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Gedanken über uns

Zu allem in der Lage?

Pfarrer Thomas Baumgärtner

Pfarrer Thomas Baumgärtner

Zu was Menschen alles in der Lage sind, wird uns täglich in den Medien vor Augen geführt. Gewalt, Aggression, Kriege und Terror – das Böse zeichnet seine Spuren in diese Welt. Reflexartig verurteilen wir solche Handlungs- und Gesinnungsweisen und doch wissen wir, dass auch wir kein unbeschriebenes weißes Blatt Papier sind. In jedem Menschen lauert der Abgrund des Bösen, ob wir das wollen oder nicht. Deshalb sollten wir uns als Christinnen und Christen nicht über andere Menschen moralisch erheben. Noch weniger steht das den Kirchen zu!

Der Wiener Theologe Ulrich Körtner sagte bei einer Tagung über das Thema: „Die Kirchen und der Populismus“: „Sie (die Kirchen) sollten das Gespräch mit den Menschen suchen, und zwar nicht etwa nur, um ihnen in der Manier von Besserwissern ihre vermeintlich völlig unbegründeten Ängste auszureden, sondern um ihnen auf Augenhöhe zuzuhören“.

Auf Augenhöhe einander zuzuhören ist nicht leicht, weil es das eigene Schubladendenken in Gut und Böse, in Schwarz und Weiß infrage stellt. Ich nehme auch bei mir immer wieder wahr, wie schnell ich in dieses Schubladendenken rutsche. Und wie weit schiebe ich meine eigenen Aggressionen und Wutgedanken von mir. Aber dünn ist doch die Grenze zum eigenen Abgrund, zum Bösen. Mich hat in diesem Zusammenhang ein Gedankenexperiment sehr nachdenklich gestimmt. Veröffentlicht hat es die Publizistin Ida Görres erstmals im Jahre 1964. Es soll der ehrlichen Gewissenserforschung dienen.

Und so sieht dieses Gedankenexperiment aus:

Stellen Sie sich vor, Sie haben einen kleinen Knopf. Wenn Sie darauf drücken und sich dabei auf einen Menschen konzentrieren, so verschwindet dieser spurlos, wie ausgeblasen.

Er geht von einer Sekunde auf die andere, ohne Schrei, ohne Schmerz.

Dieser Mitmensch hat einfach aufgehört zu existieren.

Und selbstverständlich gäbe es nicht die geringste Möglichkeit, Sie als Verursacher der Tötung jemals festzustellen und einer Strafe zuzuführen. Und nun kommt die entscheidende Frage in diesem Gewissensexperiment. Wenn es solch einen Knopf gäbe, hätten Sie dann auch schon mal davon Gebrauch gemacht?

Dieses Gedankenexperiment zwingt jede und jeden von uns, das eigene Gewissen ehrlich zu prüfen. Welche Hemmschwelle hielte mich davon ab, diesen Knopf zu betätigen? Wie oft haben Sie schon gedacht: „Am liebsten würde ich diesen Mitmenschen auf den Mond schießen!“

Und wem ist es im Streit nicht auch schon mal rausgerutscht: „Du bist für mich gestorben!“ Was staut sich in einem Leben im Laufe der Zeit nicht alles an. Verborgener Hass als Kehrseite unerwiderter Liebe,

Abneigung, verweigerte Anerkennung, verletztes Selbstwertgefühl, Vergeltungsfantasien und noch vieles mehr in den Abgründen unserer Seele. Ganz schnell kann diese Grenze zum Abgründigen in einem selbst überschritten werden, vielleicht auch nur in Gedanken.

Wie immer Sie dieses Gedankenexperiment bewerten möchten, es lädt ein, barmherziger, nachsichtiger und ehrlicher mit sich und den Mitmenschen umzugehen. Denn wer selbst um seine Abgründe und dunklen Stellen weiß, wird sich nicht mehr über andere Menschen oder Meinungen erheben, sondern täglich die Vergebung Gottes als Geschenk annehmen und das Leben aus dieser Haltung heraus gestalten und sich daran freuen.