

Einer gegen (fast) alle: Beim SZ/BZ-Stammtisch zur geplanten Flugfeld-Klinik sieht sich Prof. Dr. Axel Prokop einer großen Zahl an Kritikern ausgesetzt. Der Chefarzt für Unfallchirurgie am Klinikum Sindelfingen-Böblingen versuchte mit Argumenten für das Flugfeld als idealem Standort zu überzeugen: „Viele ambulante medizinische Dienstleister haben sich bereits rund um den künftigen Klinik-Standort angesiedelt. Dadurch ist später ein optimales Versorgungsnetzwerk für die Patienten gewährleistet. Zudem wird dort die gesetzliche Hilfsfrist von 15 Minuten für den gesamten Bereich von Sindelfingen und Böblingen eingehalten.“
Dabei lebt man seiner Meinung nach im Kreis Böblingen im „Land der Glückseligen. Wir bekommen ein modernes großes Klinikum mit allem Schnickschnack. Die medizinische Versorgung der nächsten 50 Jahre ist mit der Großklinik auf dem Flugfeld für die Städte Sindelfingen und Böblingen und die Umgebung auf höchstem Niveau gesichert“. Danach würden sich andere Städte die Finger lecken. Auf dem Flugfeld entstehe ein vom Land und Kreis gefördertes Klinikum mit optimaler Vernetzung aller Disziplinen, moderner Ausstattung und zentraler Erreichbarkeit für die Bürger direkt vor ihrer Haustür, so Prof. Dr. Axel Prokop, der auch Kreisrat ist.
Peter Kirn, ehemaliger FDP-Stadtrat aus Böblingen, hält dem entgegen: „Wir haben zwei frisch renovierte Krankenhäuser an idealen Standorten, im Wald, außerhalb der Stadt, aber in Autobahnnähe. Beide Krankenhäuser können beliebig erweitert werden, da das anschließende Gelände jeweils städtischer Wald ist. Das neue Krankenhaus dagegen liegt mitten im Gewerbegebiet.“ Der geplante Standort auf dem Flugfeld war laut Peter Kirn für Unternehmen vorgesehen. „Der Verlust der Gewerbeflächen kostet die Städte Böblingen und Sindelfingen mehr als 100 Millionen Euro Gewerbesteuer in den nächsten 20 Jahren“, rechnet Peter Kirn vor.
Vor allem die „fehlenden Kapazitäten“ sind für Architekt Eckart Hörmann aus Böblingen ein Dorn im Auge: „Für mich sind in der geplanten Flugfeld-Klinik Erweiterungsmöglichkeiten für neue, noch nicht bekannte Behandlungsmethoden und neue medizinische Anforderungen nicht erkennbar.“ An den bestehenden Standorten sind laut Eckart Hörmann genügend Erweiterungsmöglichkeiten noch nicht ausgeschöpft. „In Böblingen etwa ist der Bau einer neuen Klinik neben der vorhandenen durchaus möglich, nach Fertigstellung, Umbau oder Abriss der alten Gebäude.“ Als Beispiel sieht er das Stuttgarter Katharinenhospital.
„Die Doppelvorhaltungen von Pforten, Notaufnahmen, Operations- und Intensivstationen kosten pro Jahr 5,3 Millionen Euro. Veraltete Sanitäranlagen und neue Brandschutzverordnungen erfordern für einen zukunftssicheren Betrieb zeitnahe, hohe Investitionen und Umbaumaßnahmen, um weiter wettbewerbsfähig zu bleiben“, entgegnete Axel Prokop.
Auch bezüglich der fehlenden Erweiterungsmöglichkeiten hat der Chefarzt eine andere Meinung: „Die Größe der Klinik ist exakt den zu erwartenden Patienten und der demografischen Entwicklung angepasst.“
Das Thema Fachkräftemangel treibt Professor Prokop ebenfalls um: „Ein solches Vollversorger-Klinikum mit kompletter Weiterbildungsermächtigung ist in Zeiten des Fachkräftemangels sowohl für Pflegekräfte als auch für Ärzte ein wichtiges Kriterium.“
Heutzutage muss ein Krankenhaus zentral liegen und im Notfall schnell erreichbar sein und alle Disziplinen eng verzahnt mit kurzen Wegen unter einem Dach vorhalten, um die Patienten optimal zu versorgen. Dies wäre bei der Flugfeld-Klinik im Gegensatz zu den beiden bisherigen Standorten der Fall, so der Mediziner.
Auch das Thema Luftverschmutzung und Lärmbelästigung kennt Axel Prokop aus vorherigen Diskussionen: „In dem Moment, in dem unsere Patienten über den Wald nachdenken, sind sie bereits schon entlassen. Lärmschutzgutachten, die beim Bau berücksichtigt werden müssen, sind in den Entwürfen der Architekten umgesetzt.“
Was die Finanzierung betrifft, steht das Projekt auf gesunden Beinen, machte der kaufmännische Geschäftsführer des Klinikverbunds Südwest, Martin Loydl, deutlich. „Die Finanzierung des Neubaus beruht auf drei Säulen: Förderung durch das Land Baden-Württemberg, Darlehensaufnahme und Zuschüsse des Landkreises. Wir haben uns andere Häuser angeschaut, etwa in Villingen-Schwenningen oder Winnenden und haben den Vorteil, dass wir aus deren Fehlern lernen können. Was die Projektstruktur anbelangt, sind wir sehr gut aufgestellt. Und das ist schon mal ein ganz wesentlicher Garant, dass das Projekt erfolgreich in der Zeitschiene abgewickelt werden kann“, so Loydl.
Die Bürgerinitiative „Flugfeldklinik? Nein, Danke!“ war beim SZ/BZ-Stammtisch mit Claudia Mroczkowski, Peter Brozio und Dr. Eckhart Leistikow vertreten. „Wir sind nicht gegen ein modernes Krankenhaus, sondern einzig und allein gegen den Standort. Die medizinische Versorgung auf höchstem Niveau ist auch in den beiden Kliniken möglich“, so der Sindelfinger Dr. Eckhart Leistikow. Der Maichinger Peter Brozio sagte: „Statt eines Neubaus auf dem Flugfeld sollte eines der bestehenden Krankenhäuser als Hauptklinikum ausgebaut werden.“
Obwohl die Emotionen bei der zweistündigen Veranstaltung im Restaurant Paladion immer wieder hochgingen, sorgte Gunter Anhalt aus Sindelfingen für einen versöhnlichen Abschluss: „Ich finde es toll, dass die SZ/BZ zu diesem heiklen Thema einen Stammtisch initiiert hat.“
Volles Haus beim SZ/BZ-Stammtisch im Böblinger Restaurant Paladion. Bild: Krauter




