

Weil der Stadt. Es ist ein Thema, über das selten gesprochen wird – und das an diesem Abend trotzdem volle Reihen ins Klösterle zog: Beim diesjährigen Forum Zukunft des Lions Club Johannes Kepler ging es um Einsamkeit. Trotz hochsommerlicher Temperaturen war der Zuschauerraum bis zum letzten Platz gefüllt; die dicken Mauern des historischen Gebäudes hielten die Hitze draußen, während drinnen ein Thema verhandelt wurde, das viele beschäftigt, aber wenige aussprechen.
Auffallend war die Altersspanne im Publikum: Vom Schulalter über die Lebensmitte bis ins hohe Alter waren alle Generationen vertreten – ein Beleg dafür, dass der Veranstaltungstitel „Einsamkeit kennt kein Alter“ keine Floskel war, sondern die gelebte Realität im Saal widerspiegelte. Die Veranstaltung fiel zudem zeitlich mit der bundesweiten Aktionswoche gegen Einsamkeit zusammen, die das Bundesfamilienministerium ausgerufen hat – ein Zeichen, dass das Thema auch auf politischer Ebene zunehmend Gewicht bekommt.
„Einsamkeit kann überall und jeden treffen – jeder sechste Mensch in Deutschland fühlt sich einsam“, sagte Amin Khalsi, Präsident des Lions Club Johannes Kepler, in seiner Begrüßung. Auch Weil der Stadts Erster Beigeordneter Jürgen Katz machte deutlich, dass es sich keineswegs um ein Randthema handelt: Einsamkeit sei mitten in der Gesellschaft angekommen – und es brauche Menschen, die in der Stadtgesellschaft genau hinschauen und handeln.
Besonders eindringlich wurde es, als Michael Fritz, Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse Böblingen und Hauptsponsor des Abends, einen Fall aus der Region schilderte: In einer Kreisgemeinde war die Hauswand eines bewohnten Hauses eingestürzt – erst dabei wurde bekannt, dass dort überhaupt jemand lebte. Ein Satz, der im Saal lange nachwirkte.
Moderator Peter Gorges, Stuttgart, erinnerte daran, dass in England bereits 2018 ein eigenes Ministerium gegen Einsamkeit gegründet wurde. Für seine Zusage zur Moderation dieses Abends habe er, wie er selbst sagte, keine fünf Sekunden überlegen müssen.
Auf dem Podium näherten sich vier Stimmen dem Thema aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln. Dr. Georg Hardecker, Pfarrer und Seelsorger der Würmtalgemeinde Merklingen, machte deutlich, dass Einsamkeit durchaus zwei Seiten hat: Es gebe das positive „Mit-sich-eins-Sein“ – aber auch die schmerzhafte Seite, wenn ein Gegenüber fehlt und sich dieses Fehlen wie ein Sog ausbreitet.
Dr. med. Iris Klapproth, Psychotherapeutin und Psychoonkologin aus Esslingen, unterstrich, dass Menschen soziale Wesen seien, die gesehen und verstanden werden wollen – und dass selbst eine einfache, verständnisvolle Berührung oder ein gehaltener Blick elementar wichtig sein kann.
Einen Generationenwechsel in der Diskussion brachte Aaron Ludwig, Vorsitzender des Jugendbeirats Weil der Stadt, ein: Künstliche Intelligenz und soziale Medien griffen zunehmend in den Alltag junger Menschen ein, Bindungen würden oberflächlicher. Allein sein – selbst inmitten anderer Menschen – könne zusammen mit weiteren Problemfaktoren in eine regelrechte Abwärtsspirale führen.
Bernd Müller, Psychologe bei der TelefonSeelsorge „Ruf und Rat“ Stuttgart, ergänzte aus seiner täglichen Praxis: Einsamkeit werde umso schmerzlicher empfunden, je weiter der Wunsch nach Kontakt und die tatsächliche Ausgrenzung in der Gesellschaft auseinanderklaffen.
In der anschließenden Podiumsdiskussion wurde schnell klar: Einsamkeit zu überwinden braucht beides – eine Offenheit der Gesellschaft und ihrer Gruppen, aber auch den Mut des Einzelnen, neue Kreise anzusprechen. Das Kommunikationsverhalten selbst entscheidet oft darüber, ob jemand ankommt und angenommen wird; es kostet Überwindung, mit Menschen zu sprechen, die man noch nicht lange kennt.
Erkennen lässt sich Einsamkeit dabei oft nur schwer – das Thema ist vor allem in der männlichen Welt stark tabuisiert. Kaum jemand sagt von sich aus: Ich bin einsam. Als mögliche Gegenmaßnahmen nannte die Runde Nachbarschaftspflege, Krankenvereine, Nachbarschaftsfeste und schlicht ehrliches Interesse am Gegenüber. In manchen Läden, Kneipen und Vereinen gebe es charismatische Persönlichkeiten, die den ersten Kontakt ermöglichen – solche Orte machten einen großen Teil der Lebensqualität einer Gemeinde aus.
Die Runde diskutierte auch, warum nicht auch Kommunen aktiver werden könnten: durch gezielte Einladungen und direkte Ansprache. Den Rahmen könne die Stadt bereitstellen – das eigentliche Tun müsse aber von den Bewohnern kommen. Manchmal brauche es dafür einen unkonventionellen Ansatz, der überrascht. Ein Gedanke aus dem Publikum brachte es am Ende auf den Punkt: Vielleicht solle man nicht immer nur im eigenen Innenleben nach Problemen suchen, sondern öfter nach außen schauen.
Der Lions-Club Johannes Kepler engagiert sich seit dem Jahr 2003 im Raum Sindelfingen und Weil der Stadt mit vielfältigen Aktionen. Das kommende große Event ist die Spendenaktion „Pfand drauf“ bei den Sommerkonzerten auf dem Sindelfinger Marktplatz. Homepage www.lcjk.de/forum-zukunft



