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Anwerbeabkommen 

Vom Gastarbeiter zum Deutschen mit Migrationshintergrund

Mit einem Festakt zum 65. Jahrestag des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens eröffnet die Stadt Sindelfingen eine Aktionswoche, die an die Geschichte der türkischen Einwanderung erinnert.

Sindelfingen. Am Rednerpult im Rathausfoyer prangt wie üblich das Stadtwappen. Aber diesmal auch ein Fähnchen sowohl der Bundesrepublik Deutschland wie der Türkei. Denn auf den Tag genau erinnert Sindelfingen mit einem Festakt hier an ein Ereignis, das 65 Jahre zuvor die Weichen für eine nachhaltige Veränderung der deutschen Geschichte und Gesellschaft stellte. Am 30. Oktober 1961 wurde das deutsch-türkische Anwerbeabkommen unterzeichnet.

Damit wurde nicht nur ein neues Kapitel für die BRD, sondern auch ein neues Kapitel in der Sindelfinger Geschichte aufgeschlagen, sagt nach Musikouvertüre mit dem Türkischen Kultur- und Musikverein Böblingen e.V. zum Auftakt dieses Festakts Almut Cobet, Leiterin des Amtes für soziale Dienste: „Das hat viele Menschen ganz wesentlich beeinflusst.“

Sindelfingens OB Markus Kleemann skizziert in seiner Festrede die damaligen Rahmenbedingungen, die zu dem Abkommen führten. Es war die Zeit des Wirtschaftswunders und damals herrscht Arbeitskräftemangel. Auf vier offene Stellen kommt ein Bewerber, so Kleemann. Sechs Jahre nach der Unterzeichnung, 1967, leben rund 600 Menschen mit türkischem Pass in Sindelfingen, 1977 sind es 2 500. „Das sind Menschen, die Mut bewiesen und sich auf ein neues Leben eingelassen haben“, sagt der OB: „Die 1. Generation hat einen wichtigen Beitrag zum wirtschaftlichen Erfolg des Standorts beigetragen und das unter schwierigen Bedingungen.“ Sie verrichteten Schichtarbeit, ihre Familien waren oft in der Türkei geblieben und neben Sprachbarrieren gab es Vorurteile. Kleemann erinnert auch daran, dass an Integration 1961 auch überhaupt nicht gedacht wurde.

Heimat statt Rückkehr

Im Gegenteil. Die Menschen sollten nur auf Zeit hier sein, erklärt in seinen Grußworten der Landesminister für Soziales und Arbeit, Oliver Hildenbrand. Tatsächlich war beim Abkommen an ein Rotationsprinzip gedacht, nach zwei Jahren in Deutschland sollten die ‚Gastarbeiter‘ genannten Menschen zurück in die Türkei und durch andere Arbeitskräfte von dort ersetzt werden. „Doch das Leben kam dazwischen“, so der Minister. Aus dem Arbeitsort wurde eine Lebensort und eine Heimat. Ihre Nachfahren arbeiteten heute bei der Polizei, in der Politik, in der Verwaltung oder seien auch Unternehmer macht Hildenbrand eine lange Liste auf, die mit ihrer Außenperspektive wie eine 100-Prozent Integrations- und Erfolgsgeschichte aussieht. „Viele haben immer noch das Gefühl, dass sie noch nicht richtig dazugehören, Fremde sind und auch so behandelt werden“, relativiert er indes diese Perspektive und ruft auch mörderischen Hass in Erinnerung, der den ‚Gastarbeitern‘ und deren Nachfahren entgegenschlug in den Anschlägen von Mölln, Solingen, vor 6 Jahren erst in Hanau oder auch den Morden des NSU-Terrors.

Diesem Hass, dieser Ausgrenzung hält Hildenbrand ein klares Bekenntnis entgegen. „Ohne sie wäre unser Wohlstand, unsere Gesellschaft nicht denkbar“, erinnert er an die Leistung der als Gastarbeiter Gekommenen und deren Nachfahren: „Sie gehören in das Herz unserer Gesellschaft. Baden-Württemberg ist ein Land mit Migrationshintergrund.“

Das Abkommen selbst sei 1961 nur eine Randnotiz gewesen, erinnert der Stellvertreter des Landrats Martin Wuttke daran, dass damals ganz andere Ereignisse die Öffentlichkeit beschäftigten wie der Bau der Berliner Mauer. Aber, so Wuttke, das Abkommen habe letztlich die Wirtschaftsgeschichte im Kreis geprägt. Obwohl es keine Sprachkurse und Integrationsangebote gab, die Menschen oft an den Rand gedrängt wurden, letztlich hätten sie die Gesellschaft und Arbeitswelt aktiv mitgeprägt. „Unser Landkreis wäre nicht annähernd so wirtschaftsstark ohne diese Menschen. Sie haben entscheidend an der Erfolgsgeschichte unseres Landkreises mitgeschrieben“, sagt Wuttke und appelliert: „Lassen Sie uns kein Gegeneinander aufzwingen. Lassen Sie uns die Zukunft unseres Landkreises gemeinsam gestalten.“

Was es heißt, dazuzugehören

Der in Maichingen aufgewachsene Schauspieler Angelo Serdar Basar lässt mit einer Soloperformance die Jahrzehnte türkischen Lebens in Deutschland Revue passieren und bekennt zwar als Kunstfigur Ali Ahmet, aber wohl doch sehr persönlich: „Fast 30 Jahre hat mich die Identitätsfrage beschäftigt.“ Zunächst sei man Gastarbeiter gewesen, dann Ausländer, später Einwanderer, Migrant und zuletzt Deutscher mit Migrationshintergrund. „Was für ein Upgrade“, sagt Basar mit ironischem Unterton, appelliert und bekennt indes ganz ernst: Lasst uns Mauern durchbrechen. Er wolle keine Mauern um sich, sondern deren Abbruchstücke als Bausteine, um Brücken zu bauen. „Ich bin Weltenbürger. Ich bin stolz, ein waschechter Maichinger und Sindelfinger zu sein“, so Basar: „Hier kann ich sein, was ich bin.“

