg, wo auf der halben Feldbergstraße ein Parkverbot verhängt wurde, ist alles im grünen Bereich.
5 Minuten später parkt Konrad Schmid den Wagen im Tal bei der DRK-Zentrale. Die Umzugspolizei macht hier Stippvisite, um die gegenseitige Erreichbarkeit zu sichern. Man tauscht Handy-Nummern aus. Zwar haben das Rote Kreuz wie auch die Polizei Digitalfunk, aber anders als zu früheren analogen Funkzeiten klappt die Kommunikation über die Digitalfunktechnik zwischen beiden noch nicht.
Um 12.30 Uhr starten die Straßensperrungen. Am Ortseingang aus Richtung Deufringen kommend lässt Frank Bechtle zwei Hästräger die Sperren aufstellen, die sich am Orndungsdienst beteiligen.
Keine Stunde mehr bis zum Umzugsstart, über Bechtles Funk meldet sich der Kollege mit auffälliger Person: „Einer hat Silvesterfeuerwerk dabei und Knaller.“ „Das hat da nix zu suchen“, gibt der Einsatzleiter über Funk Anweisung: Personalien feststellen, Feuerwerk abnehmen und rein damit ins Fahrzeug. Keine Minute später die Funkanwort. „Da gibt’s eine Sondergenehmigung“, heißt es aus dem Funkgerät: Beim Feuerwerk handelt sich’s um die Rakete zum Starten des Umzugs.
Nochmal hoch zur Feldbergstraße, ein Klingenbachgoischt der Grötzinger Narrenzunft bittet mit Winkzeichen um Polizeistopp. „Händ ihr e Überbrückungskabel?“, fragt die Frau, in deren Zunft ein Umzugswagen streikt. Die Polizei könnte mit Maschinenpistolen dienen. Überbrückungskabel fehlen im Angebot.
Parkplatz und Schleichweg
2018 sprach die Polizei 20 Verwarnungen aus wegen Falschparkens, mehrere Autos wurden abgeschleppt. „Die Hinterhagstraße ist gewöhnlich chaotisch“, gibt Frank Bechtle einen nächsten Kontrollpunkt vor. Die schmale Straße liegt oberhalb des Aufstellungsbereichs, wird wegen ihrer Zentrumsnähe gern als Parkplatz und von Ortskundigen als Schleichweg genutzt. Konrad Schmid muss zwar ein paarmal bei der Durchfahrt stoppen und Gegenverkehr abwarten, aber die Straße bleibt dieses Jahr passierbar. Der Polizeivan fährt weiter, über einen Schlenker zur Blau-Silber Startposition am Rathausplatz.
Pünktlich um 13.29 startet die Rakete und verkündet mit lautem Knall den Umzugsstart. Aber der Umzugstross lässt keine Bewegung erkennen. „Das ist jedes Jahr dasselbe“, erzählt Frank Bechtle. Irgendwann hat sich der Start im Narrenvolk wohl rumgesprochen, die Aidbergdeifl gehen zum Start, der Polizeivan biegt um 13.34 Uhr ein zur Besetzung der Umzugsspitze. Im Schritt-Tempo und kurzen Stopps fährt Konrad Schmid durchs Zuschauerspalier. Narrenzunft Blau-Silber lässt ab und an via Martinshorn ihren Schlachtruf erschallen, hält zwischendurch, um Bekannte zu begrüßen. Winken vom Straßenrand, zurückwinken vom Polizeiwagen.
Vom Kopf an den Schwanz
Im Kriechgang geht’s ungefährdet das Steilstück Furtholz hoch. Um 13.51 hat der Polizeiwagen das Streckende oben auf dem Berg an der Sonnenberghalle erreicht, fährt weiter bergab zum Ortseingang und nimmt wieder Position ein am Rathausplatz. Nun beginnt das lange Warten bis zur nächsten Polizei-Rolle im Umzug: Als Schlusslicht hinter Nr. 76 den Umzugsabschluss bilden. Während der Wartezeit schauen Hexen vorbei, sagen Hallo, ein ganz wilder Hästräger steckt den Beamten eingeschweißte Mini-Wildschweinbratwürste zu.
Um 14.55 Uhr macht Frank Bechtle die Durchsage: „Die letzte Gruppe geht auf die Bahn. Wir bilden das Schlussfahrzeug.“ Nach eineinhalb Stunden Umzug haben sich Zuschauer und Narren nun merklich warmgefeiert. Immer wieder drängen sich einzelne an den Polizeiwagen. „Sehen wir uns nachher oben?“, will einer sich zur Party in der Sonnenberghalle verabreden und lobt: „Ihr habt die beste Verkleidung.“ Ein anderer macht Anstalten, ans Fahrzeug zu urinieren. „Kerle, lass dei Hos’ obe“, wehrt Frank Bechtle den Jungen ab.
Kondome und weißer Italiener
„Wir haben unser Pulver scho’ verschosse“, erwehrt er sich danach des Angebots zur Schenkung einer Packung Kondome. „I weiß, ihr dürfet nix annehme“, zeigt sich der Schenker einsichtig. Und irgendwann machen Zuschauer die Polizisten darauf aufmerksam: Ihr habt auf dem Dach eine Packung Weißwein stehen. Das angebrochene Tetrapack reichen Passanten rein. Der Einsatzleiter wird vergeblich bis zum Umzugsende versuchen, den weißen Italiener weiterzuschenken. Oben auf dem Sonnenberg kommt der härteste Angriff. „Ich wollt schon immer einen Polizisten knutschen“, drückt sich eine Hästrägerin durchs Seitenfenster und schmatzt Fahrer Konrad Schmid ab.
Am Ende bleibt der Umzug Schlägerfrei, 5 kleinere medizinische Notfälle entlang der Strecke meldet das DRK. „Kleinigkeiten“, sagt Frank Bechtle, der hier seinen entspanntesten aller Aidlinger Umzüge erlebt hat: „So wenig wie dieses Jahr hatten wir noch nie.“



