

Sindelfingen. Neulich hat Thomas Jaskolka (Bild: z) einen Artikel gelesen, in dem viele Dinge angesprochen wurden, die ihm selbst unter den Nägeln brennen. In dem Bericht ging es darum, dass Wohlfahrtsverbände Alarm schlagen, weil personelle Engpässe dazu führen, dass täglich Dutzende Anfragen im stationären oder ambulanten Pflegebereich abgewiesen werden müssen. Gravierende Missstände, mit denen der 42-jährige Sindelfinger, der seit mehr als 25 Jahren in verschiedenen Bereichen der Pflegebranche tätig ist, in seiner tagtäglichen Arbeit konfrontiert wird.
Um dagegen anzusteuern hat er jetzt einen offenen Brief verfasst. Empfänger: Gesundheitsminister Prof. Dr. Heiner Lauterbach, Landes-Gesundheitsmiinister Manfred Lucha, die Böblinger Bundestagskandidaten Jasmina Hostert (SPD), Marc Biadacz (CDU), Dr. Florian Toncar (FDP), Tobias Bacherle (Grüne), die Landtagsabgeordneten Thekla Walker (Grüne), Matthias Miller (CDU) und Florian Wahl sowie den Böblinger Landrat Roland Bernhard, dessen Calwer und Freudenstädter Kollegen Helmut Riegger und Dr. Klaus Michael Rückert. „Die Situation im Pflegebereich ist für mich und für viele andere frustrierend“, sagt Thomas Jaskolka. „Aber wenn man immer nur alles hin nimmt und nichts macht, wird sich nichts ändern.“ Durch den offenen Brief hoffe er darauf, dass die Probleme gehört und verstanden werden. „Ich erwarte erst einmal keine Lösungen aber wünsche mir, dass es einen Austausch gibt, um gemeinsam Lösungen zu finden.“
Thomas Jaskolka leitet aktuell das Pflegemanagement bei der Sindelfinger Stiftung Innovation & Pflege – ein Anbieter ambulanter Versorgungsformen unterschiedlichster Art in den Landkreisen Böblingen, Freudenstadt und Calw. Darüber hinaus werden von Stiftungs-Mitarbeiterinnen rund 300 Bewohner in unterschiedlichen betreuten Wohnanlagen betreut, wobei ein größerer Teil auf den Pflegedienst angewiesen ist. „Ich bekomme täglich mit, dass viele Dienste vor der ausweglosen Situation stehen, Kunden aus den ambulanten Diensten zu kündigen, da aufgrund pflegerischer Versorgungsengpässe die Aufrechterhaltung des normalen Betriebes nicht möglich ist“, schreibt er in seinem offenen Brief. „Auch Kollegen stationärer Träger berichten von ähnlichen Herausforderungen.“
Im Brief schreibt Thomas Jaskolka, der im Sindelfinger Gemeinderat für die ausgeschiedene Ingrid Balzer in die Fraktion der Freien Wähler nachrücken wird, davon, dass seine Besorgnis über den aktuellen Versorgungsstand immer größer wird. Davon, dass ein gravierender Mangel an Pflegekräften – nicht mehr nur an Fachkräften, sondern mittlerweile auch an Hilfskräften besteht, der die vorhandenen Pflegekräfte enorm belastet. „Dies wirkt sich sowohl auf die Qualität der Pflege als auch auf die psychische und physische Gesundheit der Pflegekräfte aus“, so Thomas Jaskolka. „Pflegekräfte sind nicht zuletzt aus den zusätzlichen Anforderungen der drei zurückliegenden Pandemiejahre mit Maskenpflicht und Testverordnung, sowie der Pflicht zur Impfung müde und erschöpft, viele verlassen den Beruf.“
Den Politkern teilt Thomas Jaskolka zum Teil Altbekanntes mit, zum Beispiel, dass der Pflegeberuf in seiner Attraktivität lange Zeit vernachlässigt wurde, von schlechter Bezahlung und ungünstigen Arbeitszeiten. „Vor allem der so gut wie nie verlässliche Dienstplan und permanentes Abdecken von fast nicht mehr kompensierbaren Ausfällen durch die fehlende Anzahl an Mitarbeitenden bringt die Beschäftigten zum Gehen“, verdeutlicht er die prekäre Situation. Und: „Die Ausbildung von Pflegekräften deckt nicht annähernd den immer größer werdenden Bedarf an qualifiziertem Pflegepersonal.“
All dies führe laut Thomas Jaskolka dazu, dass die Anforderungen an die Pflege jetzt nicht mehr bewältigt werden können. „Ich möchte Sie dringend bitten, sich diesem Problem anzunehmen und Maßnahmen zu ergreifen, die eine Verbesserung der Versorgungssituation in Landkreisen, Land und Bund gewährleisten“, schreibt er.