OB Kleemann, in dessen Stadt heute 13 türkische Vereine existieren, hatte als wichtige Integrationsfaktoren neben der Wirtschaft auch die Gewerkschaften namhaft gemacht. Einen prominenten Vertreter unter ihnen, der als Kind von seinem damals bei Daimler arbeitenden Vater aus der Türkei ins Ländle geholt wurde, interviewt Almut Cobet. Ergun Lümali, Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats der Mercedes-Benz-Group, erzählt von seiner Familiengeschichte. Auch, dass seine Schwester in der Türkei bleiben musste und so bei Verwandten aufwuchs. „Ich habe schnell gelernt: Mit Migrationshintergrund musst Du etwas mehr leisten als ein Deutscher, um weiterzukommen“, erzählt Lümali, der mit Eltern in Schichtarbeit oft ohne sie auskommen musste. Dazu verhehlt er nicht, auch großes Glück gehabt zu haben auf seinem Lebensweg, etwa mit der Nachbarschaft. „Ohne die Nachbarn in Gechingen hätte das auch ganz anders ausgehen können“, sagt Lümeli und macht bei gleichzeitiger Mahnung zur Verhinderung und Auflösung von Ghettos so eine abstrakte Formel greifbar: „Integration ist keine Einbahnstraße.“

Am ersten Tag ihres Amtsantritts als Generalkonsulin der Türkei bedankt sich bei ihrem Grußwort Balca Kurhan Elayouti bei Sindelfingen für die Ausrichtung des Festakts und bilanziert 65 Jahre nach dem Abkommen: „Die türkische Gemeinschaft ist keine Gemeinschaft der Gastarbeiter mehr sondern ein fester Bestandteil der Gesellschaft geworden.“

Der Festakt selbst war nur der Auftakt für eine bis zum 7. November laufende Sindelfinger Aktionswoche zu den auch mit anderen Staaten geschlossenen Anwerbeabkommen unterm Titel: „...Es kamen Menschen: Wie die Gastarbeit den starken Wirtschaftsstandort und das Leben in Sindelfingen geprägt hat“.

Die Veranstaltungen:

Mo. 2. Nov. 12 Uhr bis Fr. 6. Nov. 13 Uhr Ausstellung im Rathausfoyer “…es kamen Menschen: Wie die Gastarbeit den starken Wirtschaftsstandort und das Leben in Sindelfingen geprägt hat.“ Ausstellungsbesuch während der Rathaus-Öffnungszeiten.

Mo. 2. Nov. bis Sa. 7. Nov., Interaktive Ausstellung für Erwachsene und Kinder im Buchtauschraum im EG des Stern Center, besuchbar zu den Center-Öffnungszeiten 9-20 Uhr.

Di. 3. Nov., 14.30 – 16 Uhr und nochmals Do., 5.Nov., 17.30-19 Uhr, Sozialdienst muslimischer Frauen, Feldbergstraße 77, Sindelfingen, Gesprächsrunde „Lebenswege“ mit Lesungen und Gesprächen zu Aufbrechen, Ankommen, Heimat finden des Sozialdienstes muslimischer Frauen, Feldbergstraße 77, Sindelfingen. Anmeldung erwünscht unter sindelfingen@smf-verband.de.

Dienstag, 3. Nov., 18 Uhr, Rathausfoyer, Podiumsdiskussion „Ankommen aus Sicht der Gastarbeiter bzw. der Neuzuwandernden“ Impulsvortrag und Diskussion mit u.a. Dr. Levent Günes, Ministerium für Soziales, Arbeit und Gesundheit Baden-Württemberg und Sindelfingens Wirtschaftsförderer Felix Rapp. Anmeldung erwünscht unter kendra.sanseverino@sindelfingen.de.

Mi. 4. Nov, 14.30 Uhr, im Bericht „Meine Zukunft in Sindelfingen verdanke ich meinen türkischen Großeltern“ erzählt die stellvertretende Ortsvorsteherin von Maichingen Berfin Ciloglu wie sie ins Maichinger Bezirksamt kam; katholisches Gemeindezentrum St. Stephanus, Haigerlocher Str. 1, Darmhseim.

Do., 5. Nov., ab 18 Uhr im CVJM-Haus, Seestraße 10, Sindelfingen, „Rezepte gegen Heimweh“ – Gemeinsam kochen, essen und ins Gespräch kommen: Zugewanderte, Geflüchtete und alle am Austausch Interessiert sind zu einem Abendessen der Begegnung eingeladen.

Sa., 7. Nov, 10-12 Uhr, Pavillon IG-Kultur, Calwer Str. 36, Sindelfingen: Welf Schröter erzählt die Lebensgeschichte von Paco Lloréns, der aus Spanien vor der Franco-Diktatur floh und über viele Jahre in Sindelfingen die ‚Gastarbeiter‘ unterstützte.

Sa., 7.Nov, ab 16 Uhr, Hohenzollernstr. 21, Sindelfingen: Internationales Tischfußballturnier, Teilnahme kostenlos, Spontangäste willkommen aber Anmeldung erwünscht unter info@tsv-sindelfingen.de.

Ausführliche Infos zum gesamten Programm der Aktionswoche unter www.sindelfingen.de/anwerbeabkommen.