

Sindelfingen. Das Stadtmuseum befasst sich von September 2019 bis Mai 2025 unter dem Titel „Vor 80 Jahren – Sindelfingen im Krieg“ mit der Zeit des Zweiten Weltkriegs und wie sich damals die Situation für die Menschen vor Ort darstellte. Dazu wird monatlich ein Objekt oder Thema in den Mittelpunkt gestellt, das vor 80 Jahren relevant war und auf das analog im Stadtmuseum Bezug genommen wird.
So entsteht eine Reihe mit 69 Beiträgen, die monatliche Blitzlichter auf die Zeit von September 1939 bis Mai 1945 wirft und das damalige Geschehen auf lokaler Ebene lebendig werden lässt. Die Objektauswahl erfolgt anhand der Sammlungsbestände von Archiv und Museum. Darüber hinaus werden auch Erinnerungsorte einbezogen und, begleitend zum Projekt, Gespräche mit Zeitzeugen geführt und aufgezeichnet.
Thema im Monat Dezember 2021: „Russische Birkenrinde zu Weihnachten“ von Illja Widmann, Leiterin des Stadtmuseums. Die zugehörige Vitrine im Sindelfinger Stadtmuseum ist seit dem 21. Dezember dem Publikum zugänglich. Die Texte sind auch auf der städtischen Homepage nachzulesen.
„Vor Moskau 1941 - Herzlichen Weihnachtsgruss von der Ostfront sendet Papa“. Diese Weihnachtskarte, geschrieben auf einem Stück Birkenrinde erhielt eine unbekannte Sindelfinger Familie zum Weihnachtsfest 1941. Die Birke ist ein weit verbreiteter Baum in Russland, der vielfältig genutzt werden konnte. Schon in früher Zeit wurde die Rinde als Beschreibstoff verwendet, und bereits im Ersten Weltkrieg wurden Postkarten aus Birkenrinde verschickt.
Im Dezember 1941 mussten auch die Menschen in Sindelfingen nun schon das dritte Kriegsweihnachten begehen. Sie sorgten sich um ihre Angehörigen in fernen Ländern und bemühten sich, ihnen Päckchen und Briefe zukommen zu lassen. Auch die Alterskameradinnen des Jahrgangs 1901 waren fleißig. So wurden am 10. November „Lebkuchen u. Himbeerbrötchen gebacken“, die dann zusammen mit Schnaps, Bonbons, 14 Paar Landjägern, Zigaretten, Rasierklingen, Papier und Feldpostschachteln in elf Feldpostpäckchen verschickt wurden.
Aufrufe an der "Heimatfront"
An der „Heimatfront“ gab es vielfältige Sammlungen, wie unter anderem Aufrufe in der NS-Kreiszeitung vom 27. Dezember 1941 zeigen: „Niemand darf zurückstehen; denn dieser Kampf, der uns aufgezwungen wurde, muß auch von der Heimat geführt werden. Wir haben in unserer Haltung genauso soldatisch wie die Wehrmacht zu sein.“
Im Dezember 1941 stand die Wehrmacht vor den Toren von Moskau. Die Siegesgewissheit der Soldaten vor Ort war jedoch der bitteren Realität des russischen Winters gewichen. Es gab Transport- und Nachschubprobleme. So fehlten nicht nur Waffen und Munition, sondern auch warme Kleidung und Nahrungsmittel. Der Feldzug begann am 22. Juni 1941 mit dem Überfall auf die Sowjetunion. Ziel war ein Vernichtungskrieg gegen den „jüdischen Bolschewismus“. So sollte neuer „Lebensraum“ erobert und neue Gebiete ausgebeutet werden. Das Vordringen der deutschen Truppen in den Osten wurde von schlimmsten Verbrechen der „Einsatzgruppen“ begleitet. Es kam zu Pogromen an der jüdischen Bevölkerung, an Sinti und Roma, Ermordungen von Kriegsgefangenen und Kommunisten.
Aufrufe von Goebbels und Hitler
Die schlechte Versorgungslage der deutschen Soldaten im Osten zeigte sich deutlich im Aufruf von Goebbels am 21. Dezember: „Gebt Winterkleidung für unsere Soldaten!... Als Geschenk aller deutschen Volksgenossen an die Front…“. Der Aufruf wurde ergänzt von einem „Geleitwort des Führers“: „Deutsches Volk!... Während…die deutsche Heimat vom Feinde unbedroht ist, stehen Millionen unserer Soldaten…gegen einen zahlen- und materialmäßig weit überlegenen Feind an der Front.“
Tatsächlich stand es schlecht um die deutschen Truppen an der Ostfront. Die Vorstellung, gegen die Sowjetunion einen ähnlichen „Blitzsieg“ zu erringen wie gegen Frankreich, war gescheitert. Der Wehrmacht standen in Moskau 34 winter-erprobte russische Divisionen gegenüber. Mehrere deutsche Generäle verweigerten sich Hitlers „Haltebefehl“ an der Front und wurden daraufhin durch hitlertreue Befehlshaber ersetzt.