Zudem berichtet er von weiteren Themen, die die tägliche Arbeit zusätzlich erschweren. Unter anderem beklagt er immer komplexer werdende rechtliche Anforderungen an Pflegeeinrichtungen. „Die geltenden und immer wieder neuen Vorschriften wirken sich auf den Personaleinsatz aus. Um die Personalschlüssel einzuhalten und die Menschen zu versorgen, macht die Pflegebranche immer wieder notgedrungen Kompromisse in der Personalauswahl – was bei Kunden und Kollegen zu Frustration führt“, so Thomas Jaskolka. Dies führe bei vielen Trägern „zu einem regelrechten Überbieten und Buhlen um Kräfte untereinander“ mit Fangprämien, Dienstwagen oder zusätzlichem Urlaub. Viele kleine Träger könnten da allerdings nicht mithalten.
„So bleibt der Einsatz von Zeitarbeitskräften bei vielen unumgänglich, um die steigende Zahl der Pflegebedürftigen bewältigen zu können“, schreibt Thomas Jaskolka. Das wiederum führe einerseits ebenfalls zu extrem erhöhten Kosten und Qualitätsproblemen. Und andererseits sorge dieses Vorgehen für weitere Unzufriedenheit sowie Abwerbeversuchen beim Stammpersonal, weil deren Schichten um die Zeitarbeitskräfte herum geplant werden müsse. „So kann keine Pflegeeinrichtung, sowohl ambulant wie auch stationär, überleben“, fasst Tomas Jaskolka zusammen.
Darüber hinaus weist er darauf hin, dass die Corona-Pandemie die Pflegebranche zusätzlich belastet habe und wünscht sich mehr Unterstützung von Bund, Land und Kommunen, indem sie beispielsweise die notwendigen Mittel zum Schutz der Mitarbeiter und Kunden kostenlos zur Verfügung stellen. Diese nämlich müssen seit Juli wieder durch die Einrichtungen getragen werden.
Dass die Politik in dieser prekären Situation entschieden hat, das Infektionsschutzgesetz anzupassen und zusätzliche Personalressourcen für die Umsetzung ihrer neuen Regeln und Gesetz einzufordern, stößt bei Thomas Jaskolka auf Unverständnis. „Viele Maßnahmen werden gefordert, deren Wirkungsgrad in der Praxis nicht logisch nachvollziehbar ist oder ein Missverhältnis aus administrativer Arbeit und pflegerischen Versorgungsauftrag herbeiführt“, schreibt Thomas Jaskolka. „Mit jeder neuen Verordnung greift die Politik auf die ohnehin sehr knapp bemessenen Personalressourcen der Pflegeeinrichtungen zu. Dieses Verhalten wird von sehr vielen Trägern und Mitarbeitenden als Gängelung in einer ohnehin schwierigen Zeit empfunden. Wie und ob die Einrichtungen die geforderten Maßnahmen umsetzen können, bleibt dabei unberücksichtigt.“
„Was sollen die Pflegeorganisationen noch leisten?“, fragt Thomas Jaskolka. „Wir stehen nicht nur im Pflegekollaps, sondern auch vor einem Kollabieren der Verwaltungen.“ Hinzu komme die aktuelle Kostenentwicklung, die auch alle Pflegeeinrichtungen zusätzlich belaste – auch hierzu brauche es eine schnelle Lösung, die die Existenz von vielen Trägern bedrohe.
In der Hoffnung, sich mit politischen Entscheidungsträgern über die kritische Situation , in der sich der Pflegebereich befindet, austauschen zu können, hat Thomas Jaskolka vor einer Woche den offenen Brief verschickt. „Eine Rückmeldung habe ich noch nicht bekommen“, sagt er. „Aber ich hoffe, dass sich zumindest einige unserer Abgeordneten in den kommenden Tagen bei mir melden.“