

Knapp 30.000 Erwachsene allein im Landkreis Böblingen können nicht ausreichend lesen und schreiben, über 6 Millionen erwerbstätige Menschen sind es in ganz Deutschland. Einen Einkaufszettel oder eine Notiz für die Kinder schreiben, die Zeitung lesen oder einen Antrag ausfüllen wird so zu einer kaum zu überwindenden Hürde. Das „Alfa-Mobil“ des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung aus Münster kommt mit Informationen nach Böblingen und zeigt Hilfsangebote auf.
Die Informationsveranstaltung ist in Kooperation des Bürger- und Mehrgenerationenhauses Treff am See mit dem Bundesverband für Grundbildung Münster und dem Böblinger Jobcenter entstanden.
Interessierte sind eingeladen, das „Alfa-Mobil“ zu besuchen, sich zu informieren oder Informationen zur Weitergabe am Arbeitsplatz oder bei Bekannten mitzunehmen. Denn Lesen und Schreiben zu können, ist ein Gewinn. Es ermöglicht Selbstständigkeit und Teilhabe am öffentlichen Leben. Ein ehemaliger Betroffener drückt das so aus: „Früher war alles schwarz-weiß, heute ist es bunt.“
Anlass des Besuchs ist die Nationale Dekade für Grundbildung und Alphabetisierung, die noch bis 2026 geht. Für Baden-Württemberg ist seit Februar 2019 der Sänger und Songwriter der Gruppe „Pur“, Hartmut Engler, Botschafter für dieses Thema. Er sagt: „Stell’ Dich nie blind, taub und dumm, stell‘ Dich, wenn es sein muss, um – das singe ich und das meine ich auch so“.
Hintergrundinformationen:
Am Alfa-Mobil informieren die Mitarbeiter des BVAG im Rahmen der Kampagne „Besser lesen und schreiben macht stolz“ bundesweit zum Thema Analphabetismus in Deutschland. Betroffene sollen sowohl direkt als auch indirekt über eine breite Öffentlichkeit angesprochen werden. Das Projekt wird gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung.
Funktionaler Analphabetismus in Deutschland
6,2 Millionen Menschen oder 12,1 Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung können nur unzureichend richtig lesen und schreiben oftmals nur einzelne, einfache Sätze. Man nennt das funktionalen Analphabetismus. Über 60 Prozent der funktionalen Analphabeten sind in Arbeit, etwa als Hilfsarbeiter auf dem Bau, in der Reinigung und Gastronomie, im Transport, als Hauswarte oder als Köche und Küchenhilfen.
Mehr als 60 Prozent aller Betroffenen besitzen keinen oder nur einen niedrigen Schulabschluss. Knapp 60 Prozent aller funktionalen Analphabeten sind Männer, gut 40 Prozent Frauen. Etwa 1/3 aller funktionalen Analphabeten sind derzeit zwischen 50 und 64 Jahre alt. 18 Prozent aller Schüler können am Ende der 4. Grundschulklasse einen Text nicht sinnhaft verstehen.
Häufige Ursachen sind Motivationsverlust durch seelische Belastungen, Überforderung in der Schule oder starke Strafen bei Schulversagen; fehlende Vorbildfunktion der Eltern; das Verlernen von Lesen und Schreiben durch mangelnde Übung.
Zu erkennen sind funktionale Analphabeten zum Beispiel daran, dass sie auf schriftliche Aufforderungen nicht reagieren, Sicherheitshinweise nicht berücksichtigen, schriftliche Unterlagen nicht einreichen, Formblätter nicht ausfüllen und Beförderungen ausschlagen. Dann fallen häufig Sätze wie „Ich habe meine Brille vergessen, … meinen Arm gebrochen, … ach lesen Sie mir das doch kurz vor“.
Was man tun kann
Hilfe gibt es, wo Menschen angesprochen werden und Angebote annehmen: vom Arbeitgeber, auf dem Arbeits- oder Gesundheitsamt, von der Familie, Arbeitskollegen oder Freund. Ansprache ist wichtig, direkt oder über eine Vertrauensperson.
Angebote machen unter anderem die örtlichen Volkshochschulen. Die VHS Böblingen/Sindelfingen bietet derzeit etwa 10 Alphakurse. Anmeldungen in Böblingen in der Pestalozzistraße 4 (Im Höfle), Telefonnummer 07031 / 64 00 0. Der Treff am See stellt für Angebote gern seine Räume zur Verfügung.
Infos im Netz: www.mein-schlüssel-zur-Welt.de/de/kampagnenmaterial-1707




